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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 4 (1889) · p. Seite 14

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
4 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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einet ßmeifdt^m dieZFrömmigkett^des^hochgeachtetm Rabbiner» za setze«. .Ja. Reb Jisrolm muß «au folgen", sagte sich Reb Leiser leise, sich ängstlich umschaueud, ob nicht etwa Jemand seine Worte gehört habe. Und er ging heim, über .den Plan einer Predigt oachzudenken, die er voraussichtlich in den nächsten Tagen würde halten müssen — in Folge denen«« Gesetzes. Dienstag beim Krühgottesdieust wurde io allen Synagogen im Namen Reb Ji-rol», der Unterrabbiner nnd der Mitglieder Iti Beth-Di» für Montag der kommende» Woche ei» strenger Fasttag angesetzt mit .Selichot" •) und Almosen» vercheilung. Außerdem wurde bestimmt, daß alle Knaben, dir »och da» .Lheder"**) besuchen, sich um die Zeit de» Abeudgottesdieuste» in der Synagoge versammeln. Psalmen beten »ad den Predigten znhdren sollen. Der Stadt be» «ächttgte sich anfänglich tiefe Niedergeschlagenheit, dann aber eine religiöse Extase, die durch die ewigen Jeremiadm der osficielleu und nichtofficiellen Prediger, welche sich be» mühten, einander in phantastischen Ausführungen zu über» bieten, künstlich genährt wurde. Und wenn — na» sehr oft vorkam — die Worte nicht ausreichteu, nahmen die Prediger zu einem probaten Mittel ihre Zuflucht: sie risse» die Thüreu der heiligen Lade auf und begannen, die Thorarollen umklammernd, so heftig, so wild zn schluchze», daß da» ganze Publikum, in der Tiefe de» Herzen» erschüttert, auch .zu schluchzen aufing, mit dem Prediger unisono weinte und Ströme »ou Thränru vergoß, bi» zum B erst egen. Und auch die anwesenden Kleinen schrien au» vollem Halse, fich krampfhaft an dir Rockschöße der Erwachsene» llammernd, deren Schluchzen auf sie eine leicht begreifliche Angst brachte: sie zweifelteu nicht, daß man sie au» der Synagoge geradenwegs nach dem Marktplatz führen und ihnen die Köpfe abhacken werde. Eine andere Ursache für die rasende Verzweiflung ihrer Bäter kannten sie nicht, da sie ja den sinnreichen Unsinn der Predigten nicht verstanden. In diese» Tagen, wo alle Gelehrten der Stadt Gelegenheit hatten, auf den Kanzel» der Synagogen ihr« rhetorische» Kräfte zu versuchen, mußte die Palme Reb Leiser», dessen Predigt über Adam und Eva einen glänzenden Erfolg erzielt hatte, zuerkauut werden. Sie wurde so gut verstmdm, so recht empfnuden von den Zuhörern, daß diese sie »it Vergnügen in der ganzen Stadt verbreitete». Auch Reb Iisrol hätte eine Predigt gehalten, allein sie war so schlicht, so ohne Arg, daß sie Niemand würdigte. Die Predigt von Reb Leiser» aber wurde sogleich populär. In der Stadt Wurde von nicht» Anderem, als von dieser Predigt gesprochru. Sie wurde immer wiedergekaut von .Belfern" ***), tmutwerkeru, Lastfahreru, Höckerweiberu und sogar von vchianeu — von Jedem nach seiner Weise. Reb Leiser war der Held de» Tage». Er wußte e» und war sehr zufrieden; denn bei all' seiner Ruhe war ihm da» Gefühl de» Ehrgeize» nicht ftemd. Der Autorität Reb Ji»rol» hat er fich nothgedrungrn untergeordnet, allein im Stille» erkannte er ihn nicht au, indem er fich selbst für ftömmer, beredter hielt, als Reb Iisrol, dessen Stärke nur in religiöser Lasuistll bestand, «» war. .Wen» die ganz« Stadt von mir spricht, meine Worte wiederholt, so bi» ich sicherlich nicht einer der Letzten", sagte Red Leiser, sich selbstgefällig de» Bart streichelnd. — .Reb Iisrol? ... Hm, was ist den» Reb Iisrol? Ein ,Lamban" ****), weiter nicht». Allein, uw an der Spitze einer grvße» Gemeinde zu stehe», ist die bloße Gelehrsamkeit nicht au»r>nche»d; da ist auch die Gab« der Beredsamkeit erforderlob, daß man mit dem Bolle rede» kan», es anrcgeu, •> »a] -2- .. ***") Talwubgeletzwee. rühren." Und in Gedanke» setzte er fich