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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 10 (1889) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
10 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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— 88 Schweigend wandelten fie zwischen den reife« Nehren de« Getreidefelder. Wachteln schlugen recht« »ud link«, eine der an deren antworte»-, bald lockend, bald eiuftimmend. Die Lerche .»eiterte an ihrem Liede" höher und höher empor, immer voller e-tönte die Melodie ihrer nie saugeSwüdeu Brust. Am Raine blühten Kornblumen und rother Mohn^ Große radähnliche Netze von Spinngeweben, von ihren geschickte« Weberinnen verlassen. hingen an den blühenden HamSbntteusträuchern, durch lange, wie von Gla« gesponnenen Fäden verbunden. Gern hätte Arno der Geliebten die einfachen Feldblumen gepflückt, die fie so sehr liebte, aber da« strenge Gesetz de« Sabbath« verbot ihm da« Pflücken derselben. Esti,rr saug nach ihrer Gewohnheit leise vor sich hi«, fie that e« bei jeder Arbeit, bei jedem ruhigen Hin- «ud Hergehe« im Hause. .Kleine Blumen, kleine Blätter streu' ich Dir mit lttchter Hand". Nl« fie da» liebliche Lied beendet hatte, auf da« ihr Begleiter eifrig hingehört, fragte er fie, wer e« gedichtet und woher fie es hob«. .Unser verunglückte« Genie, der verhuuperte, ewig durstige Student hat e« wir gebracht, wir Beide kennen jedoch den Dichter nicht. Aber ein süße« Lied ist e«, nicht so Arno?" .Singe e« noch ein Mal, Esther. Ein beueideu«- werther Mensch, der so etwa« schaffen kann"! .Und ein beneideu«werthe« Mädchen, für die er e« gedichtet". Die Beiden gingen gedankenvoll still nebeneinander her. .Der Student hat mir «och zwei wnnderbare Lieder gebracht, .Erlkönig" und .der Fischer". E« find geheimuißvolle Worte, ich verstehe die Deutung nicht. Der arme Manul Er sagt, er habe fie auf seinen Kuustreiseu irgend wo abgeschriebeu". .Kunstreisen", lachte fie, wie Einer über die Menschen lachen darf, wenn er fie liebt". ,E« ist in der That eine Kunst, ohne Geld, und mtt seinem Wese» durchzu kommen". »Möchten ihn so gute Engel wie Du, Esther, schütze», dann wäre ihm wohl. Er schämt sich seiner Schwächen doppelt deiner Güte gegenüber, die du ihm erweisest. Er »einte neulich, al« du ihm seine Kleidungsstücke, die du mit eigener Hand reparirt, zurückschicktest." .E« ist jammervoll, daß er sich dem Trünke so sehr hingiebt, er ist wirklich eine begabte, poetische Natur. Er sei bei seinem Doctor-Examen durchgefallen, er schämte sich, seinen Eltern vor dir Augen zu treten, die find gestorben und er verdorben, erzählte er mit Bitterkett." .3« ist mir unfaßbar, Esther, daß diese entwürdigende Genußsucht so hävfig bei den Ehristeu zu finden ist. Sie, denen die Wett offen steht, die so vttl Gelegenheit haben, den Segen der Bildung zu empfange», kommen auf solche de» müthitende Abwege." .Leider", sagte seufzend da« gute Mädcheu. „Wieviel Famil rnglück ist dadurch bei Hoch- und Niedriggeftellteu zerstört! Da lobe ich mir unsere Männer", sagte fie scherzend, .wir fiudeu unter ihnen wohl schwerlich eine» Ferdinand, aber »och seltener eine» so verlorenen Menschen, wie diesen Studenten." ,D« hast also schon Kabale «ud Lttbe gelesen, wie ich höre?" sagte >r«o. .Welche« Glück mag e« sein, so zu lttbe» und geliebt z» werde», wie e« bet Ferdinand «ud Louis« war", rief fie ttiumerisch. „Ob s«' tiefe Lttbe wirklich ans Erdeu sei» mag?" Stt begegnete einem Blicke Ara»'«, der ihr die Nutwort auf ihre Frage hätte sei» könne»; aber sie »erstand ihn »rcht, nur verwirrt hatte er fie. (Eint Pause war ein» getreten, bi« Esther harmlo« wieder da« Gespräch auknüpfte. »Meine Mutier würde an« so eitle» Gründen ihr Kind nicht so unbekümmert