Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 18 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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A?18. Sa»«sch«, 1889. it*Ui Heraulgegeben von Dr. M. Nahmer in Magdeburg. Zn |tttrr|ittxx| l $ridnn| fir die israelitische Fa«ilie. Inhalt Herzenladel. Et« kujawisch« ErzLhlung au» dem Anfang« unser«» Jahrhundert«, von Johanna. — Di« Juden in Mittel» » asten. — Eine alt« Judenkolonie in Indien. — Allerlei für den Familtentisch: Au» dem ilantorenleben. Mose» Preach. — An» » der jüdisch«» Schule, Biblisch« Scherzfrage. — Au« dem Sprachschatz de» Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Rächselaufgaden und «üthselllisungen. (Uubesngtrr «achdrnck an« diesem Blatte untersagt. Herze» »adel. Ein« kujawisch« ErzLhlung au» dem Ansaugr unsere» Jahrhundert», von JohannatNach.Nla «nurlagt.) 19] (Fonietzung) Eine mächtifte Nervenerschütterung folgte dieser stürmi» scheu Erregung. Arthur klingelte, die Kammerjungfer erschien, sie kannte die» »st wiederkehrendr Leiden dw Gräfin. Mir Hülfe Esther» löste man die Kleider, und von Arthur getragen, legt« man die Regungslose aus da» Ruhebett ihrc« Zimmer». Rach Anwendung mrhrerer IKittt! khrte ihr Bewußtsein zurück; fie winkte, daß sich Alle entfernen möchten. Vollkommene Ruhe war da» beste Mittel zu ihrer Erholung, und man entfernte sich so leise al» möglich. Bald schloß rin wohlthuender Schlaf die Augen der Kranken. Esther wankte so erschöpft au» de« Zimmer, daß Arthur sie am Arme führend in die steche Lust geleiten mußte. Beide waren keine» Worte» mächtig, bi» der erstischende Hauch de» Ser», an dem sie wandelten, dem erschreckten Mädchen wieder die Wangen röthete. »Frau von Wintawtzka denkt bei diesen überreizten Nerve» an eine Wallfahrt?" »Sie sagt,» antwortete Arthur, „daß schwere Ahnungen sie bedrücken und sie nicht Ruhe erwarte, bi» sie zu den Füßen unsrer Schutzpatronin ihr Herz erleichtern werde. Da» Eine will ich noch versuchen, de» Einfluß unsere» lieben Arzte» Renebraud, vielleicht gelingt e» ihm, sie von ihrem Unteruehmeu abzubringen." „Wie die Gute erschüttert war von der Nachricht, die Sie gebracht, Herr Graf," sprach Esther. „Napoleon ist frei, er verttaut noch einmal seinem Krieg»» glücke, er wagt den Kampf mit den Verbündeten l" rief Arthur begeistert. „Ach, nun kommt wieder der entsetzliche Krieg, den jede Partei den „heiligen" nennt; aber er ist unheilig, er eutfeflelt alle rohen Leidenschafteu der Menschen. Alle» wa« «n» al» heilige Pflicht der Bruderliebe gelehrt wird, geht »ater i» Rach« und Wildheit." „Napoleon» Wagen ist unser Hoffe». Begreifen Sie jetzt die Wirkung meiner Wort« auf meine arm« Großmutter?' „Wann werden sich die Ideale de» Weltfrieden« unsere» Propheten erfüllen?" sagte Esther seufzend. „Dahin kommt die Menschheit nie. So lange e» Schwächere und Mächtigere giedt, wird Mißbrauch der Gewalt und Unterwerfung herrschen. Ihr« Segenwart, Fräulein, bringt Ruh« und Frieden, lassen Sie mir den Genuß derselben, wer weiß, wie kurze Zeit er mir gegönnt sein wird." Schweigend gingen