schon ans de» Platz Reb Jisroel», bei welcher Aeqnifltion — nach seiner Meinung — die Stadt nur gewinnen könne. klebrigen» nicht mit Reb Leiser» Predigt allein war die Stadt beschäftigt in den Tage» vor de« augesetzte« Fasttage. Erregt durch de« religiöse« Fanatismus, fand die Menge eine nahrhaftere Speise. Mau fing an von allerhand untrügliche» Zeichen und Symptomen für die baldige Ankunft de» Messias zu rede». Mau erzählt-, daß vor einigen Tagen in einem gewissen jüdischen Städtchen ei» Knabe mit zwei vollständige» Reihe» Zähnen da» Licht der Welt erblickt habe, der in der heilige» hebräische» Sprache rin Käppchen gefordert hätte und eine Portton — .Kugel". Diese nationale Speise habe der Wnuderkuabe, nachdem er de« üblichen Segen gesprochen, verzehrt und dann zu deu Anwesenden gesagt: „Haltet euch bereit. Brüder.' E» bricht die Zttt fcran, von der e« geschrieben steht im Buche Jesaja: .Und die Böller werde« strömen zu Deinem Lichte und Könige zum Glanze Deine» Angesichts", sprach'«^und — verschied. — Ferner wurde erzählt, daß der D.'er Risbbiner. ei» bekannter Kabbalist, in irgend einem Berse de» Buche» Daniel eine nicht mißzuverstehrud« Audeutuug gefunden, wonach der Messias im Jahre 5604 »ach Erschaffimg der Welt, d. i. 1844 nach der christliche» Zeitrechnung, komme« werde. E» versteht fich von selbst, daß diese Erzählungen und die durch sie veranlaßten Auseinandersetzungen die Gemüther der Miusker Juden »och mehr erregten. Biele glaubte» und Biele glaubten nicht, stellten fich ober so, als ob sie glaubt«», damit sie mit den Gläubigen, deren Zahl nicht mit jedem Tage, sondern mit jeder Stunde wuch«. nicht in Eollifion grrietde». Biele mtter den Gläubigen, die fich besondersündig fühlten, fingen an, mehr oder minder aufrichtig, mehr oder weniger öffentlich Buße zu thun. I» diesen Tage» war in der Borhalle der Synagoge ein wahre» Gedränge von Personen, die fich der seligmachende» Peitschnng an» der Hand de» Synagogrndiener« unterwerfe» wollte». Auf diese Weise da» Gewissen geläutert, wünschten die neuen Heiligen, daß die ganz« Stadt fich von den Sünden reinige, da sonst die Ankunft de» Messias erschwert werde» könnte. Und au« dm abhängigm Personen der Minsker jüdischen Gemeinde bildetm fich die Rottm, die die Stadt durchstrichen, um Süudm zu suchm, oder richttger — Sünder. Unt> wo find keine Sünder vorhaudm? Sie wurdm schnell aufgefischt und mit „großem Skandal" durch alle Straße» in da» Kahalstübel geschleppt — vor Gericht. Denn es hatte fich auch ein außerordmtliche« Tribunal für diese außerordmtlichm Fälle gefuudm. E» war eiligst z». sammmgesetzt wordm aueiuigm Fanatikern mit Reb Leiser Maggid au der Spitze. Die Exekution wurde de« Ge» meiudedimer anvertrant, dessm Frechheit und Härte männig» lich bekannt warm. Die „Verführer". die man der Form wegen einem kmzm Berhvr unterzog, wurdm aus der Stelle abgestraft. Die Eiurn mußten öffmtlich, d. h. durch da« offene Fenster de» Kahalstübel, beichtm; Andere erhieltm einige Maulschellen; wieder andere, jüngere Leute, wurdm durchgepeitscht, wobei Reb Leiser fie unausgesetzt erinnerte, fich an die Brust zu schlagm und da» läutemde Sünden» bekeuntniß „Oschomun" zu sprechm. E» war eine heiße Zeit. An die Stelle der allgemeinen religiösm Zerknirschung trat der Terrorismus von Settm einzelner Gemein demitglirder. Jedermann fürchtete, daß man ihn infolge einer Dmuuziaüou ergr ism und öffmttich beschimpfen kömtte. In diesen Tagm wurdm viele Famllim der Stadt für immer ihre» gutm Rufe» beraubt. Der Unfug »ahm «ft jeder Stund« größere Dimmfionm an, and e» war keine Möglichkeil vorhaudm, dir faaatifireud« Masse zurückzuhaltea. Dieser TrrroriSmu» würbe weiß Gott wie l«mge angebonert Hab», wäre nicht der dm 8-fem bekannte ältere Lest» dagwssch« «etrei». Da« >otzal»grricht" gefiel ihm nicht; erstlich erfitzim «» itz» oi» «in Uebertzandmhmm der Gmwiwblgkwalt,

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