Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 17 (1889) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
17 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 65 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492351-8722856-5956646--1111-5373496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hie S«le ist gekräftigt für lange Zeit. Der Arzt beschwor «ich jedesmal, mindestens nicht ans den Kaieeu den Ealvarien« dag hinaufzurutschen. Ich that eS dennoch and alte Leute mit mir. DoS Fleisch ist schwach, aber der Seist ist willig. Wenn auch Ohnmacht die Glieder lähmt. Jesu» Ehristu« stärk die Schwachen, daß sie da« heilige Ziel erreichen!" Wie fremd dem aufhorchenden Mädchen die ihr sonst so wohlbekannte, geliebte Frau gegenüberstand. War sie dieselbe, von der chr Vater ihr erzählt, wie sie bei Hofe die glänzendste, gefeilteste Schönheit gewesen, vor bä selbst Monarchen gekniet. „Die himmlischen Erscheinungen", fuhr sie schwärmerisch fort, „die ich wochenlang nach der Wallfahrt habe, entschädigen mich reichlich für die körperlichen Leiden, die ich gern ertragt." Befremdet, mit forschendem Blicke ruhte Esther« Auge auf der Gräfin, die die stumme Frage einer Jüdin natürlich fand. Sanft, Esther» Stirn küssend, sagte sie: „Ich werde bktrn, daß Jesu» Christu» dich der Gnade würdige. Die Seligkeit meine» Glauben» erleuchte dich, mein ftinb!" Und wie unwillkürlich drängte fick die Frage hervor: „Würdest du dich taufen lassen, Esther?" „Nein", antwortete die G.fraaie fest, im überzeugenden Tone, „und sollte ich den Tod dafür leisen. Ich fühle mich stark genug in mnnem Gliuben an den einen-einzigen Gott «einer Bäter, der mir Schutz und Schirm ist. Und meine Eltern", sagte sie, „ich denke sie würden mich, wie die Mutter der Makkabäer, lieber sterben sehen, ol» unstrm Gotte treulos werden!" Ihr Wuchs erschien größer als sonst, so eigenthümlich war der Ausdruck ihre» ganzen Weien». „Du denkst dir die Eltern strenger al» si: sind. Wärest du erwählt von dem Herrn, sie würden deine irdische und himmlische Seligkeit dir gönnen. Dein Vater ist ein freidenkender Mann." „In diesem Punkte irren Sie, gnädige Fron. Meine Eltern würden, nach unserer Sitte, mich betrauern wie ein« Gestorbene. Sie würden den Tranerschnttt in ihre Kleider schneiden, wie e» bei solchen Gelegenheiten geschieht, und diesen al« einen Schnitt durch ihren LebenSfaden empfinden; sie würden dir zur Trauer der Verstorde >r i festgesetzten acht Tage auf den niedrigen Sitzen zubrmgen; sie würden wünschen, mich lieber al» Leiche zu betrauern. Ach! ich schaudre bei dem bloßen Gedanken und weiß doch, daß ich mein höchstes Glück um diesen Prei» nie erlaufen würde." „Und wenn du liebtest und wiedergeliebt würdest, Esther?" Da« Mädchen sank wie von einem Pfeil getroffen auf einen Stuhl; ein Hauch verklärender Opferfreudigkeit zog über ihr fromme» Gesicht „Auch dann nicht", sagte sie entschieden und drückte die Hand auf rhr volle» Herz, ol» drängte sie eine mächtige Wallung desselben zurück. — „Ich sehe Arthur eben vorfahreu, rief die Gräfin erschreckt, da« rst nicht ohne wichtigen Grund." — Sie eilte hmau» ihm entgegen. Leise theilte Arthur der Gräfin mit. er habe geheime Botschaft, Napoleon bereite sich vor, gegen seine Feinde vorzugrhm. — „Jesu« Maria!" rief die Gräfin, alle Heiligen mögen unfern Befreier schützen." (Fortsetzung folgt.) Si« arischer vadeart. Der Autisemitismu« treibt iuuaer seltsamere Blüchen. Eioer nuferer Leser, so schreibt die „S. ». Z.", sendet um» «tue Zeitu»g«a»zeige, i» der ei» kleine« »berösterreichtsche« Bad, da« bisher io dm »eitrstm Kreism unbekannt geblieben, für die Vorzüge seiner Quelle«, die Reize sriuer Lage «ud di« Auuehmlichkritm seiner Verhältnisse tu ergretfmder Weise die Reclametronuuel rührt. Die Schilderung, welche die .Etgmthüwrr de« Bade«, da« wir „Salzloch" um»» »alle». SS — entwerfe», ist «ine s» verlockende, daß fie in jede« Leser ei« geradezu krankhafte Sehnsucht »ach diese» paradiefischm Erdmwinkel entzünden muß. Dabei könnte es sich jedach rreigum. daß der eine oder der andere Badebedürftige in seiner ftmdigeu Aufregung den Schlußsatz der betreffenden Aukündignug übersähe, und diese Rachlä,stgkeit könnte für ihn höchst unangenehme Felge» habe». Dieser Satz lautet uimlich kurz »ud klar: „Israelitische Familim auägeschloffeu I" Wir findm e« ouu mit Rücksicht auf die nothwmdige cousequeute Durchführung jeder Ihorheit bi« in da« letzte Glied ihrer Unfinnigkeit für durchaus logisch, daß die Verfechter der Raceutheorie endlich auch anfangen, zwischen christlichen Mageukatarrheu, protestantischen Lrampfadern, reformirter Fettleibigkeit und den eulsprecheudeu Lrankheiteu jüdischer Provenienz strmge z« unterscheiden. Allein iusolauge e« der Wissenschaft nicht geglückt ist, nebm ihren Thermo-, Baro-, Galakto- und anderen Metern auch einen nobediugt verläßlichen Iudometer zu construire», der die Abstammung jete« Badegaste» bi« in die xtt Generation feststem, werden Jrrthümer schwer zu vermeide» sein. E« könnte deshalb ganz wohl geschehen, daß eine« Tage» da« reizende „Salzloch" der Schauplatz de« folgeudm aufregenden Ereignisse» werde: Morgen« beim Brunnen. Massenversammlung der neuuzehu Curgäste. Ein dumpfe» Schweigen, da« den Ausbruch eine« Sturme« ankündigt, liegt über der Versammlung. Zwei ältere Damen find iu Ohnmacht gefallen und liegen malerisch hiugegoffen auf den Stufen de» QuelleuhäuSchen«. Sämmtliche Männer knirschen mit den Zähneu, soweit fie solche besitze». Der Badearzt eilt händeringend von Gruppe zu Gruppe. Er werde Alle« anfbieten. im Nothfalle di» bewaffnete Macht, um die fürchterliche Gefahr, die Salzloch bedroht, von dem lieben Curort feruzuhalten. Der Oberst de« in der benachbarten Hauptstadt garnisonireudeu Cavallerre- Regiment« werde ihm persönlich gewiß den Gefallen thuu, eine Etcadron Husaren »ach Salzloch zu eutsmdeu. Wirklich, e» ist etwa« Ungeheuerliche« geschehen: am vorhergehenden Abend ist ei» Fremder eingetroffcn, der die Abficht ausgesprochen hat, in Salzloch die Cur zu gebrauchen. Man hatte ihm ordnungsgemäß den Meldezettel vorgelegt, und auf diesem Papiere steht seit diesem verhängnißvollen Augenblicke klar und deutlich der Name „Sohn!" Sohn und nicht« weiter, aber e« bedarf auch keiner nähereu Erklärung; der Name Sohn spricht beredter al« die gesammelten Reden der Herren Cicero und Demosthenes ... Scaudal über Scandal! Welche Entweihung und welche Dreistigkeit: Ein Mensch nomine «ohu wagt e», die arische Lust von Salzloch einzuathmen l... Und wahrhaftig: dort kommt er selbst, harmlo» und freundlich, und wagt es, seine Hand nach einem Bruuneubecher autzustrecken .:. Nein, da« ist zu viel! Da muß etwa« geschehen. Solche Frevelthat ist eine« heroischen Opfer« wenh. Der Arzt erinnert fich, daß er einstmal« Elikprstudent gewesen, und eine glänzende Idee steigt in ihm auf. Er tritt auf den Fremden zu: „Mein Herr", fragt er iu energischem Tone, „Sie heißen Sohn?" — „Zu dienen, mein Herr, ich heiße Lohn!" — ,Wa« wollen Sie hier?" — „Baden, mein Herr, und wenn möglich gesund werden!" — „Nicht« da! In Salzloch werden Leute wie Sie nicht gesund! Sie werden fich mit mir schlagen l" — Der Fremde lacht: .Da« werde ich nicht thun, mein Herr!" — „Natürlich, Sie find zu feig dazu!" — „Nein, mein Beruf verbietet r« mir!" — „So, wa« sind Sie denn, mein lieber Herr Lohn?" — „Domherr au« Prag!" (Tableau, Gruppe, beugalische Beleuchtung. Die Curcapekle spielt da« .Fischerlied".) _ Allerlei für de« F«milieutisch. Job und Esther. Ein Pedant schrieb eine« Commentar zu« Buche „Job" und überreichte deuselbeu de» Rabbiner zur Begutachtung mit der Bitte, auch die rabbiuische Autorisation zur ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.