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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 11 (1889) · p. Seite 43

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
11 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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„Ob der Pole diese harmlose Sinnlichkeit den sinnlichen Eindrücken seiner Kirche zu verdanken hat?" .Eben s« gut könnte man fragen ob dieser Einfluß ihn verhindert, n industrieller oder landwirtschschastlicher Beziehung zu erfinden, oder zu experimentirea!" meinte der Landwirth. ,E« ist nicht leicht zu sagen, welche verschiedenen Einflüfle nn« zu den, machen, «a« wir find," meinte Gerson achselzuckeud. >nch bei Nachbar Valentin war rege« Lebe». Aber don in dem Salknterit'Laden. mit den vielfarbigen Bändern, den Korallen und Bernsteinschnüren, den blitzenden Knöpfen, den künstlichen Blumenkränzen i» däuerischeu Geschmacke und andere» unzählbarem lockendem Krim«kram«, waren die leichtlebigen Eoatöchter die Mehrzahl unter den Kaufenden. Die jungen Märner waren ihrem Schätzchen gefolgt, mit dem Bewußtsein, ihre Spaarpfeonige in Mädcheuschmuck verwandelt zu sehen. Frau valeoin wuxte ihre Kunden gut zu bedienen; Niemand verließ ihren Laden, ohne etwa« zu kaufen. Namentlich war der weibliche Theil derselben wie gebannt tu ihre« Zauberkrei«, und ihr Beschwöruugbwort war der feste Vorsatz, Ni, «and-m an« dem Laden gehen zu lassen, bi« er fich durch den Einkauf von Maaren au« demselben erlöst hatte. — „E« ist keine Kunst, zu verkaufen,- pflegte fie zu sagen, .trenn der Käufer findet wa« er zu kaufen beabsichtigt; aber weriu er rothe Bänder will, muß er blaue nehmen, wenn e» jene nicht gilbt" u. s. w. Ihr Gewissen war beruhigt bei ihren Kunstgriffen. denn fie verkaufte schließlich doch prei«würdigr Maare. Ihre Praktiken wandte fie erfolgreich an, fie kannte die menschlichen Schwächen aar gut. „Nun fieh einmal in den Spiegel. Mariaka, gefällt dir der Kranz? Ich denke ja!" ,G»«podioa"), schaut Euch da« Mädchen an, kann mau al« Fräulein schöner au«setzeo? So rücke den Kranz mehr in die Stirne! — Den muß fie nehmen, Go«pofia, dieser ist wie für fie gemacht. Etliche Einwendungen wollte nun »och die Mutter äußern, da« Töchterchen küßte ihr so einschmeichelud die Hand, der verliebte Bräutigam half bitten, und ehe noch die feste Erlaubniß »»«gesprochen war. überreichte schon Frau Valentin de» eingepackten Kranz. .Juftiual da« ist wohl dein Liebster» ein schöner Junge!' „Sie möchte dir Korallen', sagte sie zu ihm, reichte sie ihm nicht sondeiu legte sie iu koketten Windungen um den Hat« de« jungen Mädchen«, — da war von Neinsagen nicht mehr die Rede. Den mitgekommeoen Kindern schenkte sie Kleinigkeiten, ein Meffercheu, ein Schächtelcheu mit Blechgeschirr, und hatte selber Frende daran, denn fie gab gern. Uud befriedigt und erfreut ging Jeder von ihr, denn immer fesselte ih>e Gewandtheit. ihre frisch« Laune und der gesunde Humor, Eigenschaften. die modificirt nach ihrer Menschenkenntaiß die gewöhnlichen, wie die gebildetsten Menschen bei ihr anerkannten. Arno war seiner Mutter zu Diensten, aber ihm war die Art ihrer geschäftlichen Bemühungen nicht eigen, innerlich sogar widerwärtig. Er war ei» gar lieber Sohn, ließ die Mutter gewähren, und war beglückt, dem Vater, der nur Gelehrter war, da« Glück seine« Leben«, da« Studium der Meisen seiner vnd ftemder Nationen, ungestört genießen zu lassen. Der junge Mann besorgte mit großer Umsicht den Einkauf der Maaren auf de» Messen und führte die Bücher. — Die Mahnbriefe aber schrieb die Mutter, die al« erfahren« Frau wußte, daß der Pole eher freigebig, selbst auch zur Unzeit, al« pünktlich in Zahlung seiner Schulden ist. Sie benutzte jede Geschäft«pause zu obige« Zwech war »uerwüdrt, wenn keine Antwort ka», und erlebte einmal die Genngthuung, daß et» Gut«befitzer ihr au Neujahr ihre zwölf Mahnbriefe »eben der anfgrzähtteo Schuldsumme