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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 17 (1889) · p. Seite 64

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
17 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 64 (sequence 2)
Language
German
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Frau von Winiawska neigt« sich leicht über sie, Esther fuhr zusammen, al« die Lippe» der Gütige» ihre Stiru berührten. Sie küßte der Gräfin die Hand, uud wagte nicbt die andachtsvolle Stille zu unterbrechen. Beide faßen nebeneinander auf dem Sopha; die Gräfin reichte ihr ei» kleine» Buch in schwarzem Sammetrinbaud mit dem goldnen NameuSzuge Wanda von Winiawska. E» war in franzäfifcher Sprache. «Heute ist Wanda'» Geburtstag, dein Vater schenkte eS zu ihrer Eonfirmation; e» blieb ihr Lieblingsbuch bi» zu ihrem Tode. Ich weihe diesen Tag immer damit ein, daraus zu lesen. — In schwerer Zeit, als Wanda'» Mann in der Eitadelle Warschau » schmachtete sür die Sache unsere» Vaterlandes, waren diese Psalmen ihr Trost, besonders der drei» uudfiebenzigste; lie» ihn mir vor. ich bitte dich." Esther wußte die Psalmen David'S meist auswendig, aber die tiefe Erregung der Gräfin hatte auch fie ergriffen; fie la» also andächtig vor: «DaS höchste Gut ist Gott für Israel, für jede» reine Herz. — Ich aber! — schon wankten meine Smtt, wenig fehlte, so glitten meine Schritte au».— Denn ich beneidete die Verruchten, da ich da» Glück der Frevler sah, wie keine Qual sie feffelt bi» au ihren Tod; ihre Srafr bleibt ungeschwächt, sie leiden nicht, wa» Erdbewohner leiden, der Menschheit Plage trifft fie nicht." „Mein Kind, unterbrach die Gräfin die Lesende, dieser Psalm schildert die mächtigen, höhnenden Verfolger der polnischen Nation. Nur wer unschuldig leidet wird begreifen, wie das fiommste Herz sich in schweren Z iten gegen Gotte» Eckickungen auflchnt und trou-rnd fragt: «Soll ich umsonst mein Herz dem Guten weih'n und meine Hände in Unschuld waschen?" — Diese Frage richtete Wanda anklagend gegen Gott in Uedereinstimmung mit dem königlichen Sänger; eS war ihr diese, eine Beruhigung — in ihrer Bitteraiß. — Trost »der brachte ihr da» Ende dr» Psalmes; er ist der Sieg des Gottveitrauens. Fahre fort wo Wanda ein Zeichen niedergrschneben." Esther hatte bisher in zaghaftem, gedämpften Tone gelefen; jetzt erhob sie ihre Summe, wie die eines Vogels, der aus feinlm Käfig entflohen, sich jubelnd zum Frühling»- himwel erhebt: «Dennoch bleibe ich stets bei Dir, Deine Hand hält und stützt wich, nimmt liebreich mich in Deine Arme. Du bist mir allezeit o Gott! meines Herzen» Trost und Heil." «Geliebtes Kind«, rief die Gräfin. Esther zärtlich anblickend, «welchen Trost bringt mir Deine EngelSstimme. Der Glaube Deiner Väter stärke Dich, daß Du durch ihn geleitet werbest zu Christus, damit Deine Seele da» wahre Herl erkenne." — »Also auch sie. die soeben in unjrrn Gottesgedanken Trost und Eihebung gefunden, spriät so?" dachte Esther ernst, erjchieckl fast, von dem Wunsche ihrer edlen Gönnertn. Henret »rat ein, wie cs die Gräfin dem Diener, dir ihn begleitetr, angeordnet. Sie bemerkte nicht den schmerzlichen Zug, der sich wie ein dunkler Schallen auf Eslher» Stirn gesenkt. «Henrik, lüffe der Dame die Hand, wenn Du fleißig sein wirst, lenist Du bei ihr schnell schreiben und lesen." Der Snab« that wie ihm besohlen, dann sah er Esther mit seinen klugen Augen an. Er erkannte sie als Gerson» Tochter, auf dem Gehöfte hatte er Bride gesehen. Bestürzt eilte er zu dem an der Thür harrenden Diener und flüsternd sagte er ängstlich: «Aber sie ist ein Judrrmädchen." «Auch Du!" dachte diese, sie hatte die teilen Worte dennoch gehört. «Also weder Bildung, noch HrrzenSgüte, noch Kinderunschuld, verwischen den unseligen Unterschied." Freundlich näherte sie sich dem Knaben, reichte ihm Schiefertafel und Stift, die fie mitgebracht. Dir» machte ihn zutraulich, er kam mit kindlich« Unbefangenheit