Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 7 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 — wir (* nicht lebhaft bedauern sollten, diesen französischen Meister der Gelehrsamkeit in theatralischen Flitterstaat gehüllt auf der Bühne erscheine» und hier Krokodilsthräneu »ergießen zu sehe«. In früheren Zeiten erregte e« schon große« Aergerniß, wenn die Bühnendichter — heut« akademisch gebildete Gelehrte, aber alle Wege führen zu» Ziel — einen Ulysses, Meuelau«, Jupiter «der Pluto« earrikirten, obschon sie im Grund« genommen hierdurch nur mythologische oder dem Herornzeitalter augrhvrige Personen lächerlich machten. Wir haben viel mehr Grund unser« Unwille» zu äußern, wo e« sich nicht um sagenhafte und dichterische, sondern vielmehr «« religiöse Persönlichkeiten handelt, welche eine hervorragende Stellung in der Geschichte unsere« Tut tu«, unserer Re l igion riuuehmeu. I« Wirklichkeit ist aber diese« Stück, welche« mau ganz unschicklich .Operette" nennt, nicht« anderr« al« rin ungeschickte« .Melodrama" (Singspiel), da Nascht auf der Bühne der Rocheconrtstraße durchaus keine veranlaffnng zum Lachen giebt. Trotzdem gelte» unsere Bemerkungen in Bezug auf die Hauptsache um nichtsdestoweniger und wolle« wir nun versuchen, «ach vorausschickung dieser Vorbemerkungen von der Darstellung selbst zu sprechen. Zuerst aber sehe». wir uns einmal die Zuschauer an. Da« ganze Polenthum — selbstverständlich da« jüdische — vom Stadthaus bi« zum Montmartre hat sich hier ei« Rrndez-vou« gegeben. Auf den Galerien erblickt man eine bunte Gesellschaft an« den verschiedensten Type» der Mützen- und Eitronmhäadler, desgleichen Pfefferkuchenkrämer in großer Zahl. Im Parterre, auf Lehnstühlen und tu den Logen habe« vornrhuUhnende Polen nach Art und Weise der Gentelmeu, luxuriös geschmückte Damen mit Diamautringeu in den Ohren — es befindet sich manche Schönheit unter diesen — behiliig Platz genommen. Zu unser« größten Erstaunen erblickten wir in einer Loge auch den Judenfeind Drumout, umgeben von vier Freunden, seinen 4 Musquetiren, die ihm bei« Riedersäbeln der jüdisch« Race getr« zur Seite stehen. Bei seiner Neugierde hält er immerhin ein wenig Vorsicht doch am Platze. Trotz seiner sichtbar« Anstrengung, sich bemerkbar zu mach«, heit ihn doch keiner erkannt. Einer meiner Sintermänner hielt ihn natürlich für ein« Polak. — Hängt ach auf Drnriont, man hat Euch für einen Jud« gehalt«, und was noch schlimmer, für ein« polnischen Jad«i — Was mich betrifft, so finde ich seine Aehnlichkett mit einem Professor de« Iprbrätscheu, auf welche Herr Abraham Drey» fuß anfmrrksum gemacht hat. absolut zutreffend. Diese Physiognomie de« jähzornigen Arier« (Aryen) reimt sich durchaus auf nicht« (i rien), was die christliche Abknuft kennzeichnet. Geh« wir uns nun die Vorstellung au. Der Vorhang erhebt sich und wir «oha« einem Lehrvortrage Nascht'« bei, und zwar eine« Lehrvortrage mtt Musik, wenn «an so sag« darf. Da« ist nun wohl an sich schon etwa« Außergewöhnliche«, aber wir werd« »och drolligere Leistung« sehen. Plötzlich wird die Freude unterbrochen durch die Ankunft von iSriesea, welche mittheileu, daß ein« Jud«. Verfolgung ausgebroch« sei. (Wie mag sich Held Drumout hierbei vor Freud« geschüttelt hab«i D. Uäers.) Nascht steht auf, geht t» Takt «m d« Tisch herum, »ährend seine Schüler ihm tzSchritt auf Schritt folg« und die Prozession wächst zusehends, während die Thrtlurhmer feierliche Lieder singen. Sobald die Jünger sich hinter die Eonltff« deged« haben, ftiagt Nascht au zu bet«, »ergißt sich hierbei «brr so wett, twß er sich auf dt« Antee wirst! Jetzt kommt rin Theatercoup. Aufgepaßt l Der König von Frankreich erscheint, Nascht n» ein» Rath zu frag«. Es wird hierdurch auf eine Legend« angespielt, »elch« sich aber nicht ans Nascht, sondern auf Rabbi Jechtel ans Parts bezieht. Dir