Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 21 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ÄS 21. Jüdisches 1889. L^iUev-F/-// $erau»gegcben von Dr. «. Nnhmer in Magdeburg. Zn Ulltnhaltrns». Ktlehnag fir dir isracklische jaailie. ^_ r r, Herzenlabel. Eine kujawische Erzählung au« dem Anfänge unsere» Jahrhundert». Bon Johanna. — Allerlei für den AltDQlt! Familien tisch: Da« «ebet eine« «underrabbi. Der billigste Arzt. — Aut dem Spruchschah de« Talmud. Poetisch übertragen +* v von Max Weinberg. - Räthselanfgaben und Räthsellösungen. (Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte untersagt.) Herzerr-adel. Eine kujawische Erzählung au« dem Anfänge unsere» Jahrhundert». Bon Jo.hanna- 15] - Aber noch «ar dieser Bericht nicht beendet, als ein verdeckter Lagen vor dem Hause hielt und au» demselben ansstieg — Pan Franschischek. Vergessen war Krankheit und Schwäche! Mit fröhlichem Gestchte begrüßte ihn Frau von Konorski, wie einen zum Hause Gehörigen, aber er schien etwa» verlegen, Dr. Rembrand, den Hausarzt der Frau van Winiawtka, hier zu finden. Auf dessen Frage über da« Be» finden der gräflichen Familie, antwortete er zerstreut um sich blickend, daß man den Herrn Doktor erwarte und eia Wagen nach I. geschickt sei, ihn zu holen. „Ich reise denn mit Ihnen, lieber Pan Franschischek," sagte Dr. Rembrand. „Sie haben doch nichts dagegen?" Selbstverständlich willigte der Angeredete höflich ein» während sein Auge jener Portiäre zuflog, durch die Fräulein Wanda in geschmackvoller, kostbarer Toilette mit der Grazie und Koketterie einer Odaliske eintrat, nur nicht, wie gewöhnlich, dem jungen Manne an den Hal» fliegend, was durch die Gegenwart des Arzte» verhindert «ar, dem die Mutter ihre Tochter vorstellte. Herr von Konarski, der mit groben, geflickten, riods» lederuen Siieseln in dem ungepflafterten, sumpfigen Gehöfte umher stampfte, hatte seinen undezogeaen Schafpelz über seinen fadenscheinigen Rock gezogen und gab seinen verschossnen rothen Fetz mit langer Troddel dem Regen preis. Wer hätte in diesem Manne den vor zehn Jahren flottesten Tänzer, der von Herren und Dame« im Salon wie an de« Spieltischen von Homburg, Pyrmont nnd andern berüchtigten Spielhöllen bewunderten Löwen de» Tage» erkannt? I Gr bemerkte Wanda und Pan Franschischek am Fenster im traulichen Gespräche nnd grüßte erfreut. Hoffte er doch, den Sproß eines edlen Geschlechtes bald al» seinen Schwiegersohn begrüßen zu können. Man deckte die an verschiedenen Stellen geborstene weiße Marmorplvtte eines Eßtisches mit feinem Tafeltuche. Rur Teller und Gläser hatten Defekte, die neben feinem Silbergeräthe, einen keineswegs harmonischen Eindruck hervorriefen. Befremdet bemerkte Dr. Rembrand die Gegensätze dieser sonderbaren Umgebung, aber er dachte nicht weiter darüber nach, als die vortrefflich zubereiteien Speisen der polnischen Küche aufgetrageo wurden, die eben durch ihre auserlesenen k> ästigen aber einfachen MenuS der künfttiche« französischen, wie der gar zu naturalistischen englischen vorzuziehen ist. Die feine« Täßchen, entweder am Rande beschädigt oder ohne Ohr, füllte der aromatische Kaffee, zu welchem der türkische Tabak in den Pfeifen aus Weichselrohr eine köstliche Zugabe war. Pan Franschischek setzte einige Flaschen alle» UngarweinS aus dem gräflichen Keller mll Erlaubniß der Herren auf den Tisch. Die Gesellschaft «ar sehr augeregt und Dr. Rembrand hörte verschiedene Name» nennen, die er nicht kannte, aber au» dem, was ihm dabei verständlich ioar, entnahm er. daß man nicht eben schonend uriheilte. Pan Frauschischek, der sonst so Schweigsame bei angemeffener Unterhaltung, war heute unerschöpflich in flachen Bemerkungen, geistlosen Witzen und eben nicht zarten Neckereien, die aber gleichwohl »hren Lohn fanden in dm deistimmenden Erwiederungen und dem leichtfertigm Gelächter seiner Zuhbrerinnen, an die er sich besonder» in der Unterhaltung wendete, während Herr von Konarski durch zweideutige, plumpe Witze immer neue» Lachen hervorrief. Man stieß häufig die Gläser an, man trank auf da« Wohl der Damen auf .das was wir lieben", wobei ausdrucksvolle Blicke zwischen den jungen Leuten gewechselt wurden und endlich auf da» Vaterland und Napoleon: „ Jescoze Polska nie zginela“ sangen alle begeistert und Dr. Rembrand mußte sein zweites Glas füllen, wollte er nicht dm allerdings gutmüthigm Hohn über seine Mäßigkeit wiederholen hören. Fräulein Wanda setzte sich plötzlich au da» seit Jahren nicht gestimmte Clavier, um ihren Gesang, ein Lieblingslied ihres Geliebten, zu begleiten. Kenn: ihr den Eraknsen Mit der Pfane»se>«r, MN de« rothen München Und de« Eurt von Lederftlingcn dran die »läckchen sein: Liebchen soll'» ein Zeichen setnl Sielt ich durch die Felder Steigen sich die Aehreu; Wie den reichsten Fürsten Wollen sie mich ehren. Pferdchen vortoärt«, hopp, hopp, hopp, Trag zn ihr »ich i« Galopp. Jage durch da» Dörschen Daß der Stand hoch steige, Meine Sporenstiefel Elt» gen wie die Geige. Blicken mir die Mädchen nach, Ich nur meine Luda mag.*) Pan Franschischek aber faßte sie um ihre Taille und vor der Hausfrau auf ein Knie sinkend, bestürmte er sie, eine« Wrattok zu spielen. Sie gewährte sofort seine Bitte und nun flog da» Paar, dem Ramm des Tanze« „Sturmwind" Sinn und Bedeutung gebend, durch da« Zimmer. In bachanttscher Lust wirbelte da» Paar umher, bald recht», bald links, daß die Dam« von einem Arm de» Tänzer» in den andern flog, sicher vor jedem Unfall durch seinm sie umschlingenden muSkulösm Arm geschützt. In rythmischer wilder Bewegung beugte er plötzlich vor seiner Tänzerin ein Kaie» ohne sie los zu laffm, sendete ihr rinm flehmden Blick empor, de« ein verheißungsvoller auS ihren gesenkten Augen antwortete. Der Rythmu« des Tanze» war dadurch nicht unterbrochen, dmu so »ft und so schnell der Tänzer niedrrkniete, schnellte er >mpor und stand wieder an ihrer Sette, durch da» Zimmer fliegend. Welche wilde natürliche Grazie bewegte die schlankm, biegsamm Glieder der Taazmdm l Die griechische Muse des Tanze» hätte hier vielleicht rin nmrs Gmre ihrer •) Polnische, Lied.