zu chr. Sie ließ ihm den freien Gebrauch jener Gegenständ«; erfrört zog er kreuz und quer Linien und Formen, erstaunt über seine Geschicklichkeit. Al» ihn dann seine sanfte Lehrerin «st de« Lineal Linien ziehen lehrte, wa» ihm ziemlich gelang, schlang er der Gütigen freudig seine Arme um den Hals. — Sie strich ihm da» volle Haar au» der Stirn. »Willst Du eine schöne Geschichte hören"? fragte sie. ol« ihn da» Linienziehen zu ermüden schien. «Ach ja," rief er lebhaft und legte den Lockenkopf auf ihr Knie. — Sie begann die Geschichte von Adam und Eva, von der Schlange, die diese zum Genuß de« verbotenen Apfel« verlockte, als die Gräfin au» ihrem Toilettrnzimmer zurückkehrte. »Laß da» Efterka", flüsterte sie ihr zu. Sie schwieg, ohne die Ursache de» Verbote» zu kennen. Henrik war ganz bestübt, al» er sortgeschickt wurde, trotzdem er Tafel und Stift mttnehmen dürft». Ec küßte Esther mst feuchten Augen, er hätte so gern die Geschichte weiter gehört. Al« sich die Thür hinter ihm schloß, bedeutete die Gräfin Esther, daß den Katholiken das L<sen der Bibel verboten sei. — Da e» soviel uon Goller Atmacht lehre und das erste L hrbuch der jüdischen Kinder sei. begreife sie nicht diese» Verbot, meinte Äther unbefangen. Die überzeugungsvolle Antwort war: »Unsre allein - seligmachende Kirche gestattet e» nicht." «Ich werde an Arthur schreiben, mein Liebling, geh untrrdeß nach dem Garten, pflücke die schönsten Blumen zum Strauße für Deine Mutlrr." Esther ging, Pupurröthe auf den Wangen, die Nennung eine» Namens hatte diese heimliche Wirkung erregt. Sinnend pflückte sie Blumen, ttäumerisch war bald einer jener Sttäuße gewunden, der da» Geheimaiß eine» liebenden Mädchen- Herzens birgt. Wie Morgenthau. erzeugt im nächtlichen, duftigem Weben der Natur, so schuf sie hier Thränen, erzeugt in der Tiefe dr» menschlichen Herzens. Warum schloß fie die Augen, als da» Biid Luisen» und Ferdinand» rn ihrem Geiste austauchte und dieser die Züge Arthur» trug? Die höchsten Mysterien de» Lebens, zu welchen die Liebe gehört, vollziehen sich unabweisbar, übermächtig, unerklärlich. Diese Triebe find den Menschen von einer höhern Macht gegeben, — ein Augenblick entscheidet Gegenwan und Zukunst. — Geschloffenen Auge» saß sie da, als fürchte sie das entzückende Bild zu verlieren, wenn sie um sich schaue. Wie au» einem holden Traume weck» sie die Stimme der Gräfin, die einige Minuten vor ihr gestand», wähnend l da« Esther schlief. «E» ist Mittagszeit, und Du schläfst — fehlt Dir j Gesellschaft? Verzeihe daß ich Dick allein gelaffen", sagte : sie und küßte ihr die träumerischen Augen. In der Veranda war der Tisch gedeckt und di« wohl-! schmeckenden Speisen bewiesen die zarst Rücksicht die man! bei ihrer Wahl auf die Speisegesetzr der Israeliten genommen. Nach Tisch öffnete Frau von Winiawska in ihrem ' Zimmer eine Kiste. Ja freudiger, gehobener Stimmung j breitet« sie vor Esch"» erstaunten Blicken kostbare, sellst-! gefertigte, geistliche Gewänder au». Einen rothen Samratmantel mit Perlen gestickt sür die hellige Läcilia, der Patronin Wanda'S; eine weiße Atla»d«cke reich mit Silberslickeieiea für einen Altar bestimmt, eine weißseidene Stola fflr den Bischof. Dann entfaltete fie eine mächtige Fahne mst dem weißen Adler, prachtvoll in Seid« auf blutrothem Seidenstoff gestickt. Esther fand nicht Worte genug zum Lobe dieser meisterhaften Arbeiten der Gräfin, aber erschreckt hörte sie, diese bereite sich zu einer Wallfahrt vor nach einem mellenweit von hier entfernten Orte, wo die heilig« Eäcilia und Prtraneüa, di« Schutzhelligen ihrer Famllie sich befinde», von dieser der Kirche geweiht und in Italien von caranschnn Marmor geferttgt. «Sie, gnädige Frau, wollm diese« westen »eg zu Faß machen?" fragte Esther mst zaghafter Stimm«. ,E» ist nicht zum ersten Male, daß ich e« chur, mrm Kind, und wenn ich auch körpaltch zerschmettert zurückkehix.

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