Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 19 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
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längst gut und Arno ist Deiner werth. Er ist ein guter Sohn und wird Dir ein lieber Mann sein. Warum weinst Du, Esiherleben?' Leine Antwort. »Er sieht und aeht Dir nach auf Schritt und Tritt. Ist Arno nicht ein lieber, schöner Junge?' Sie schwieg, eine Antwort erwartend. »Herzleben, Du weißt, wir lieben ihn wie einen eigenen Sohr und sind sicher, Ihr werdrt eia glückliches Paar." DaS Blut stockte der Zuhörerin tn den Adern, aber sich bezwingend, sagte sie mir dibender Stimme; »Muß ich denn so früh heirathen, Mutterleben? Ich bin Luch doch keine Last, ich will nichtsein als Eure gute Tochter." Sie umarmte schluchzend die Mutter. Ihr Vater war unbemerkt bei den letzten Worten «ingetretea. »Thorheit, liebe Tochter." sagte er so mild, wie es seine kräftige, sonore Stimme gestattete, »jede- Mädchen soll heirathen. Es steht geschrieben: »Verlasse das Hau» Deiner Eltern und folge Deinem Manne." Ueberlege in Ruhe, war Dir dir Mutter gesagt, Gott wird Deine Gedanken zum Guten lenken." »ütater," sagte sie flehend, »Alle» will ich Deinem Willen unterwerfen, aber versprich mir, wich frei handeln zu lasien, wie eS mir mein Herz sagen wird." »Wer seinem Herzen vertraut, ist rin Thor, wer abcr in Weisheit wandelt, wird gerettet." Da» sagt Dir Dein Vater, mein Lind. »Weine nicht, Esther," sagte Gerson fast bittend, »Du warst un« immer ein gehorsame» Lind. Du wirst auch jetzt nicht durch Ungehorsam die liebende Serge Deiner Eltern lohnen." Er faßte ihren Lopf mit beiden Händen und küßte zärtlich die thränenfeuchte Wange. Da» arme Mädchen eüte in ihr Stübchen, die Ettern sahen bewegt, aber sorgenlos nach. Sie meinteo, es sei nur märchenhafte Schüchternheit, was ihr Lind erregte. Sie reichten einander die Hand und Sara sprach: »Mit Gottes Hilie wird alle» gut werden." Esther fühlte sich wie eine Gerichtete. De» Vater- Wille war unerschütterlich und ihr heilig wie derjenige Gottes. Sie sah keiueu erlösenden Ausweg als den — Tod. Sie dachte an Luise und Ferdinand und mechanisch öffaete sie da» Buch, welches immer auf ihrem Tische lag. Zwischen dev Blättern fand sie die trocknen Blumen vom See, die Er ihr gegeben und sie betrachteud sagte sie zu sich selbst: »Ich kann leider nicht virgeffen» wie Luise, daß» außer Ihm noch etwas auf Erden sei. Ach, meine armer Eltern, mein lieber guter Arno!" E» ist wahr! Die Unverbrüchlichkeit unserer edelsten Gefühle bleibt doch die Axe, um die sich das ganze sittliche Lroen de» Menschen dreht. Die« war auch Esther'« Hall in ihrem Leiden. Nie hatte sie mit so tiefer Dankbarkeit dir zarte mütterliche Sorge, die Selbstbeherrschung des sonst so strengen heftigen BaterS erkannt, wir in diesem Augenbl.cke, obgleich er die zarteste Seite ihres Herzens so rauh berührt. Lonute er ahnen, wie weh er ihr gethan? Daakbarkeft ist einer Natur wie Esther« eine Quelle belebender Lrast, hier suchte und fand sie Mittel, de« liebenden, fti engen Gebote der Eltern immer ihre Kindesliebe zu bewahren. Sie überbot sich selbst um heiter, ja ftöhlich zu erscheinen wie sonst, und gelang es ihr die Geliebten zu täuschen, denn war sie mit sich zufrieden. Es kamen wohl Stunden der Ermattung, wo sie gleichgültig gegen Alles wurde, selbst g« gen sich; dann dachte sie, es lohne nicht, sich anders zu zeigen, als sie sei, sie «erde den schonend harrenden Ettern doch unausweichbar Bescheid geben müffeu, und der verzögerte, aber unvermeidliche Bruch trete dann um so schmerzlicher ein, dä sie nicht darauf vorbereitet seien. An einem Sonnabend