Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 1 (1889) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
1 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/6492351-8722856-5956627--1032-5373433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

viertel jom andern. Man las tak tat sie immer wieder, auf dev Straße», ha »Kahalstübel- *), in den Eynagog« und Prik atbetbänsern. Und da die Juden zu jener Zeit in der riisstsche» Sprache noch sehr sch'echt beschlagen waren, so konnte» sie flch ans das schlichte Lese» des Ukases nicht beschränk, n, sonder» waren genöthigt, zu Commmtar« und Mothma zungen, die oft sehr uustuuig und lächerlich waren. Zuflucht zu nehmen. Und die Folge dieser Muthmaßung und Tommentare war, daß in den Ukas Dinge hiueiugeleseu wurden, die darin garuicht standen, und daß anrererseit« übersehe« wurde, was er wirklich enthielt. Allein Eines unterlag keinem Zweifel: über das alte Testüme war die Acht, die Unterdrückung auSgesvrochen, und diese Unterdrückung de» Eostüme's wurde sogleich mit einer Unterdrückung der Religion identificirt; vermittelst untrüglicher Syllogismen wurde ailSgerechvet und gefunden, daß von dem Wechsel des TostümS bi« zum Wechsel der Religion im Ganze» nur eiu einziger Schritt, ja manche Weitsichtigere behaupteten, daß e« garnicht einmal ein ganzer Schritt sei. ReligionSverfol» gnng! Ist'« eiu Spaß?! Ja, ja. es war schon eia bedenklicher Full ... "in m ist« regten fich die Schneider auf, welche Grund hatte« zu glauben, daß die Realistrnng de» UkajrS ihre» einzigen Existenzqnell vernichten würde, da sie Zuschneiden und Räl>en nach »deutscher- Art für eiu Kunststück hielten, da« sie zaruicht würden begreif, n können. Bon den Schneidern verbreitete fich die Panik über alle andern Haudwerkergeuoffen! Haften, die mehr oder weniger an der Toftümiruag der Judi» nach alte» Weise Interesse hatten; und den Handwerken». deren Lonlingeut eiu sehr beträchttiche» war, wurde eS nich: sctnoer, die übrige» armen Klaffen der Stadtbevölkernng aufzureizen. In weniger dru» drei Tagen war die g'öiite Hälfte dieser Schichten so elektristrt, daß eine baldige «Lxplofion unvermeidlich schien. Lire Explosion! Meuterei! Gegen wen? Gegen die Obrigkeit? Aber da» liegt doch nicht in der Natur der Jude», auch verbietet chneu da« Reltgioasgesetz jede Jnsubordinttiou den Behörden gegenüber auf's Strengste. Aber tut wem die Wuth auslaffen? Die Bolkswuth liebt e» nicht, lauge nach einem Opfer zu suchen, fie stürzt fich auf den Ersten, der ihr in den Wurf kommt. Und dieser Erste wir diesmal die reiche Klaffe, auf »oelche die erbost« Menge die ganze Schuld abwälzte, als hiuge e» lediglich von chr ab, ob der Uka» erlaffen roerden soll oder nicht, »Ta, seht euch die G'wirtm *) an — daß fie auSgerottet würden!* rief Alle«, was rufen konnte. »Außer ihrem Grldsack bekümmern sie fich um nicht». WaS kümmert e» fie, daß die jüdische Religion in Gefahr ist? Geld — das ist ihre Religio»! Und weshalb wir ihnen noch so viel Ehren erweisen? Sie find reich — nur gut für fie, aber was kümmert'« uv»? Wir verlangen von ihnen kein Brod; uu» spe st Gott, der den Bogel in der Luft nicht verhungern läffet.- Au' dem Fischmarkt nahm am nächsten Freitag die Erbitter mg gegen die Reichen drohende Dimensionen au. Die Fischtveiber, welch« curS unbekannten Grüuden fich die Gewöhn zeit angeeiguet haben, frech und hitzig zu sein, überfielen fest die reichen Frauen, die nach Fische» gekommen waren. »Siehst, wie die sich herausgeputzt hat! Rein um ins Grab zu legen.