Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 39.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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9» Witt ein schlechter Trost, aber ewäre doch immerhin ein Trost, wenn wir sagen könnten: nur in Berlin ist «» so arg; aber nein, über» ganz« Land ist der Schaden auSgebreitet, und wie die Oasen in der Wüste sind dir Stätten zu betrachten, wo erfolgreich Judenthum gelehrt wird, wo der Geist der Religion nicht untergeht in formalem hebräischem Sprachunterricht, oder in der Unterweisung des Ceremoniell», des Außenmerks der Religiou. ES ist entsetzlich, daran zu denken, daß so viele Juden, die in der Schule nur Kenntnisse gesammelt haben, aber der religiösen,den Charakter fördernden Bildung baar sind, hinaus ins Leben treten, wo alle Mächte der Verführung auf.sie einstürmen. Da» ist die größte Gefahr der religionslosen Erziehung. Noch brauchen wir nicht zu erröthen, wenn wir eine Statistik der Berbrrchrn zur Hand nehmen und dann prüfen, wie wett die jüdische Bevölkerung bei diesen Eingriffen in die sittliche Ordnung betheiligt ist. Aber wir sehen mit Bangen in die Zukunft, wenn wir erwägen, daß das Heranwachsende Geschlecht unter den Juden so wenig von der Religion erfährt. Die deutsche Schule überläßt die sittliche B i l d u n g der Jugend im Wesentlichen dem Religionsunterricht; der verständige Lehrer wird allerdings bei jeden. Unterricht den ganzen Menschen zu bilden trachten, aber'er bars sich sagen, daß ja da» Kind Religionsunterricht und Konfirmandrnunterricht erhält und sonach für die Festigung des Charakters und die Läuterung des Gemüths dadurch besonders gesorgt ist, darum kann er vor Allem auf Mehrung der Kenntnisse sein Augenmerk richten. Jedoch vielen jüdischen Schülern wird eben deswegen mir der Kopf geschult; Herz und Gemüth bleiben unerzogen. Das kann nicht gut enden; mit Fug und Recht ist gottlos bei uns eine Bezeichnung für verbrecherisch; der Gelehrte, der Mann der Wissenschaft, wir wollen dies einmal gelten kaffen, mag auch religionslos vom Pfade der Tugend nicht abirren, aber die Maffe der Menschen muß frühzeittg «it den erhabenen Gedanken der Religion erfüllt werden, u« nicht schlecht zu werden, um das Recht des Nächsten zu achten, um de« Leidenschaften nicht zu unterliegen, um Bürgerpflicht und Menschenpflicht zu erfüllen. Ter Vater und die Mutter denken sich nichts dabei, wenn sie ihr Kind de« Religionsunterricht entziehen, den der Staat entweder gar nicht oder nur lau fordert; dabei wird Geld und Zeit gespart. Aber es kann kein Zweifel darüber bestehe», daß dann diese Jünglinge nicht Wehr und Waffe haben »erden im Kampf der Leben», und wenn die Versuchung ernstlich an sie herantritt, so werden sie unterliegen. Haben doch heut auch die Eltern, besonder» die Väter, di« natürlichen Erzieher der Kinder, weniger Zeit sich ihrem Haus« zu »oidmen; um so dringlicher ist die Pflicht, die Schul« zu schaffen und zu stützen, die dem Kind« Religion lehrt, di« ihm den Weg zeigt, den er später wandeln soll. All« diejenige», die heranwachsen, ohne — um einen volk«- »hümlicheu Ausdruck zu brauchen — ohne zu wissen, wo Gott wohnt, können später eine Gefahr werden für dir allgemeine Wohlfahrt und haben da» zu lernen vergessen, dessen Beherzigung ein« Schntzwchr de» Glücke» ist. (Ein zweiter Artikel folgt.) M»««tSpla»Aerer. Bo» M. 8. Der Sommer geht zu End«. Die Tage nehmen in rapider Weffe ab. der Sonnenstrahl Milictt seine Wärme, da« Laub sein« Frische, die Blumen ihren Duft, und da» Wachsthum auf den Feldern »acht die letzten mühsamen Aufregungen, um noch sein Dasein zu beweisen. I« dem Maaße wie der Staturfreund beim Eintritt de» Frühlings da» frisch«, volle und heitere LebenSbewußffein empfängt, finkt in iljin die Frohstimmung bei dem Anblick der ersterbenden Natm und läßt den Ernst in seine Berechtigung treten.