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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 14 (1889) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
14 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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gethan. GeV und lerne dein Grob redlich verbimm." Sr mtzox sich de» Kußlalle de« Freigelassene», und der Gräfin den Ärw reichend, geleitete er sie in da« Pfarrhaus. «Sersou aber begleitete den Davoneilenden und entrüstet gebot er ihm stille zu stehen. .Meißt du da« Gesetz zu deinem Nutze« zu drehe», du Bumer, da» keuust du auch die Stelle, wo e« heißt: daß riir Juden lebe» falle», wie e« di« Obrigkeit uud da« Gesetz de« Laude« verlangt, »ahtu uu« unser Gott führt, seitdem »ir trat unserer Sünden willen au« uuserm Land« vertrickcn find; so habeu e« unsere Weisen befohlen. D» versündigst gauz Järael, du schlechter Mensch. Du briugst un« «Schaube uud Schade», denn gauz Israel muß durch dich leide». „Einer für Alle und Alle für Einen." Ist noch nicht genug Judenhaß auf der Wett, daß »ir durch die Schlechtigkeit, die Siuer au«übt, All« verdammt «erden wüffei! Schere dich fort, du gemeiner Meusch l Uad wie siehst du au«, warum bist du nicht reinlich mit deinen Sachen un r dem,« Sötper, schneid' dir wenigsten« die Schläfenlocken ab!- «Man wird mich doch für keinen Juden erkennen", sagte er schwrrmüthig. «Lebe nach Botte« Wort, daran lafl« Dich erkenne«.' — Der Satan »Schmuggel" ist sein Versucher, der nicht nur Pöbel in Lumpen, sondern auch iu Sammet und Seid« zu Betrügern, Hehlern und Lügnern macht, dachte Gersou. 'ir ging noch sehr erregt in dir Probst«. De: Prob t und dt« Gräfin, über da« mehr komische al« wichtige Ereigniß plaudernd, begrüßten ihn bei eine« Blas« vortreff, lichen Weine« und schönem mürben Gebäck, da« der Wirthin de« Hjrobste« Ehre machte. ir beobachtete da« ihm freundlich Gereicht« kaum: ,E« ist kau« glaublich, wie die Orthdoxie mit den ältest,-n Gebräuchen verwachsen ist. Neulich spielte sich auf uaser,na Landgerichte eine kleine Scene ab: Der Rabbiner eine« kleine» Städtchen« sollte al« Zeuge veruommrn werden. Auf alle an ihn gerichtete Fragen de« Richter« erwiderte er Irin Wort so, daß derselbe auuahm. er sei taubstumm. Al« der Rabbiner hörte, wie der Richter die Umstthrndrn darnach ftagte, sagte er: »Ich böre und spreche." »Und warum autworten Sie mir nicht?" fragt« der Ruhter streng. Keine Antwort. Der Rabbi stützte sein Kinn auf dm breitm Knopf seine« Rohrftocke«, zog seiue Zobelmütze »och tiefer in die Stirn uud schwieg. Da weder Bitten uoch Drohen, noch Bernuoftgründ« halsen, meldete der Richter dem Direktor dies« ungewöhnlich« Fall. Dieser beschied dm Rabbi zu sich. Der Mann ttat bescheidm au dm Direktor, chu leise bittend, dm harreudm Richter fortzuschicken. Jetzt löste sich da« Räthsel. Der Rabbi bezog sich auf da« mosaische Gesetz, welche« verbietet, daß ein Mißgestalttter Richter oder Pnestrr sei, dmn diese sollen schon durch, ihr Amßerr« impouirm, da aber der Herr^Richrer bucklig ist, darf er chm nicht Red« sicher, ohne gegm da» Besch zu sündigen. »Da« ist so übel nicht", sagtt lachmd der Probst, und dir Gräfin meinte, r« sei ein Bewei« gutm Geschmacks uud richttgm Gefühl«: »Ein mißgestalteter Mensch, ein durch Abnormitätm »utstellte« Gesicht kann rinm widerlichm oder lächerlichm Eindruck hervorbringm uud könnte gerade bei erustm Ber» haudluudm da« Gchmthell von dem bewirkm, wa« man wünschtet" Der Probst nickte beifällig uud fragte scherzmd: »Da würde meine breite Ras« wohl verhindert habm, in Jerusalem ei» Amt auzunehmm?" »Ich hätte nicht« gegen Sie, Ehrwürbeu", erwidert« tu demselbm Tone Gersou. »Aber i» dm Schttftm unsrer Weisen wird oft erwähnt, daß J«rarl Kraft uud Schöuhett zu würdigm