etu- 1 8nut Biittyn. händigte, olle ungeöffnet. — Sie hotte mit eiserner Energie ftr später» Jahre» schreiben und lesen gelernt; auf ihrem Ladentisch fand mau Schauerromane und die besten Merke. Ihr gute« Hkrr. ihre Bereitwilligkeit mit Rath und That beiz«, stehen, wo e< möglich war, die ausgedehnte, geschäftliche Bekanntschaft und ihr praktischer Blick, machten fie zur vertrauten in den verschiedensten Kreisen. Die deutsche Beamteufrau mit ihrem knappe» Wochengrlde und häusliche» Sorgen, wie die vornehmste Gräfin; die stellrnsuchende Bonvernaote, wie der einer guten Empfehlung bedürftige andwerker; Alle wandte.« fich vertrauensvoll an Frau «leutin, und soviel e« iu ihrer Macht stand, half fie Jedem. Sie wußte ihrem Manne immer Erheiternde« zu erzählen und heute, wo er nur für seine Studien lebte, war er ihr Berather in dem Geschäfte, mit seinen Erfahrungen, die er in früher» Jahren gesammelt hatte. Da« Bewußtsein gleichartiger Verantwortlichkeit der vorhandenen Verhältnisse, unumschränkte«, gegenseitige« vertrauen und Austausch jede« Fühlen« und Meinen«, waren hier, wie in allen jüdischen Ehen, die Quelle de« wahren Frieden« und der Segen der Häuslichkeit. — (Forrfetzunz folgt.) Graf Tolstoi «ad die Jadeit Bei der litterarischeuvedeutung eine« M»nne« wie Tolstoi, bei dem hohen Ansehen, da» er unter dem russischen Volke i» Allgemeinen und unter der Irgend im Besonder» genießt, kaü« uud darf e» nicht gleichgültig sein zu erfahren wie er über Jude» und Judenthum denkt und sich ansspricht. E« ist daher nicht zu verwundern, daß von gewisse» Scribente» die abenteuerlichste» Behauptungen über dielen Punkt verbreitet wurden. So berichtete «in solcher Federheld dem Publikum über einen Besuch in .JaSnaja Poljaua" iw verflossenen Sommer, der damit endete, daß der große Dichter den zudringlichen Reporter von seiner Schwelle wir«. Kurz darauf erschien in dem Feuilleton einer Petersburger Zeitung eine .Parodie", durch welche der Skribent sich wahrscheinlich an Tolstoi rächen wollte. In dem Artikel behauptete der Reporter. Tolstoi Hobe in der kurzen Unterredung die Morte .Jude" nud „jüdisch" im schmähenden Sinne gebraucht und ihn. den Reporter. »,rum fortgejagt, weil er in ihm riueu .Shid" vermuthete. E« bedarf wohl erst keiner besondere» verfichernng, daß die ganze Erzählung über de» „Besuch" erfunden ist und daß der Autor selber von der Erzählung wahrscheinlich voraussetzte, daß auch »er scharffinuige Leser fie nur in diesem Sinne oufnehmen werde. Allein r« gab in Rußland auch eine Menge uicht-scharffichtiger Leser, welche die Erfindung de« Reporter« für baare Münze nahmen. Einige Zeitungen druckten sogar den Unsinn nach, wodurch fich Manche täuschen ließen und wodurch namentlich eine bittere Enttäuschung tu deu Reihen der jüdischen Verehrer Tolstoi'« wachgrrusen wurde, da sie gewöhnt wareu, iu dem großen Deuker eine Stütz« der Humanität zu erblicken. Dem gegenüber haltcu wir «» für uvthig, zu constatireu, daß Tolstoi nicht nur nach dem G e t st e seiner Lehre nicht« gegen die Juden haben kann, sondern daß er an einigen Stellen seiner letzten Schriften fich sehr theiluehmend über fie »»«spricht. So stellt er io einem seiner Hauptwerke, wo er di« Priucipieu seiner GlaubeuStheorie erklärt, al« eine« der größten Uebrl, welche die Menschheit uiederdrückeu» „dir Absonderung der Völker unter einander" hin. — „Ehristu« offenbarte mir* — sagt er — „daß di« fünfte Verführung, die mich der Seligkeit beraubt, die Absonderung sei, welche wir zwischen unserem Volke und andern Nationen Watten lassen. ... Die Ursache dieser Verführung liegt in dem Jrrthuw, al« ob mein Heil nur mit dem Heil meine« Volke«, aber nicht mit de« Heil der gesammteu Menschheit verknüpft sei. Ich weiß jetzt, daß meine Einigkeit mtt andern Menschen nicht gestört werden darf durch eine Scheidegrenze und daß all« Mensche» überall gleich sind

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