sie nebeueinander her; doch webte und schwebte hinüber und herüber von dem Eine» zum Andern «die Sprach«, die alle» i» sich schloß, wa» de» Menschen höchste» Glück heiß». Die volle» Büschel de» schlanken Schilfrohr», vermischt mit dem helleu Grün de» hochaufgeschossenen Kaluw» neigte« sich, berührt vom leichten Adeadwiude. Sanft kräuselten suh die leichten Wellen tm rosigen Scheine der «ttergrheude» Sonne, die blanke» Kiesel de» Ufer» bespülend. Eine in den See weit hiuau«laufendr Landzunge war ein sinnig «»»geschmückte» Plätzchm, umgeben von Trauerweiden und Hängebirken, di« wehm«tl)»voll hinabzu blicken schienen. Da« leichte Plätschern de» Wasser« mischte sich mit dem Gezwitscher der hier nistenden Bügel. Boa dem jenseitigen Ufer trug d:e Luft sanfte« Glockengeläute de» Kloster» herüber m die stille Einsamkeit. Ruheplätze von Mo»», Bänke von runden B rkeastangrn luden zum Sitzen eia, und al» unsere Spaziergänger hier angelangt, benutzten sie eine derselben zu« behaglichen Au»ruh«o. „Wie alle» hier herangewachsen ist, seitdem ich nicht hier war," sagte Esther umhrrblickend, „da« ist ein himmlische» Winkelchen." Unter dim Blätterdachr einer uralten Eiche stand eine Kapelle, der heiligen Eäcilia gewecht, in welcher Tag und Nacht ein Lämpchen brannte, eia matte« Licht im dunkeln vlättrrgrün verbreitend. Mit einem Tone, dem die Gewährung j'der Bitte folgen mußte, bat Arthur seine traute Nachbarin, die letzten Verse de» Liebl>ng«liede» seiner Mutter, auf die Esther sich früher nicht besinnen konnte, zu singen. Sie sang; nicht so hell und klar wie im Salon, mit bedeckter Stimme, r» klang fast überirdisch in dem heimlichen Erdrnwinkel. „An jedem Morgen schnitt frisch« Zweig» „Ein Hin« dvtt, von grüner Weide, ‘ „Dreht Weidenpfeischen und lt«b ertönen .Traurige Lieder voll Schmer» und Sehnen. .Sang jedin Morgen an frischer Quelle »vom ersten Frühroih di» Mond«»h«lle. .Kal»« blühl«, hdrt' st« di« Liederl ^klagi «» de» Wellen, kehtt er nicht wieder. »Wie di« Seliebte sich schmückt voll Freud« »So steht st« harrend im Maienkleid«. »Schon weht der Herbstwtnd, stumm find di« Hain« .Einsam Kalt»« bieibft Du, ach weine l .Schwarz ist da» Kreuzche», grün ist sei» Sarg, .Dunkel da» Erab, wo «an ihn barg! .Hin welkt Kaltna I« bilterm Weh' .Blatt »ad Koralle treibt aus dem See." Da» Lied verhallte wie Gristerhauch und eine Thräne rollte über Esther» Wange. „Sie w-inen, Esther?" fragte Arthur zutraulich. Pupurrüthe bedeckte ihr liebe» Angesicht. Sie schwieg. Da» unschuld-volle Auge auf ihn gelichtet, sagte sie mit Innigkeit: „Blatt und Schmuck meine» Dasein« würfe ich iu den Strom meine« Leben», träfe mich Kalina» Geschick. Da» Lied hat mich ganz traurig gemacht, und doch ist e» hier so wuvderschüa." Sie ging der Kapelle zu, wo B.rgißmeinaicht und See» rosen den Rand der Landzunge reich bekränzten; sie pflückte einige und glitt auf dem schlüpfrigen Boden au». Archur reicht« ihr die Hand, al» Esther sich erhob, begegneten sich die Blicke Beider, die länger und tiefer aufeinander ruhten, al» e» zu ihrer gegenseitigen Rahe förderlich war.