Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 19 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
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die einem Andern gehörte, schwankte er aus dem Zimmer, wo er die glücklichsten Stunden der Lindheit verlebt, wo er noch vor Kurzem gehofft, die holde Einsamkeit der Geliebten theilen zu dilrfen, obgleich er sich manchmal gefragt, ob Esthersreundlite Zuneigung Liebe fei. In seinem Zimmer angelangt. brach er zusammen, -alte Trovstn standen auf seiner Stirn, da» Auge starr, da» Antlitz todtenbleich, wühlte er mit kalter Hand »n seinem Haare. Nur allmählich ließ dieser Zustand nach, um ihm sein verlorene« Glück in grausamer Klarheit zu zeigen. „Du hast mich unendlich glücklich und elend gemacht, Esther", sprach er leise vor sich hin. „Ich werde dich ewig liebe« und mein Bestreben, Dir beizustehen, wird mich erhalten. Du Arme, dein Leben wird in nutzlojen Kämpfen »ergehen, wie da« me«ne. Du bist zu fromm, um dem Glauben deiner Bäter zu entsagen und eine zu gute Tochter, »m deinen Eltern ein nicht zu ertragende« Leid zu bereiten. Ich sehe dich al« Opfer fallen, meine Liebe kann dich nicht retten I" Solche Gedanken zogen durch sein erhitzte« Gehirn und «» war Abend geworden, ohne daß er e« bemerkte. E« zog ihn unwiderstehlich in da« theure Nachbarhau«, um zu höre», wie e« Esther gehe. Er wagte nicht danach zu frage», al« ihm Sara vor der HauSthür begegnete. Sie theilte ihm mit, daß fie Esther in ihrem Zimmer auf dem Sopha schlafend, aber erschreckend bleich gesunden. Durch ein Geräusch erwachte fie und schien sehr mal«. .Sie wollte aufstehev, ich ließ e« nicht zu; nachdem sie eine Tasse Thee getrunken, erholte fie sich; jetzt liest sie in dem Buche, da« du ihr geschenkt." Auch Gerson kam hinau«; er fragte den verlegnen Jüngling, ob er eine Veränderung an Esther aahrgenommen, al« er heute mit ihr im Garten gewesen. Er erwiderte, daß er fie sehr erregt gesunden. Die Eltern fragten, ob er z« Esther hingehen wolle, er verneinte e«. Arno fühlte, daß tu diesem Augenblicke seine Nähe weder ihr noch ihm heilsam sein könne; ob er sich selbst zu viel zugemuthet mit dem Gelübde, ihr zu aller Zeit beizustehen? Da« fiel chm schwer auf'« Herz. Die Nacht verbrachte er schlaflo»; sie reifte einen Entschluß tu ihm, den er für unerschütterlich hielt. Al« »och Alle« im Hause schlief, öffnete er leise di« Hau«thür, nm in« Freie zu eilen. S« fiel ihm nicht auf, taß die Sonne von schwere», dunkeln Sollen bedeckt war. Bon innerer Unrnhe getrieben war er bi» zu dem entfernten Walde gekommen, er wußte selbst nicht wie. E« erhob fich ein starker, schwüler Sturm au« Südwest, dunkle Wolkenmaffen jagten über den Wald, die fich bald in schweren Schichten auseinander lagerten, so daß «» schien, al« drücke die obere dw untere zur Erde nieder. Da« Gewölle schob fich zusammen, schwer und langsam, drohend wie'zum firge«gewiffeu Angriff. Fern ab hörte man den grollenden Donner und eine ngenthümliche, melancholische Stille senkte fich allmählich nieder. Im wagerechlen Fluge mit kaum hüibarem Flügelschlage schossen Vögel vorüber, die Bäume standen regungslos wie unttr dem Gebote einer eisernen Gewalt, kaum daß sich da« schon vielfack» gelb gezeichnete Laub der Silberpappel und da« zartt Blatt der Hängebirke bewegten. Eine Beleuchtung, al« wäre rlccttische« Feuer unter den Wolken, beleuchtete die Wipfel der Nadelhölzer in röthlichen Farben und da« Unterholz in grüngoldigem Scheine. Plötzlich fuhr eia dumpfer, langanhalteader Donnerschlag in eine am Rand« de« Walde« stehende, mächtige Buch«, und in zwei Hälften getheilt fiel der Stamm nieder, alle um stch her befindliche Hölzer und Sträucher zertrümmernd. Jetzt erhob stch auch der Sturm brüllend und schnaubend