Nachmittage, als die Elter» ihr Mittagsschläfchen hielten, war Esther die Stille umher! beängstigeud. E« litt sie nicht in de» vier Wände« ihres l Stübchens, in welchem alles um sie her zu wanken schien. | Sie eilte in « Freie, in da« Getreidefeld hinter dem Hause.! Der Birnbaum stand da seiner kleinen Früchte beraubt, seine > herbstlich gefärbten Blätter sielen still zu Esther« Füßen 1 nieder. Das Getreide war gemäht, die Stovpeln raffelten aneinander vom Winde bewegt, in trüber Oede lagen die! vor wenigen Tagen von goldaea Aehren geschmückten Oeete.! vereinzelt stand noch hier und da eine rothe Mohnblume : neben den grau gelben, dürren, wilden Mohuköpfen, die prau» , geude Blüthe neben dem verdorrten Alter; verblichene Loru- > blnmen lagen umher, von der Sense de« gleichgültigen! Mäher« getroffen. , Es ist Sterbenszeit I" dachte Esther, als sie die bedeutungsvollen Zeichen der Natur beobachtete, die sich zum langen Winterschlafe rüstete. Sie bemerkte Arno am Raine sitzend, den Lopf gedankenvoll auf die Hand gestützt. Ms sie sich ihm näherte, fuhr er erschreckt zusammen. Sie reichte ihm die Hand und setzte sich neben ihn. »Deine Hand ist so heiß, Esther," sagte er, sie besorgt anblickend, »Dein Auge blickt so unstät!" Sie kämpfte einige Minuten mit sich, dann erlöste sie sich aus diesem beunruhigenden, qualvollen Schweigen und mit bebender Stimme sprach sie im zärtlichen, gedämpften Tone: »Lieber Freund, der Du meine Kinderfreudeu und Leide» mit mir getheilt und mein Jugendleben so oft erheitert hast durch Deine immer gleiche Güte und Nachsicht mit meinen Schwächen; mich geehrt hast durch Dein vertrauen und mich geduldig aogehört Haft, wenn ich von meinen Mädchenlräumeu oft so kindisch sprach, — heute will ich Dein treues Thun belohnen!" Sie seufzte tief auf, strich sich über die gedankenvolle Stirn und — schwieg. »Was werde ich hören?" dachte Arno elektrtstrt von ihre» so beftemdenden Aeußerungen. »Kommt endlich das ersehnte beglückende Wort?* »Sei mein Vertrauter, geliebter Freund! Ach könntest Du wir Ratbgeber sein!" sagte sie mit leidenschaftlichem Tone und bedeckte ihre Augen mit den weißen abgemagerteu ändeu. »Nein, Du kannst es.nicht, denn nirgend« ist' ein usweg für mich!" Der tiefste Schmerz, die höchste Lttbe wie alle wahren und großen Leidenschaften machen selbst den besten Menschen tu gewifleu Momenten egoistisch. Sie schaffen eine Welt, welche uns berechtigter erscheint, als alles andere Bestehende. Das eigne »Ich" tritt gebieterisch io seine ihm unabänderlich düntende Rechte und macht uns zum Sklaven, wo man sich Herr zu sein düntt. Esther sprach zu dem Liebenden von ihrer L'tbe zu dem Grafen in jener Sprache, wie sie »der göttliqe Wahnsinn" allein eiozugeben vermag. Riemal» hatte Arno eine Ahnung dieser tiefen, leidenschaftlichen Natur. Wie ein Bergstro« von schwindelnder Höhr niednstürzt, beleuchtet von glühenden Blitze», unten im Thale fortspülrnd mit tosender Gewalt wa» blüht und duftet, so kam r» über ihn. — Schwindelnd schaute er in den Abgrund, dort schwammen auch die Trümmer seine» Lebensschiffchen» dahin, mtt Allem, wa» e» gettagen von Liebe, Hoffnung und Glück. Er stand vernichtet vor ihr. Die» hatte er nicht erwarttt, al» Esther da« unselige Gespräch begonnen. Er stützte di« Wankende und geleitete sie auf chre» Wunsch in ihr Zimmer. Er that e« mechanisch und ließ sie dort auf da« Sofa nieder. Eie winkte ihm, sich zu ihr zu setze». »Sei mein Bruder und sich' mir bei, Arno," flüsterte sie gleich einer Sterbenden, »versage mir nicht Domen Beistand." »Rechne aus mich," sagte er mit zitternder Stimme und ohne chre Hand zu berühren, die sie chm gereicht, die Haud,