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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 43. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 43.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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■ ^-f-z wsw;»'’ 21, 1) nu.gten wir bck der in unserer letzte« Nr. «Sher besprochener Kundgebung - unsere« Kaiser« u. König« im „ReichSauzeiger" gegen die.Krruzzcktuug" und ihre Ge» siuuung«geiioffen denken, und fühlen uu« umsomehr dazu veranlaßt, wenn wir dir inzwischeu eingetretenen Folgen dieser Kais bliche« Kundgebung in'« Auge fassen. Wie von WasserbächlM we,geschwemmt ist die chriftUch-soziale Partei und ihr Führer Stöcker ist kalt gestellt, in öffentlicher Versammlung mußte derselbe zähneknirschend im Namen de» Borstande« jener Partei ein« Erklärung verlesen, daß Angesicht« der veränderten Verhältnisse di« Christlich-Sozialen gezwungen seien ihr öffentliche« Wirken etnznstellen. Ja geweint sollen sie haben, berichtet da« Stöcker'sche „Volk" ol« Stöcker in der Versammlung am Abend de« zweiten 8uooo8-T«ge« erklärte, daß er sein und seiner Partei Schwert in die Scheide stecke; ober trotz de« Hoch« auf Stöcker, mit welchem die christlich»soziale Partei sich selbst zu Grabe trug, mußte der Hofprediger e« noch in der drei Tage später» statrgehablea antisemitischen Volksversammlung bei Heusel gar erleben, daß der Vorsitzende derselben, ein Herr Gärtner, ihm al« w ihloerdienten „Nachruf" dm Borwurf unter stürmischem Bnfall nachsaodte: »Stöcker hätte wie Luther feststehen müfen, wenn auch Amt und Würde zehnmal verlorm gegangen riären. Wa» sollten die Anderen thun» wenn dir Führer fal>ncnflüchtig wurden." Dieser zweite Luther habe gleichsam zesprochen: »Hier siebe ich, ich kann auch ander«!" Ob tie Waffenstreckung de« Stückcithum« eine nachhaltige sein wird, ist allerdings eine sehr berechtigte Frage. Die Erfahrung muß es lehren. Vom Schauplatz de« öffentlichen Lelien« wird die Stöcker'sche Verhetzung vorläufig jedenfalls verschwinden, und für dm ohnehin so tief unterwühlien re igiösen Frieden wird da« immerhin ein Gewinn sein, der sich freilich sofort wieder verflüchtigm dürfte» wenn der Druck non oben Nachlassen sollte. Stöcker selbst erklärte nachträglich in der »Deutsch-Evangelischen Kirchenzeit", daß seine Partei dem Kampfe der Anderm »mit dem Sewchr am Fuß" zufczen werde; er tröstet sich mit seinem „starken Glauben" dem schließlich doch der Sieg gehören müsse. Möge Her, Stöcker ruhig in seinem Glauben verharren; wir glaube 1 au einen Gott der Gerechtigkeit und Liebe, »der die Herzen der Könige lenkt wie Wasserdäche." — Zim 18. October, dem Geburtstage de« Hochs. Kaiser« Friedrich — dessen auch in der hiesigen Synagoge bei den 8vuolum-Thora-8iturgie vom Rabbiner Dr. Rahmer unter Anwendung de« Bibelverse« au« dem Festabschnilt: 7>K1V S? ■'UBWD1 mn 71 np-ra (»die Gerechtigkeit Gotte« übte er, und sein Recht auch gegen Israel") wehmüthige Erwähnung geschah — bringt ein Berliner Blatt folgende mittheilenSwerthe Reminitcenz: »Daß der so edle Kaiser Friedrich J1I. von der Stöcker« nicht« wissen wollte, ist eine bekannte allgemeine Thatsache. Dagegen war die Ansicht ziemlich allgemein verbreitet, daß Kaiser Wilhelm I. wesenllich ander« über Herrn Stöcker gedacht habe. Dem gegenüber hören wir jetzt von durchau« zuverlässiger Seite, daß diese Anfick.t keinctweg« eine zutreffende ist. Auch Kaiser Wilhelm I soll nach dem schon lange mit Herrn Stöcker und seinen agitatorischen Treiben nicht mehr einverstanden ge»»«sen sein; besonder« soll ch» seiner Zeit auch die bekannte EideSaugelegenheit derart verdrossen haben, daß er ernstlich erwogm hat, ob Herr Stöcker ferner noch da« Amt eine« Hofprrdiger« verwalten könne. Nur dm Bemühungen eine« anderm hochgestrlltm Geistlichen soll e« damal« gelungen sein, bei der außerordentlichen Güte und Milde de« Kaiser« Wllhelm I. e» zu erreichen, daß der Herr Stöeker doch uoch gehalten wurde. Dm Verehrern unsere« gv'ßen Kaiser« Wilhelm I. wird r« zu besonderer Frmde gecrichm, zu erfahrm, daß er im Grund« seme« Herzen» also nicht »ick