seine» Weg geh«» laffea, »tt «» Louisen« Mutter zerhau, btt wohl keine Ahouug von der Macht der Lttbe hatte." .Der Selbstmord und gar der Mord au de» geliebte» Weibe wäre einen« jüdische» Manne unmöglich", sagte Arno, .nur Geiste«,errüttuug «a, in dttse finstere Bahn führen. E« girbt Momente im Leben, wo diese schwerer zu ertrage» ist al« der Tod. Zum Beispiel: ungeliebt sein Lebelang neben der Geliebten herzugeheu und nicht dttse Qual durch de» Tod enden zu wollen; dazu gehört mehr heiliger Math, al« zu sterbe»." Ein Beben ging dem jungen Manne durch da« liebende Herz. Da« wort erstarb auf seine« Lippe«. Nach einer Weile Tagte er ruhig «ud edel gefaßt: .Der Werth de« Leben« ist ei» heiliger. Wer btt Würde der menschliche» Bestimmung in ihrer ganzen Be> deutung begreift, «ttd weder da» eigene »och da» fremd« Lebe» eigenwillig zerstören. Ich glaube nicht, daß wir zu dauerndem Glücke geboren find, sondern weiter zu arbeite». Jeder nach seiner Kraft, au dem Bau. de» vor uu« Tausende begonnen und nach un« Tausende weiter fördern werden k" Arno'« edle« Seficht war erregt von der Wahrheit seiner Empfindung. „Und noch da» Liebste zu zerstören im Dopprlmord. Die Möglichkeit weiter zu leben ist ohnehin genommen, wen» da» Liebste hin ist — also jedensall« tobt. Warum den» auf unnatürliche weise tvdteu!?" weinte Esther schaudernd. .Und du denkst, Arno, wir find nicht zum Glücke geboren? Ach, mein Freund, ich lieb« da« Leben, e« ist so schön, so reich, und ich ahne, da» mrinige bringt mir noch Freuden, die deiner ernste«, strengen Auffaffung de« Dasein« in beseligender Macht fiegend eutgrgentreteu werden. Glaub« mir, Arno", sagte fie in einem Tone und mit einem Blicke, der wie durch Zauber auch de» Nngeredeteu a» Glück zu glauben zwang. .Und nun komm', e« ist Abend geworden während uusrre« Geplauder«. Siehst du da« Wachslicht durch'« Fenster blinken? Und wie die Mutter da« gefüllte Gla« und die Gewürzbüchse zurechtftellt? Gehen wir, Jeder zu unfern fromme» Eltern, den Abschiedsgruß an de« Sabbath und den Segen für die neue Woche mitzubeten. Siehst d«. diese Alte» glauben an den Duft de« Lebe»«, wenn fie dtt Gewürz« rieche» und an die Fülle de«selbeU, wenn sie da« volle Gla« gläubig an die Lippen setzen. Lerne« wir vo» ihnen", sagte fie freundlich. Und wie eine lttbeude Schwester dem Bruder reichtt stt Arno die Hand, ihn bi« au sei» Elternhau« begleitend und dann da« ihrige betretend. Keine» der Beiden, die fich eben getrennt, hatte« eine Ahnung von de« Gespräche Gersou'« »tt seiner kluge» Frau Sarah, da« diese »ach de« erquickenden MtttagSschlafe beschäftigtt, und doch betraf e« dtt beiden junge« Leute. Die Eltern beider Kinder liebten Esther und Arno, al« wären e« die eigenen. Sie waren gegenseitig überzengt, daß fie da« Glück derselben begründeten, wenn fie verbunden würden. .Er ist ei» guter Sohn für seine Eltern und er »ttd ei» guter Manu sein für sein Weid", sagtt Gersou. ,Wa« wäre au« diese» Leuten geworden, hättt er nicht seine» LieblingSplau, zu studire», aufgegebea l Mtt welche» innere» Kampfe opferte er fich ihrer Existenz. Ex hat ihr Geschäft durch Fleiß und Umficht so gehoben, daß fie bei ihre» kleine« Bedürfuiffeu schon vo» ihren Zttrse« lebe» könne», wen» er au« de« Hause geht." .Und dtt, lieber Manu", erwtdertt Sara, .könntest du anch schon Ruhe gönne«, und deine weisen Schriften statt der Geschäftsbücher bämtzeu. Für unser einzige« gnte« Kind ist gesorgt, wen» Ar»« mrser Geschäft übernimmt nnd du Theiluehmrr desselben bleibst. Und. gut find d« Beide» einander da« »erkt doch Jeder. Sprich affe» »tt Balrntiu, er mag «» seinem Sohne vorstellen nnd sage», wa« er meint. Unser geliebt«« Kind wird unser» Rath« folgen."

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