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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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gtrut »re Neligis», um »er SUIigW« -»lese«. