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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 2 (1889) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
2 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 Bruder »erde» «ach dem neuen .Beth-ha-Midrasch" *) »ehe«, zu ten Kaufleute«, deu G'wireu. Mir nach, Lnrtel" eomu audirt« er die Menge, auf das «eu« Beth-ha-Midrasch zuschi eilend... Die Meuge theilte sich tu gesonderte Gruppen uud folgt,: — die Einen dem Jaulet Schieler, Andere dem Schreiber Thatzlel, wieder Ludere dem Glaser Plötze und wi-diruw Andere dem Färber KeUer. Der Hof schien fast verölet; es blieben nur Jene zurück, die überzeugt wareu» daß mau sich auch ohue sie begehen werde, un» solche gab es nrr wenig. Keine Viertelstunde verging, al» aus dem neuen Bethha-Midrasch der älteste »Lchame«' •*) herausstürzte und über den ganzen Hof rief: »Oestnet da» Kahalstübel! Wo ist der Schlüffel? Wo ist Karvel? Daß ihn.. .' Das bedeutete, daß die Demonstration die gewünschte Wiking erzielt hatte, daß die Reichen sich bereit erklärt hott.n, zu einer Beratbung zusammenzutreten. Und in der Thal, einige Minuten darauf ft'ömteu aus allen Synagogen die einflußreichen oder einflußreich sein wollenden Personen in dos Kahalstübel, welches begrrifiicher Weise nicht den zehrten Theil der berathenden Gemeinde-Mitglieder fasten komte. Uno da nach den G'wireu auch der übrige Theil des Publikums, da« sich in den Synagogen befand und an dem BeUulif der Sache Ar theil nahm, herausströmte, so ist es licht zu verwundern, daß in einer Minute das Kahalpübri von Nebenpersonen ganz g füllt war, so daß die wi'k» lich, o Repräsentanten der Gemeinde keinen Platz mehr fan!>en. Allein Dank der Orduungsliebe der Synagogen« und Gemriadedienrr, dir rechts uud link« mit den Fäusten arbeiteten, wuide das Kahalstübel von allerhand Gesindel schnell ge» säul>ert, so daß es wenigsten« einen Theil der wahren Gemeindevertreter fasten und die Sitzung, begleitet von dem Lärm und Geschrei, dem Getümmel und Gejohle der unabsehbaren Menge, die das Kahalstübel von allen Seiten belagerte und den Hof von einem Ende zum andern füllte, ihren Anfang nehmen konnte. Die Hauptagirotoren. von denen oben die Rede war, dli :brn in den Synagogen vor den Heilgen Laden stehen, die sie mi> einer P» steukette ihrer Helfershelfer umgeben hatten uni» ruhig da» Resultat der begonnenen Beratbung obwarteten. Und nicht einmal erhob Meyer Plötze seine Hand, uw Jemand die Rippeu einzudrücken, allein eingedeuk der Wiisung des Litern Keile--, vor besten Fäusten er sich ehrfurchtsvoll beug'e, war er genöthiat, die Hand finken zu lasen, ohne den beabsichtigten Versuch gemacht zu haben. Die Sitzung dauerte nicht lange. E» wurde beschloffen, das; morgen der Kahal in oorxor« zum Gouverneur sich b-k den uud unter Thräneu bitten solle, geneigtest Alle» zu thrn, was in seiner Macht liege, damit der Ukas rrdresfirt oder wenigstens auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werde, wesür man in allen Synagogru einen Bittgotterdienst für di« Gejundheit Sr. Sxcellen abzuhalteu verspreche. — Mit diesem Beschluß gab sich da» ganze Publikum zufrieden, die Le-ter der Demonstration nicht ausg nommen, die auch sogleich deu Arrest von der heiligen Lade nahmen, so daß der unterbrochene Gottesdienst seinen Fortgang nehmen konnte. Die Agitatoren gingen h im, zufrieden, eine heilige Pflicht erfüllt, ein gutes Werk vollbracht zu haben. Und iu diesem seligen Bewußtsein bewirtheteu sie sich lauge, lange, bis sie voa den Füßen fielen, ohue sogar deu trad, iouellen „Schalet'- —) gekostet zu habm.... -a * . *< *3 Sonntag nach dem Frühgottesdienst wurden ans dem > Krhalstübel Boten entsandt an alle angesehene Personen, > die aus ihrer Mitte die