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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 11 (1889) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
11 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 führt«». E« war zwar ei» lärmendes aber immerhin harmlose« Treibe», und dem ruhigen Beschauer war der Anblick einer schönen Menschenrace geboten, wie «a» chu sich nicht malerischer und charakteristischer iu ooserw nordischen Erden - «inkrl denken kann. Der anziehendste Punkt war eia HochzeitSwagea sehr primitiver Natur: ein mächtiger Leiterwagen, bespannt mit jenen unverwüstlichen kleinen, kajawischeu Pferden, die nicht die mindeste Aehnlichkeit mit Pony'« haben. Die mager», ungraziüsen kleine» Thiere in ihrem beinahe bedürfnißloseu Das«« haben nicht« von dem Adel und der Schönheit voraehmer Rofsrgeschlrchter. Uuoerwöhut im stall wie unterwegs. haben fie den Bortbeil einer eisernen, unberechenbaren Zähigkeit und fterbeu nicht so leicht wie die »er» wöhvteu Pferde der großartigen Gestüte. Sie sahen heute ganz festlich au« im Schmuck der grünen Zweige, die fie »nd den Wagen verschönten. Mil Hellem Pettscheakoall hielt man vor einer Schenke. Der Bräutigam hob die Braut, die ander» Burschen die festlich geschmückten Bäuerinnen an« dem Wagen unter Scherzen und halb geraubten, halb gegönnten Süssen. Eine Art LebenSberauschung leuchtet dieseu glückseligen Naturaliftinne» au» den Äugen, entlcckt ihnen Töne der Freude, bewegt fie iu natürlicher Grazie. Sie find echte Evalüchter. verschönt durch unbewußte Gchliwhaftigkeit: fie entblößen Nrm« uad Füße bei der Arbeit, aber in ihrem Putze find fie keusch oerhüllt iu ihrem spitzeubekreusten Faltenhemde. Bo, trefflich stehen den Mädchen die runten, mit Bänder» geschmückten Srän.w, die vielreihige» Lor rllenschuüre um den vollen weißen Hat«, der trotz de« keusch anschließende» krausen Hemde« nicht gar zu unsichtbar ist. Der knappe Lohn reicht eben hin, da« jugeudfrische Leben im Reize buuter Toilettrngegenftäude zu schmücken. LebeuSsriiche Frauen haben oft den madonnenhaften Ausdruck der katholische» Heiligeu. Mieder und Falteurock, breite faltige Schürze von jeglichem Stoffs bi« z»r Seide hinaus, die zum Lirchgaog uuentbehrlicheu buntfarbigen fünf Tücher: da« ist der beseligende Besitz der Magd. Wenn fie ihren Soffer öffnet, dessen Deckel mit Heiligenbilder» verziert ist, uud die schmucken Sachen belächelt, hat mau da« schönste Bild heiteren Genügen« und ungestörten Glücke«. I rauen trage» im Winter festanschließeude, dunkelblaue Tuchröcke mit silberne» Snöpfen und krauSlockigrn Barauki garnirt. Und die Männer! Schön gewachsene, kräftige Gestalte»; Gesichter mit edlem, oft theosophischem Lutdrucke, meist aber von fröhlicher Sorglosigkeit, bic durch die Innigkeit uud Herzlichkeit mit der sie ihre Freunde anlach«» und auredeu, höchst liebenswürdig erscheine». Oeffueu fie de» Muud, dann leuchtet ordentlich da« elsenbeinähuliche Gebiß hinter deu rothen Lippen. Da« nicht zu kurz geschrittene Haar läßt de» stolzen Nacken frei, al« zeige er» daß er nicht leicht zu beugen sei. Ihn umschließt der breite Hemdkrageu mit leicht umschlungenen Halstuch. Ihre solide Tracht, meist au« dunkelblauem Tuche, der lange Mantel, roch gefüttert mit fünf allmählich verlängerten, übereinander liegesdeu Lrageu, die weiten Beinkleider iu de» kurzen Snefel» uud der breite Filzhut, geziert »fit ei»er Pfauenfeder, alle« zeigt deu Lohn eine« arbeitsamen Laadlebeu«. Sie find die Träger jene« einfachen, patriarchalischen Polen» lhnw«, de« gesuude», herzigen, tteffendeu Humor«, der fich iu deu poluischeu Sprichwörtern so häufig charakterifirt, daß mau darau« auf eine Eigenschaft schließen könnte, die dem Polen zu fehlen scheint, der praktische Blick für da« Alltagslebe». Da« Gewühl i« der Straß« wurde immer stärker, die Schenke» füllten fich bald, während