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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 18 (1889) · p. Seite 68

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
18 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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„Q* in, y» in, mes enfants," ei tönte plötzlich von -er Allee her eine klüftige, männliche Stimme, die bekannten Ermunterung-Worte Napoleonan seine Armee repetierend. Arthur eilte mit flüchtigem Gruß an Esther vorüber, dageliebte Mädchen vor fremden Blicken zu schützen. Da erwachte diese plötzlich wie autiefem Traume. Erschreckt fragte sie sich, wie eS gekommin, daß sie, »de« Luden Tochier", einem Grafen f o gegenüber gestanden. „Er schämt sich Deiner, er hat sich Dir nur au» Geringschätzung zu nahen gewagt," flüsterte die Schlange, die Eva rm Paradiese bethöne. Und Esther erblickte den Engel mit dem feurigen Schwerte, der sie audem ihrigen vertrieb. Ein bitirrs Weh bestürmte sie, d:e Lippen zusammengeprrßt, sodaß sie brannten, da- Auge starr, blick« sie vor sich nieder. Sie fühlte, daß es der Kampf um ihre Seligkeit war, und nun wußte sie, daß sie liebe, liebe mit der ganzen Gluth ihrer reinen Seele. Aber wie die Morgensonne an jenem Tage ihrer ersten Reise die Nebil zerriß, so drang durch Schmerz und Zweifel die Sonne ihrer mächtigen Liebe. Ihr Auge verrieth ihr vollbewußtes Glück, als sie die verstreuten Blumm sammelte und sie gestand es sich reuevoll und beglückt, er habe sth ihrer nicht geschämt, er sei dazu nimmer fähig, der edle, herrliche Mann. Sie ging, die Blumen zum Kranze windend, dem Schlöffe zu und begegnete Arthur, der, sein eiliges Entfernen entschuldigend, ihr die Ursache zwar verschwieg, ihr aber doch wahrheitsgetreu berichten konnte, daß er die Stimme de- Freundes erkannte und (ittm besonderen Grund seine- Kommen» voraussetzte. Derselbe stand nämlich in der Garnison des Städtchen» und kam, um Abschied zu nehmen. Da die Nachricht von Napoleons Rückkehr neue kriegerisch« Maßregeln seiner Gegner hervorrief, sollten Truppenmessen gesammelt werden und auch diese Garnison hatte Ordre, au«jurücken. „Darf ich jetzt Frau von Winiawsta sehen?" fragt« Esther. »Wissen Sie, wie sie sich befindet?" »Ich komme eben von ihr, sie ist noch etwa« angegriffen, aber wieder wohl, wie es immer nach solchen Anfällm ist." »Mich hat ihr Zustand tief erschüttert, ich bin erfreut, beruhigt abreisen zu können, gnädige Frau," sagte Esther, al» sie die Gräfin wirdersah, die in der Veranda mit der Ehokolade auf Esther gewartet. »Du hast die Sache ernster genommen, als es nöthig ist, mein Und," versetzte diese. »Setze Dich zu mir, und trinke Deine Ehokolade. Arthur besorgt unterdeß die Equipage". Diesem fiel die Bläffe Esthers auf. er schrieb e», sich selbst täuschend, der Wirkung der Thrilnahme au der Gräfin zu. Er meinie mit sich zufrieden sein zu dürfen. Hatte er sich doch männlich beherrscht neben der Geliebten! Er kchrt« jetzt zurück, ein Sträußchen Vergißmeinnicht »nd Seerose» für Esther in der Hand. »Ihr wäret an dem Ser?" fragte die Gräfin. »Es war dort himmlisch," antwortete das erröthrad« Mcdchen, »den Kranz habe ich für Sie gewunden, Frau Gräfin." »Hänge ihn um Wanda» Bild, üb-r meinem Bettel Aber nun muß ich Dich zur Abreise mahnen, es wird Rächt, che Du zu Hause anlangst. Ich erwarte Dich recht bald wirrer," sagte sie, Esther umarmend und ihr Grüffe für die Ihrigen aufttageod. Die Equipage stand bereit, Arthur hob die Geliebte sorgsam hinein, dem Kutscher Vorsicht empfehlend. Der Wogen rollte davon und al» man im Wald« war, stand der Vollmond am klare», mit Sterne» besäet«« Himmel. Lauge Baumschatte» zeichneten wunderliche Figuren auf den Weg. Die weiße» Stämme der mächtigen Birken erschienen wie weiße Säulen neben dem dnnllen Grün der wilden Rosensträuche, welch« al» liebliches Untergehölz di« leere» Wcldstellea füllte», die