versteht. De« Hohmprirstrr« Schönheit wurde so strmg kontrollvtt, daß sei»« Rase nicht länger sei» dürft«, al« sei» klciuei Finger." »Ob die« da» richttge Maaß für ein« schöne Rase sei, ist noch zu beweism", sacte lächelnd die Gräfin. »Ob vir langnastgen Judm durch da« zu fraigiebtge Geschmk der Natur zugleich von ihr auf da» richtige Maß betthtt sein mögm?" erwiderte scherzend Brrson. »Nehmen Sie e« mir nicht übel, lieber Frmnd, e« ist wohl Niemandem zu verdmkm, wmn man über die SchönheiUbegriffe Ihrer Glaubro«genoflen einige starke Zweifel hat. E« sind gar zu viele unter ihnm häßlich, geschmacklo« und linkisch!" »Aber Frau Gräfin", meinte der Probst, ein Kmuer von Fraumschvnheit, »unter dm Fraum findtt man viele schöne, interessante und pikante Gesichter. Und bei dm Männern überwindtt man häufig dm ersten unangeoehmm Eindruck durch den gewecktm Geist und ihre Tugenden." Die Gräfin stimmt« der Ansicht de« Probste« bei, und erwähnte voll Brwundemng Esther'« Schvtihesi. »Ihr Urtheil über wein Kind erftmt mich; ich weiß, e« ist aufrichtig gemeint. Sie ist da« Ebmbild ihre, Mutter, di« mir im jugmdlichen AVer noch schöner nft&ttn al« Esther. Sie wurde »die schöne Sarah" gmannt Sie wußte die«, und hörm Sie, wa« sie diesem Lobe grgmüber sagte: »Steht e« doch in unsn« Morgmgebrt, Gott hat da« Weib nach seinem Wohlgefallen erschaffen, und ich dank ihm jeden Morgm, daß er «ich so schön geschaffen." »So sprach sie, nicht nur ohne Eitelkeit, sondern in wahrer Frömmigkeit uud Demuth, dies« einfach« Tochter eine« Rabbi in einem der jämmerlichsten, polnischm Städtchen." »Wie mag diese reine, fromme Gesinnung Ihre Frau verschönett habm," sagt« die Gräfin bewegt. »Wa« sie spricht ist ebenso einfach, aber oft überraschte mich ihre Art sich au»z«drücken. e« ist so sinnig wa« sie sagt, sie hat Berständniß für da» Höchste aber gelemr hat sie wenig. Jüdisch schreiben und lisen habe ich sie gelehrt, al« ich Talwudschüler bei ihrem Vater war, dadurch war sie gebildeter al« manche der Mitschwestero ihrer Zeit. E« existiert bi« hmte keine Mädchenschule bei un«!" Er schwieg sinnend, al« denke er über da« geliebte Weid nach, al« möchte er mehr über sie sagm. »Man findtt viel« Frauen bei un«, die ihr in dm mttsten sittlichen Tugmdm glttch sind. Sie sind zu jedem Opfer fähig. für ihr« Eltem, ihr Hau«, Verwandte und thatkrästig für jeden Hils«bedürftigm. Sie sind Krankenpflegerinnen für Arm und Reich, Trösterinnen und Ratgeberinnen für Christ und Jude. Sie kmnm keine Resignation, im Gegnttheil sie sind selbstvergessen und ftoh, wie eine einfache ungtstörte und glttchsvrmige Entwickelung de« Lebm« e« schafft. Sie warm fleißige Töchter im Hau»hatt, wir im Geschäfte der Eltern urd lemtm sich dadurch früh für da« praktische Lebm bilden, wie r« auch ihre Mütter gethan, die ihre Kinder, so lange sie der mütterlichm Pflege bedurfte», nicht uur körperlich nährtm, sondem auch geistig. Die Fraum sind die Priesterinum de» Hause«, Weiöhttt uud Sittenreinheit werdm durch sie im Familienleben begründet. »Aber glaubm Sie, meine «achstchtigm Zuhörer, unsere Fraum, selbst i« den ärmsten Familien, legm, vielleicht garnicht gauz klar über da« wa» sie sagen, da« Wott der Weisen al» gut« Saat tu da« Herz ihrer Kinder. Sie erinnern diese an Sprüche, die dem Volk in Fleisch und Blut übergegangen sind. »Weißt Du nicht, wa« im Buche der Väter stcht, du großer Junge?" und dabtt sagt sie Sentcnzen über anständige« Bttragen, Fromm- und Gutset» au« den Büchern unsrer Wttsm, d» nie ganz vrrlorm.gehm können." »Wir habm schon oft die Heiligkeit de« Familienleben«» die Frugalität selbst bei der jüdischen Jugend »nd di« Einfachheit ihre« Lebm« gelobt", sagte der Probst, und di« Gräsi» stimmte ihm btt. —

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