der solidere Theil der Lircheubesucher erst au ihre Einkäufe dachte«, um u». gestörter de» Geuuß nicht nur de« Brauutweiu«, sonder» de« gemüthliche» Zusammensein« i» der Scheuke geoießro zu kvuueu. Luch Gersou'« Tuchladen war bald gefüllt mit Säufer», die ohue jüdische» Schneider, dem diese da« größte Berttaoen iu alleu ihre» Unternehmungen schevkev, nicht« wähle». Gersou'« Krau uud Esther waren ihm zur Haud. Während erster« mit gutem Rathe beistaud. laugte da« zarte Mädchen, dem mau kau« die Straft für schwere Arbeit zutta»le, große Stücke Tuch und Flanell von den Schränken zur L»«wahl der Säufer. Einer derselbe» stand i» fichlbarem Unbehagen vor dem Ladentisch fich hinter deu Ohren krauend und seiueu Schneider verdrießlich anblickend. »Nu», Matschiu. wa» willst du von mir, rede doch?" »Lieber Salomon, steh doch genau hin, ist da« nicht wieder solche« Tuch, wie mir Sch-i gebracht?' Der Schneider untersuchte gewiffeuhast die Waare, uud empfahl fie dem Läufer. »Siehst du!" sagte der Bauer endlich, »im vorige« Jahre gab ich de« Schai Tuch zum Mantel, uud al« er ihu mir brachte — steh ihn nur an, ich ttage ihn — wäre» nur drei, statt fünf Lragen daran. Er sagte, e« wäre da« unglückliche Ende von einem Stück gewesen; bei jedem Stück Tuch laufe« drei Ellen rin, und von dem Ende wäre ebe» mein Luch gewesen. Sorge nur. daß ich nicht wieder solch' eiu Unglück habe." Lächelnd beruhigte ihu der Schneider und verficherte ihn, er solle schon zusriedeu gestellt werden. Er war handrl«- eiuig uud sie giageu um andern Säufern Platz zu mache». Draußen auf der Straße spielte fich manche luftige Scene ab. — Einkehr und Heimkehr iu und au« der Schenke, find zwei verschiedene Dinge. Seht da« junge Paar l Er hat ihre Taille umschlungen und tanzend stagru fie: »Drüben an dem Flüßchen steht eiu schöner Junge, wie wollt' ich ihn lieben, gäb' er mir eiu Süßcheu. Fasten wollt' ich Mittwoch, Kaste» wollt' ich Freitag, könnte mein er werden zu deu grünen Pfingsten!" Zur Heimkehr bereit treteu Mau» und Frau au« der Schenke; er mit seligem Lächeln uud schwankende« Beinen fingt, den Hut schwenkend: „Jessoz» Polska nie aginiala,“ (Noch ist Polen nicht verloren), während sein geäugstigte« Weib ihn stützt. Ihr Haupteinkaof, irdene Töpfe, welche auf einem Strick an den Henkeln aufgezogen find, hat er a»f dem Rücken. Sie ahoi ein schreckliche« Ende, aber ihr Bitteu uud Droheu ist vergeben«; er wehrt fich mit der Awbitiou eine« Trunkenen, welcher behauptet, nüchtern zu sein. Er verliert da« Gleichgewicht, Alle« liegt in Scherben und er darauf. Er erhebt fich, und taumelnd fingt er weiter. — »Jesu« Maria! ich warnte ihu, ruft die Frau, aber einem Truakenen guten Rach geben und Erbsen au die Waub werfen. Beide« prallt ab!'*) »Seht doch den betrunkene» Polen uud deu Deutschen", sagte humoristisch ein deutscher Laudwirth zu Gerson, »wie fie selbst hier verschieden find. Der Pole sündigt mtt vergnügtem Leichtsinn, der Andere geht mit einer Art Bedeukeu in die Versuchung, wenn er nicht ein richtiger Trunkenbold ist. »Jenem ist ein -tausch und eine Prügelei eure angenehme Rückeriuurrung, dem Deutschen dagegen eine Gewiffe»«beäugstigung. Au« seine» blauen uud braune» Prügelfleckru schöpft der Pol« frischen Muth zur Arbett, denn beim Trinken ist er iu seinem Element, wie der Fisch im Waffrr; seine LrbeuSgeister werde» geweckt, und kommt e« nicht zum Seußerstru, dann find fie sehr gemüthltch. Unsere Leute fitze», die Pfeife zwtschr» den hängeudeu Lippe», da« Auge glasig uud starr, dumm-erust, plumplustig. roh-melancholisch, bi« zur gefährliche» Thätlichkett." (Bogumil Golz). »Es ist wahr", sagte sei» Zuhörer, Dr. Rembrand, wenn fich der Pole eiumal dem Teufel verschreibt, daun thut er e« ohne zu phUosopbiereu — er sei Bauer «der Edelmauul" •) Polnische« Sprichwort.

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