- Mit diese« Worte« wurde jede reiche Frau begrüßt, die den Fischmarkt betrat. Und »ach diesem Empfang der d'e schuldlosen Opfer wir ei« Keuleuschlag traf, folgten «ehr oder weiüzrr fade Späße, grobe Schimpfwort« «ad die ausgesuchteste« Flüche, an denen dor russisch« jüdische Jargon so reich ist, besonder» umw de» großmäuligen Fischweiberu. Nach und nach kam e» auch zur Handgreiflichkeit, und nicht eine reiche Jüdin kehrte an diese» Freitag hestn oh« Fische, aber dafLr nett verweinten tagt«, wrstvrter Frisur und ganz zerknitterter Toilette; worauf die Gatte» der iasNlttrten Frauen, durch Erfahrnng belehrt, daß es am praktischst« ist, schmntzig« Wäsche in den eigen« vier Wänden zu wasch« n»d darnm nichts daran dachte«, dieser Exceffe weg« bet der Polizei Beschwerde zu führen, «ach ihrem eigen« Ermeffen fich Genngthnna, za verschaff« sucht«. Der Eine ging in eigmer Person ans d« Kischmarkt nnd verbläute dort dtejenig«, »elche es verdient, »der irrthümlich auch die es nicht verdient halt«; der Andere übertrug die Angelegenheit seine« Diener, der herzhaft Jed« durchbläute, der ihm gerade in den Wurf kan», da er ja wußte, daß für dies alle« nicht er, sonde« sei» Herr die Berautwortung z« tragen Hab« würde, «nd dieser hatte breite Schulter«. Ans diese weise wurden an jenem Freitag bis zum späten Abend solenne Prügelei« abgehatt«. Mulden mit Fischen wurdm «mgeworf«; die Fischwetber, bewaffnet mit ihrer Waare stärker« Kalibers» parirt« die ihn« zugedacht« Hiebe so gut sie könnt«; die Mütz« der Männer und Kopfbiud« der Frau« flog« in die Höhe; di« Luft war erfüllt von dem Lärm der Angreifer «ad den Schimpfwort« der Augegriffmen. Und dieser hartnäckige Kampf würde noch lauge gedauert haben, wenn die Gemeiudedimer di« kämpfmdea nicht entwaffnet hättm mit dem Rufe: »Der Sadbath ist angebrochen! Geht hei«, heim! Entweiht d« Sadbath nicht!- Da« Bombardement wurde unterbrach«, die Arme wnrden gesmkt, und, de» Schweiß und den Koth ans dem Gestchte wischend, ging« die kämpfend« anSeiuauder. um .friedlich zu begegn« der Prinzesst« Sadbath.- Erschlag«« gab es allerdings nicht und auch Berwuudete nur sehr w«ig. — wessen Sieger wie Befiegte fich in gleichem Maße freut«. Und die Ade» d» Mahlzeit wurde nicht blo» durch den Gesang der »Se» mirolh-*) gewürzt, sondern auch durch Erzählung« über die verflossene Schlägerei, di« ungemein reich au komisch« Episod« war«, und in »tele« Häusern wnrd« geschwatzt und gelacht bi» nahe au Mittemacht. lS»r«s«tzung folgt.) War«m der Sextawer re«tfchle feinem «itfchkler «d»lf Loh« forderte. »Wie die Alten sangen, so »witsche« auch die Jung».* Wa» den Studenten auf der Universität recht, das kst ch reu Aeffcheo, den Herrn Sextanern, «nr b llia. Diese Herrch« studier« da« Äullenpapier in der Frühstückspause so gut und so eifrig, daß fie mit dm Wurst« und den Käsestimm ein« unglaublichen Schatz politischer Weisheit verschlinge«, die sich buchstäblich au den Butterbrolschnittm — von de» ZeitungSpapier nämlich — abdruckt. Daß unsere Sextaner also au» bester Ouell« Politik und Sehnliche» saug«, ist bekannt. Derselb« Stnllenpresse verdank« fie auch die »Wissenschaftaller and«« Ereignisse, z. B. des Falles Bium-Eichler. In rme« Gymnasium der Köuigstadt rief das Duell unter den raonaw-kaueudm Sextanern gewaltige Sensation und bei den Herr« des »Vereins Deutscher Sludmtmder Zukunft groß« Jubtt hervor. Unfern Zwergantisemitleiu stieg eine Ahnung höher« Daseins zu Kopfe Wie gern hätte« sie es dm» Sichler nachgethan. Aber wie anfauamll Ein Zweikampfer, der schon mit der erst« Eonjugatio« auf gespanntem Fuße stand, war leicht gesund« nnd sei«« Gegner hatte er auch bald und er hatte auch ein« Grund, der jedem verständigen Menschen sofort einlmchtm wich Der Jadmjuuge Adolf Loh« hatte sich durch seine die heftigste Eifersacht mtt Recht provoeiereade Tüchtigkett in sämmtliche» Schulfächern den begründeten Haß de» jung« Semttmfreffers zogezogen. Ei» solches Ueberwucher» des Judmthum» beschloß er nicht «»gesühnt zu lassen. Es war auch ein Skandal, daß die Judeajungms ihn auf eine« *) LitznagSz immer der Semeiaberepräseatali-. -) seiche Lente. •) Eabbathgesäage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.