zweidemtge Antwoick des Nabbt bringt d« König in die höchste Wnth. Das Ipans Naschi's wird erstürmt nnd geplündert, und der Rabbi flieht «st seiner als Prinzessin verkleidet« Tochter,* der« Arme jedoch nackt (!) find, um rath- und trostlos in den Sttaßm umberzuirren. Jetzt komm« Soldaten, weichte im Di«ste eines Graf« stehen, und mtführeu Prinzessin Sarah ihrem Vater. Der Anführer dieser Rotte — ei« Haudegenphilosoph — wird durch einen jungen Troubadour dargrstellt, welche: seine und seiner Leute Trunkenheit dazu benutzt, die Sarah zu befrei« und zu ihrem Vater zurückzuführ«. Ein jüdischer Berräther, Porez. hat sie aber belauert und dem Graf« versprochen, seine Gefangene den Händ« ihres Besteier» zu entreiße« und ste ihm wiederzubriugen. Durch eine komische Verwechselung aber »ergreift sich dieser und entführt statt der Sarah die alte Haushälterin Rrschi's. Man dmke sich den Zvrn de« Graf« bei dieser Entdeckung! Porez begiebt sich nun wieder auf den Weg nach Raschi's Aufenthalt zurück und in dem Augenblicke, wo er den Steg errungen zu habe» glaubt, erscheint Sarah'« Schutz«gel in Gestalt de« Troubadours, welcher dem Entführer den Todesstoß versetzt und so seinem teuflisch« Borhab« ein Ende macht. Raschi, durch diese Gemüthsaufregung« zu tief ergriffen, stirbt, nachdem er vorher noch Sarah dem Troubadour, welcher kein anderer ist, als sein Lieblingsschüler Rüben, angetrant hatte. Jetzt hätte der Vorhang eigentlich falle« dürf«, aber wir sollen vorher noch dem Brgräbuiffe Raschi's beiwohne» und mit diesem traurigen Acte — curioser Schluß einer Operette — endete das Stück, dessen Hauptinhalt wir summarisch wtederzugeb« uns bemüht haben. — Die Schauspieler, welche dieses ungeschickte Singstück mit ihren traditionell« Zittertöuen (Trillern) zur D arstellung bracht«, find durchaus nicht ungeschickt. Wir haben besonders dm Hauptkomiker bewundert. Derselbe ist ein flotter Trinker und obschoa Christ, versteht er so viel von der Bibel, daß er glaubte, klüger al» die gelehrtesten Rabbiner zu sei«. Porez, ein arglistiger Schuft, mit seinen schnell« und treffmden Witz«, erregte zu sehr die Lachmuskelu, als daß wir ihm grollen könnten. Raschi's alte Hausschachtel endlich, welche sehr gelungen spielt, hat ebenfalls gerechten Anspruch auf d« Beifall des Publikums. Was nun diese« Letztere betrifft, so müssen wir gestehen, daß es aufrichtig gelacht hat. Es ließ keine Gelegenheit vorübergeh«, ohne sein« Beifall durch Händeklatschen zu bekund«, daß es eine Art hatte. Der ganze Dialog, in welche« soviel Hebräisch wie Deutsch vorkommt, und der von Moschelich (Gleichnisse, Anekdot«, Witze) und biblischen Litat« überspmdelt, tau» nur von der jüdisch-polnischen Eolonte oder solchen, welche «it Mensch« dieser Art schon in Berührung gekommen find, verstand« werd«. Er bleibt ein verschlossener Brief für die Pariser Israeliten. Diese könnm sich tu aade« Theater«, welch« nach unserer aufrichtig« Meinung diesem au die Sette gestellt werd« können» reichlich «tjchädig«. Dieser versuch ist «tchtsdestoweuiger von anziehende« Jutereff«. E« ist eine n«e Sehenswürdigkeit unserer Hauptstadt, welcher es übrigens au dergletch« nicht fehlt. — Ehe wir schließ«, wolle» wir »och d« Namen des Lieferant« dieses jüdisch-polnisch« Repertoires »errathe». Wie wir glaube», ist dasselbe von dem ständig« Fabrik««« derarttger Bühn«stückr — dem d'£nn«iy diese« Genres — Her« Goldfaden, eine« in Rußland sehr geachtet« Gelehrt«, welcher augenblicklich «to Truppe in Amerika »irigirt, aufgestellt. (Rach Eh. D. Lippe'« .Bibliographisches Lericon" war Herr Goldfaden früher Direktor des jüdisch« Volkstheaters in Bukarest.) _ sr«ffe»«isch»»g ««d Raffern««rattere Iw hemlac« ÄA»e»th««. 8m gssorttz Alsberg. (Svktsetznag.1 Nach d« geschildert« Thatsäch« kan» es als, keinem Zweifel unterlieg«, baß et» Thett von Palästina, eh« noch l