— Ganz so, wie e» Monat Elul mit un» Juden macht. Er hat von jeher an die Vergänglichkeit und Endlichkeit alle« Irdischen uns gemahvt, und seine Schosartöne habe« noch niemals vergebe»» gn da» jüdische Bewußtsein appellirt, wenn unsere Glaubensgenossen während des Jahre« von Gott und Religion fern geblieben waren. Diese Schosartöne, sie waren und find noch Weckrufe der soaderbarsten Art, aber immer doch solche, tie geeignet find, die sittliche und religiöse Wiedergeburt in denen vollziehen zu helfen, die noch an eine göttliche Weltorduung glauben und die sich da» Psalmwort: »Gott ist mein Licht und meine Hülfe" zur Devise i^re» Leben» zu machen »erstehen. Schosartöne! Welch einfache» Mittet, um den Juden i» seinen religiösen Pflichtrnkrei« zurückjurufen. wenn er au» ihm gewichen ist! Rein, da« Judenthum braucht keine weitgebauten Apparate hierzu. Synoden und Kirchenversammlungeu waren ihm immer von untergeordneter Bedeutung. — Seine Bedürfnisse reduziren sich äußerlich auf da» Minimum, und wenn die Spekulation sich gar noch ihrer bemächtigt, so wird nachgerade eine übergenügende Wirkung hervorgerufen. Da wurden wtt z. B. schon zur Zett de« Frühling» daran erinnert, daß in den Herbst da» Sukkothfest fällt, uns daß zu demselben Eßrog und Lulow nöthig seien. Die erste drksbezüglich« Mahnung ging un» schon im Monat Mai au» Triest zu. Bon da ab ging selten eine Woche vorüber, die un» nicht ein Angebot von Eßragim brachte, und so drängte sich der Sukkochgedanke nicht dio» in da» liebliche Schowuosfest hinein, sondern er schlängelte Ach auch sanft durch die »drei Wochen" dahin, un» Trost und Hoffnung zufächelnd. Und da will noch die Judenmisfion besonder« El folge erzielen, auf einen größeren Seelensang rechnen l Da» mit der Muttermilch eingesogeue, und später mit den einfachsten Mitteln so nachhaltig gepflegt« Judenthum, läßt sich nicht s« mir nichts dir nicht« bei Seite schieben, »der gar ganz entfernen. — Da« jüdisch« Blut wehrt sich »och jahrelang gegen die Uebertraguug in ein Element, von dem e« stet» die bitterste» Tropfen empfangen hat. De-Halb die schlimmen Erfahrungen, die man oft in dieser Hinsicht mtt den Täufliugen »acht. Und diese selbst? Wenn e» geschähe, daß der Mensch, wenn er seine irdistbe Laufbahn verlassen, um in den Himmel z« kommen, daselbst, »je r» den irdischen Behörden gegenüber der Fall ist, um sein« Legitimation»- papiere angegangen »ürd«; — wenn man da Geburtsattcst und Todtnffchein von ihm verlangte» und ein solcher Bekehrte bei dieser Gelegeuhett darlegte, daß er als Jude geboren» aber als Christ gestorben sei, — »er würde diesen Zmiespalt der Natur dann begreifen und lösen köau««?? Was „n die Auslassungen de« antisrmittschea Blättchen» de» »Volk» betrifft, so werden mir na« schon daran gemöhnen müssen, hin und wieder ein wenig Seife zur Hand zu nehmen, um un« von seiner Berührung zu — säubern. Müssen e» ja Andere auch ihua, wurde doch in der jüngsten Zeit ja sogar der große Kanzler Bismarck von dem Schmutzdlättchea mit eine» pödelyaflea Anfall bedacht. Wir glauben, daß Bttmarck doch Bismarck bleiben wir».—Nun, auch Pfützen und Sümpfe v'üffen vorhanden sein, denn auch die Frösche wo'len leben «ad — — quaken.