wie ein lebende« Ungeheuer. Er trieb die zusammengrballteu Sollen vor stch her, unter Donner und Blitzen, prasselte Hagel und strömte Liegen hernieder. Unser armer Spaziergänger erreichte da« Hau« al« da« Unwetter vorüber war; die Sonne brach hervor, ein Regenbogen von vollen, übersättigten Farbe« senkte stch friedlich vom Himmel zur Erde hernieder, unttr seinem weite« Bogen lagen die Wohnungen der Menschen mit ihrer Lust und ihrem Weh. Der Sturm in der Natur hatte Arno wohlgethan, die reine, balsamische Lust auch den Druck seiner Brust erleichtert. Er eilte, stch umzukleiden, und ging zu den Eltern, die von seinem Spaziergänge nicht« geahnt. Er fand sie am Kaffeetische, vom Wetter und gleichgiltigen Dingen plaudernd und fragtt so unbefangen wie möglich, ob die Mutter nicht wiffe, wie Esther geschlafen. Sara war eben dagewrsen, den Freunden Beruhigende« über ihre« Kinde« Befinden mitzutheilen. _ (Fortsetzung folgt) Orientalische Marranen. Bon Dr. I. Sregortz d'Srbell» tn Jerusalem. Jerusalem ist der Ort, in welchem Jeder, welcher ein Jnterrffe an dem Schicksal der jüdischen Nation nimmt, mehr über dieselbe erfahren kann, al» irgendwo ander« in der Welt. Meine Stellung al» Arzt an dem Rothschild'schen Ho»pital erleichtert mir die Einziehung von Erkundigungen bedeutend» denn ich nnterlaffe e« nie, jeden jüdischen Kranken über sein Gebur'Sland, sowie über die RcligionSverhältniffe seine« GcburtSoneS zu befragen. Bor kurzer Zeit kamen 4 persische Juden au« Mekka zu mir, um mich über ihren Gesundheitszustand zu coasultiren. Von diesen erfuhr ich folgende Thatsachen. welche hoffentlich die Leser Ihre« Blatte« interesfiren werden und welche ich so genau wie möglich mit ihren eigenen Worten wiedergebe: „wir sind in Mesched, einer der heiligsten Städtt Persien«, dem Mekka Iran'«, geboren und von dort, wo wir al« Hadschi« (mubammedanische Mrkkapilger) unsere Andacht verrichteten, hitrhergekommen. Die» möge Sie weder verdrießen, noch wundern, denn wir sind glaub««- treue und gute Juden. Bor ungefähr 50 Jahren aber wurden die Juden in Mesched von ihren fanatischen Mitbürgern bei Todrtstrafe gezwungen, den muhammedanischen Glauben zu bekennen. Um unsere Frauen und Kinder vor einem so furchtbaren Geschick zu rette», bekannttn wir un» äußerlich zu der herrschenden Religion. Wir besuchen unsere eigene Mrdschid (Moschee); unser Chacham liest au jedem Freitag da« Bekeanrniß öffentlich von dem Minaret derselben. Wir ttagen keine »Peoth-, sondern rasiren dieselben ganz glatt, so daß die Perser un« für gute Mo»lemin halten, denn unser Leben steht in fortwährender Gefahr. Wir Hab« jedoch einen Sch och et und befolg-n buchstäblich alle traditionelle« Schmchtregeln, so daß da» von un« verbrauchte Fleisch immer koscher ist Wir halte« auch die Beschneidung und andere Borschriften de« mosaische« Gesetze« und bei Hetrathen giebt unser Chacham die Kiddusch in. Am Neujahr«» und Versöhnung-feste halten wir in unser» Häuser« geheimen Gottk«dienst; wir thun auch unser Möglichste«, die Heiligung de« Sabbath» zu beobachten, und gehen mit Muhammedanern keine Mischehe ein. Wir führe» eia abhängige« Dasein und leben immer in Furcht, von den Persern der Anhänglichkeit an da« jüdische Gesetz beschuldigt zu werden. Ueber unsere materielle Lage haben wir un« nicht zu beklagen; wir sind vermögend und zahlreich (ungefähr 300 Familien) und stehen mit Rußland in Handel-Verbindung. Unsere Hauptindustrir ist dtt Fabrckatioa von Teppichen au« Seide und andern Stoffen. Wir würden einen Sieg der Russen al« die Befreiuag-stunde von «nserm fürchterlich« und schmachvollen Galuth freudig begrüßen. (Welch' traurige Selbsttäuschung l) Warum wir Mekka besucht«? Weil wir sehnlichst wünscht«, Jerusalem zu sehen und der Weg nach dieser