glattriadigen, braunen Stämme der Ulrarnbäume glühte» bronzeartig. Alle» war vo» dem milden; Mondlicht v rschünt. Leise Winde zogen durch de» Wald, i ES war wie ein Abschied vor der Reise, den di« Herbstlsst j ihm zuhaucht, ein Fragen und Zagen vor Scheiden und! Meiden, vor Vergehen, Verblühen und Wiederkehr.! Esther drückte sich in die Wagenecke. Die Stimmung der Natur war der ihren ähnlich, still ließ sie diese auf sich wirken. Unweit der Stadt begegnete sie ihren Eltern, von Arno und seiner Mutter begleitet, die ihrem Lieblinge entgegen,«, qangen waren. Sie stieg aus und Gerson bedeutete dem Kutscher, ihm viele Grüße an seine Herrschaft austraqend, zurückzufahren. Dann erzähl« Esther »m N ichhaulegrhen vo» der aufregenden Wirkung, »velche die Nachricht von Napoleon'» Rüstung in Paris, auf die Gräfin hervorgrbracht; von der bevorstehenden Wallfahrt; von ihrem kleinen Schüler Henrik; nur Arthur erwähnte sie nicht. Sie meinte man würde au« dem Tone ihrer Stimme bei Nmnung dieses Namen» ihr süße» Geheimnis verrathen und «» soll« doch in ihrem Herzen ruhen; Niemand sollte seine Lust noch sein Leid ahnen. Diese Berichte riefen eine lebhafte Unterhaltung herbei, wovon sie nicht« verstand, da ihre Gedanken bei Ihm waren, der idr ganzes Sein erfüllte. Zu Hause angelangt, trennte, man sich bald. Wärmer als s-it langer Zeit drückte Esther Arno» Hand. Der Gute laS in ihren A»grn was einem andern galt, e» beglückte ihn, weil er cS auf sich bezog. »Gute Nacht", rief er innig und ging. Dein Schlaf Esther wird jener süße sein» von dem der königliche Sänger sagt: »Ich schlafe, aber mein Herz wacht! Da- Genie ist eine Naturgewalt, und wie jede andere, geht auch diese ihren unaufhattsamen Weg. Zerstörend was ihm hindernd entgegentritt. unwiderstehlich. mir sich reißend was seine Gewalt verstärkt, schreibt es mit unbarmherziger Rücksichtslostgkett hinweg über die Grenzm der göttliche» »»d meuseblichen Einrichtungen. Ob Glück oder Unheil, Sege» oder Fluch chm folgen, immer vorwäits drängt es. wie Woge auf Woge im reißende» Strome. Napoleon hatte wieder Fnß gefaßt auf heimischem Boden und ganz Europa erbebte unter dem Schritte dieses Gewalttgen. Er hatte die Feflrln abgestreift, womtt seine Feind« ihn, wie Prometheus au den Felsen aageschmiedet meinte«. Er erkannte keine menschliche Gewalt sich gegenüber au, er, der nur mächttgrreu Naturgewalten al» der seinigrn gewichen, dem Feuer und dem ungewöhnlichen Winteifroste in Rußland. Er vertraute seinem Stern, und sie, die bei Spiel »ad Tanz in Wien »eue Ländergrenzrn zogen, sollten erfahren, daß sie die Rechnung ohne den Wtrth gemacht. »Napoleo» ist in Pari« l" Diese Wort« sprengte Alles auSrinandti: Die intriguanten Diplomaten, dl« Einer de» Andern zu überlisten trachteten; die geistreichen Frauen; die jeanesse darfo der aristokratischen Salon». — Entsetzen, Schrecken unb Wuth traten an dir Stelle der galanten Abenteuer, der sybarttischea Fest«, der raffinierte» Genüffe jenes weltbekannte» Eongreßpompes. Wie 1806 die Zaubergewalt Napoleons sich aller edle» und niedrigen Geister bediente und sie zu seinem Dienste heraufbeschwor, bethättgte sich an dem Rheinbünde, wo sechszeha deutsch« Fürsten, wo Deutsche gegen Deutsche für Napoleon kämpften. Dieselbe Dämonie wirkte auch in seinen Unglückstagen auf dir Gemüther. Selbst sein« Feinde erkannten seine Großherrlichkett als Feldherr an; Dichter und Sänger begeffterte ihre Muse de» Fall de» Titanen zu besingen, der de« Menschen Freiheit «nd Gleichheit bringe» wollte, wen» er Herrschaft der Tyrannei in ganz Europa niedemetreten. Sein Schonten machte die Welt erbebe», sein Blick regiert« sie, sein Schaum drang wie die Helle des Blitzes in die menschliche Natur die er zu bmutz« verstand. Jede Mattherzigkeit wich, es gab keine Mittelpartei »entweder für oder gegm Napoleon", da» war Europa- Wahlspruch.

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