Deputation au deu Gouverneur wähl« sollte». Grgm elf Uhr waren All« versammelt. Da Lehr» uud Beihau«. Syaagogendieaer. VabbLHpets«. waren Vertreter der Kaufmannschaft, des geistlichen uud Gelehrtenstaude«. sowie der Stukelconsuleuteu. Diese wurde« der Ehre gewürdigt wegen ihrer Fertigkeit, sich in der russischen Sprache auszudrückea — ein Vorzug, dessen selten Einer vou den andern Vertretern sich rühmen konnte. — »Da wird man rede« wüsten, viel reden-, — wurde schon gestern erwogen, — „und daher bedürfen wir der Winkelschreiber; sie reibe« sich um die Behörde«, find erfahrene Leute, verstehen zu sprechen — ohue fie geht es nicht." Und da Alle zugaben. daß es ohne die Winkelschreiber nicht gehe, so w»rden auch fie geladen. Man verschmähte sogar diejenigen unter ihnen nicht, die schon Gelegenheit hatte», mit dem Strafgesetzbuch iu empfiadlicher Weise in Berührung zu kommen; ja sie schienen im vorliegenden Falle geradezu unentbehrlich, indem sie durch ihr eigene» Leben schon b«. wiesen, daß fie geriebene Burschen waren, und solch« machte« sich stets nützlich, we -n es in einer jüdischen Gemeinde galt, ei« Anliegen bei der Obrigkeit anzubringen.... Die Deputation saß im Kahalstübel in Erwartung der Mittheiluog, daß der Gouverneur vou dem vormittags« gottesdienfte zurückgekehrt, zu welchem Behuse ein Gemeindediener auf der Kirchst-aße aufg-stellt worden war. Alle saßen schweigend, in Nach,innen verloren über ihre eigenen, vielleicht auch über Gemeindeangelegenheiten. Biele verbargen schlecht inre« Unmut i darüber, daß man fie aus ihrer Beschäft gung geristen. die keinen Aufschub vertrug. Jndeß Niemand beschwerte sich. »Wißt ihr etwas", fing plötzlich Red Boruch Jtzeles an. der es nicht sehr eilig hatte ba er Hauseigenthumer war» „«» würde nicht schade», sich em wenig vorzubereite», d. h. sich zurecht zu legen, was man eigentlich dem Gouverneur sagen wollte." »Red Boruch hat Recht", antworteten Biele. »Denn in der That es könnte passiren. daß wenn wir vor dem Gouverneur steh'n. wir nicht wisten, womit anzufaagen. Man wird schüchtern." »Wir lasten uns nicht einschüchtern", beme kte der Winkelschreibir Arke *) Bugai selbstbewußt .Es wäre nicht da» erste Mal, daß ich mit einem Gouoeneur spreche. Glaubt mir. der höchste B amte ist gerade so rin Mensch, wie wir Was sollte man da zaaen?" »Zagen oder nicht", bemerkte Red Boruch Jtzeles» »aber wisten, was man sagen soll, könnte keinesfalls schaden." »Das gebe ich zu", sagte Arke Bugai. »Und in diese« Falle müssen wir schon unfern Rabbi bitte», uns seine Gedanken im Jargon darzulegen, woraus ich sie ins Russische übertragen würde." Diese Worte verletzten die übiige» Winkelschreiber. »Auch wir können d'sl" riefen fie Alle fast schreiend, beleidigt, datz Arke Bugai die Ehre, die Gedanken des hoch« achtbaren Rabbiner« zu übersetzen, nur für sich beanspruchte. »Wer sagt denn, daß Ihr es nicht könnt?" antwortet« Bugai ärgerlich. ,E» handelt stch doch nicht darum, wer es übersetzt, sondern daß es übersetzt »iid. Uebersrtzt in Gotte« Namen, ich we-de euch nicht Hinkern; ich hasche nickt nach Ehren, weshalb al'o seid ihr so auf gefahren? Ich werde keinen Olden dafür erhalten. - Die Winkelschreiber beruhigter, sich. Die Blicke aller Anwesenden richteten sich jetzt auf Red Jisrsel, den Gemeinderabbiner. Dieser glättete seinen greise« geth.ilten Bart, holte au« dem Busen eine silberne Tabaksdose, auf deren Deckel Jerusalem abgebildet war, schnupfte, räuspert« sich und begann: »Rabboßai!**) Es gab Zeiten, wo die Rabbiner vor Monarchen stehen und mit b.-redteu Worten für das Volk Jisroel etntreten durften. Di« Monarchen empfingen sie mit Deminutiv der Nichtachtung von »Aron". Meine Herren I «: -J.

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