Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 2 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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m r. Jüdische, 188». Herau«qegebeu von Dr. M. Nah «er in Magdeburg. Zsr Mrhattms«. Kelehraag flr die israelitische Familie. —, t r, Der Uka» Bon Leon Lewanda, übersetzt von Levin-Sagan — Allerlei für den Familien»! kein schdue» Feit. — Brot« * **) ***)ur Feier der 2b söhligen« Bestehen» de« I«r. Kraueuveretn« in ' lüächselanfgaden vnd RöchseUSsungen. h Ein schöner Titel, kaetosum. lafel, am 2. Januar 1889. — (Nachdrnik nntrrsagt) V De,- Ukas. Bon Leon Lewanda, übersetzt von A. Levin-Sagan. - (Nachdruck uautfagt) sFoi^ssetzung.) Boa der handgreiflichen Demonstration gegen die Reichen, die fich Freitag ans dem gischmarkt abspielte, vollkommen Unabhängig, tereiteteu Agitatoren, deren Zahl sich immerfort verg'ößerte, eine regelrechter und wirkungsvollere Hauptdemoustration die am da.auffolgenden Sabbath in allen Synagogen zn gleicher Zeit ia Scene gesetzt werden sollte, vor. Darum begannen schon aw frühen Morgen, als die Synagogen zum Frühgottrsdieast kaum geöffnet wurden, der Platz vor oer Synagoge und die angrenzenden Gaffen sich zu füllen mit Handwerkern, Gesellen. Ladendieuern, Händlern ano allerhand Proletariern; mit Abgerissenen, Mitgliedern d«S weißen, d. h. kahlen Eommando'S, die die Regel beobachteten: .In jedem Gedränge — wir in Menge!" Und diese« Gesindel theilte sich, in der Erwartung eines Signals, tu kleine Gruppen nod vertrieb sich die Zeit mit allerhand Spähen und Possen und einer allgemeinen luftigen Unterhaltung. Die Hauptpoffenreißer gingen von einer Truppe gut andern und erregten mit ihren Anekdoten da» unbändigste Gelächter ihrer Zuhörer, wa» der zerlumpten Gesellschaft einen sehr lebhaften, ja lustigen Anblick gewährte. Man sah, daß e» keine ernste Angelegenheit war, die sie auf den Syuagogeuhof gelockt; nicht die Furcht, welche die der jüdischen Religion drohende Gefahr ihr eingeflößt sondern nur die müßige Neugierde. Mittlerweile nahm der Gottesdienst in der Synagoge seinen regelmäßigen Verlauf. Äegm zehn Uhr, als man in der Synagoge daran ging, den für diesen Sabbath bestimmten Bibelabschnitt zu verlesen, erschienen auf dem Synagogrnhof die Hauptmatadore der beabsichtigten Demonstration: der Schneider Ehatzkel Brache», der Schuster Iankel Schieler, der Kürschner Rüben Schwarzer, die Fürder Gebrüder «eiler — liederliche Köpfe, ohne welche keine ähnliche Demonstration von Statten ging — und der Glaser Meyer Plötze, der gleichfalls die TheUuahme an irgend einem Skandal oder an einer Schlägerei niemals ablehnte, selbst wenn die Schlägerei einer Sache wegen entrirt wurde, die ihn nicht im Geringsten augiug. Er liebt« e« und war zu jeder Zejt bereit, sich zu prügeln mit wem und wofür e« sich gerode traf, obgleich er in Wahrheit gar kein böser Mensch war. Er liebte Lärm, Schlägerei; Hieb« auSzuthetlen und sie mit Zinsen zurückzuerhaltru — wa» ihm sogar gefiel. Lebte er in England, er wäre rin ausgezeichneter Boxer geworden; da er aber in der ÄouveruementSftadt Minsk lebte, wo da» Boxen noch nicht eingeführt war, so mußte er, in Ermangelung eine« Besseren, sich mit ganz gewöhnlichen Schlägereien begnüge»; aber auch diese kamen zu seinem innigsten Bedauern sehr selten vor. Ungeachtet de« Monat« Juni, in welchem mau fich befand, sahn» di« genannten Agitatoren sich veranlaßt, iu »armen Pelze» zu erscheinen, welch« ihnen, »ach ihrer Auficht, rin repräsentablere« Aussehen verleihen müßte», fall« ein besonder« würdevolle» Auftreten erforderlich sein sollte. Außerdem bezeugten ihre stark gerötheteu und schwitzenden Gesichter, daß sie schon „Kiddufch"*) gemacht hatten, «m sich zu couragiren. Beim Erscheinen der Anführer verstummte die Menge und trat zurück, ihnen unmittelbar im Eeutrum de» Hofe« Platz machend. Die Leitung der Demonstration übernahm der ältere Keiler, der größer, stärker und hitziger war. al« seine Kameraden. „Run, Leute, hat man schon „geleient"? *•) fragte er laut die vor ihm stehenden Zerlumpten. „Nein I" lautete die Antwort, „aber mau wird bald ..* „Man wird nicht!" rief er. seine muskulöse Faust erhebend. „Ich werde die „Jolden" •*•) bis „Scholosch - Szudo»" f) dabehalten, bis sie versprechen, daß der „Kahal"ff) morgen zum Gouverneur gehen wird. O, ich werde sie belehren I Da» Volk Israel ist im Unglück und sie .. . nicht» ... rühren keinen Finger! Ich werde ihnen zeigen, mit wem sie e» zu thuu haben!. . . Sagt. Leute, sind wir Juden, oder find wir e» nicht? ... Ich frage euch, Dummköpfe, ob wir Juden sind oder nicht?" schrie er zähneknirschend. „Wir sind Juden!" antworteten die nahe stehenden zerlumpten Zuhörer, zurückschauderad vor dem wüthendeu Blicke, den der ältere Keiler ihnen zugeworfeu. „Nun, wenn wir Juden find, so müffeu wir doch wohl für die heilige Thora einstehen. Der Zar selber ehr Glauben, und wenn er erfährt, daß unsere Religion e» bietet, un» „deutsch" zu kleiden, so wird er den Ministern befehlen, den UkaS zu widerrufen — ist dem nicht so, Leute?" „So ist e»k" antworteten diese laut. „Iankel", wandte er sich dann au seinen Begleiter, „Du gehst iu die Synagoge der „Ehebra Kaddischa" tft); Du. Ehatzkel — zu den Fleischern; Dir, Ruwka *f). und Dir, Plötze, übergebe ich die große Synagoge. Aber nicht berumprügeln, denn r» ist «iu heiliger Ort. Ich breche Dir die Knochen im Leibr, wen» Du eine Schlägerei verursachst. Du stellst Dich vor der heilige» Lade auf und damit Bast«; Ruwka wird schon allein dem Publikum sagen, wa« wir wollen, verstanden?" „Ja wohl", antwortete Plötze. „Wenn aber ..." .Kein Aber!" schrie Keiler ihn an. „Prügeln darfst Du nicht — da« genügt. Ich wiederhole r«: ich schlage Dich lahm, wenn Du e« wagst, die Hand,zu erheben. Die Synagoge ist doch keine Kneipe... Ich «der mit meinem •) Der Weihe-Segen über Wein an Sabbath- und Festtagen. Hier hat e« die Bedeutung wie: „Einen hinter die.Bind« gießen" **) Au« der heil Schrift vorlesen. ***) Laien Nicht Handwerker, t) Die dritte Mahlzeit am Sabbath. ff) Die Genre! ndereprösentanz. fff> „Heil, verein" — Begräontßgesellschaft. *t) Deminutiv der Nichtachtung von „Nuoen".