ander« über Herm Stöcker dachte, al« sein edler Sohn." Aerki«, IS. October. Der Gesawmtvorsiaud der Berliner jüdischm Gemcknde, hatte fich eine Ankla^ zugezogeu, dir gestern vor det zweiten Strafkammer de« Landgericht« L verhandelt werden sollte. Außer dm gmannten Prrsoum sollte fich noch der HilfSvorbrter Schaja Dragvtschi« einer Gesetzverletzung schuldig gemacht hadm. Sämmtltche Angeklagte ließen sich durch die Justizräthe Simsoir und Lewiu al« verthckdiger vertreten. Der Vorstand der jüdischen Gemcknde soll fich durch Anstellung de« Hilf«vorbeter« Dragotschin ohne Gmehmigung pe« Minister« de« Innern uud Dragotschin durch Annahme dieser Stellung strafbar gemacht haben. Im März v. I. hielt der Vorstand eine Sitzung ab, in welcher u. A. auch die Anstellung eine« Hilfsvorbeter« auf der Tagr«ordnuug stand. E« wurde vorgeschlageu. dem Mitangeklagtm Dragotschin, der fich damal« vom Hof-Opernsänger Rothmühl au«bildeu ließ, dadurch unter du Arme zu greifen, daß man demselben di« Hilf»vorbeterstelle zukommeu lasse, und dieser Vorschlag wurde auch angenommen. Im Juni fand die Repräsmtantm-Sitzung statt, an der die genannten sechs Vorstands-Mitglieder theilaahwen, und bck dieser wurde die Anstellung de« Dragotschin veschloffm. Dem Letzteren wurde tu einer, vom Herrn Justizcath Meyer Unterzeichneten Zuschrift die Mitthckluag, daß «t al» Hilfsvorbeter mit einem Iahre-gehalt von 2300 Mark angestellt sei und dm demnächst auf Urlaub gehenden Bcrdeter Friedmann vertreten könne. Hieran war aber die Bedingung geknüpft, daß er sofort ohne Entschädigung entlassen werdm könne, fall» da» Polizei-Präsidium seine Zustimmung versagen solle. Dieser letztere Fall trat rin, die Genehmigung wurde nicht ertheilt, weil Dragotschin die vorschristsmäßigm Papiere au« seinem Heimath«orte in Rußland noch nicht beschafft hatte. Da derselbe aber mehrfach Dienste al« Bor» belcr gethao, so erblickt die Anklagebehörde in der Anstellung de« Dragotschin «inen Verstoß und in der Annahme der Stelle seiten« de« Letzteren ebenfalls. Die Berthckdigung gab den Sachverhalt im Wesentlichen zu, destcklt aber einer» seit«, daß die aushilfsweise Dienstleistung al« eine Annahme der Beamteastellung auzusehen, und andererseits, daß der gesammte Borstand für da« nur vom Herin Iusttzrath Meyer unterzeichuete Schriftstück verantwortlich zu machen sei. Auf den Antrag de« Staatsanwalt« «roditzsch beschloß der Gerichtshof, die Sache zu vertagen und zum uächftm Termine den Justizrath Meyer und den Hilfsvorbeter Dragotschin persönlich zu laden, sowie dem Erster«» aufzugeben, die Protokolle au« jenen Sitzungen dem Gerichtshöfe zu unterbreiten, damit der Wortlaut der Beschlüsse festgestellt werden könne. Aerliu» 16. October. In Sachen B oi etiu « wurde heute in der Stadt-Schuldeputation eingehend verhandelt. Da« Berhalten derselben in Betreff der Zurückweisung jüdischer Schülerinnm wurde in jeder Beziehung für ungerecht» fertigt erklärt. Sie habe zunächst die Instruktion für die Privatschule» verletzt, wonach Schulvorsteherivneu in allen die Schule detr. Angelegenheiten die Vermittelung und den Rat de« Schulvorstande», in«besoudere de« Kchulinspector«, nachzusuchen verpflichtet seien. Sodann verstoße die Ausschließung jüdischer Schüleriuam von einer paritätischm Anstalt gegen die Verfügung de« Kultusminister« vom 30. Juni 1877. Wmu auch nach derselben bei dem Mangel einer Bestimmung bezüglich der Konfession in »er Ko nzesston Schulvorsteher uud Vorsteherinnen befugt seien, ihre Anstalt von vornherein nur für eine einzelne Kategorie von Schülerinnen zu bestimmen, so könne doch nicht nachträglich der Eharakter der Schule eiugeschränkt oder geändert »erden. Bck einer paritätischen Anstalt hör« eben die Packtät der Konfessionen auf, wenn man die ckae auf riueu bestimmten Prozentsatz reduzireu wolle. Ueberdie« hält di« Schuldeputatto» an ihrem am 23. August 1877 in cknem Bericht an da« Proviuztal-Schulkollegtum entwickelten Standpunkt fest, wonach Privatschuleu, welch« den Schutz der öffentlichen Schulen genießen, auch deren Verpflichtungen

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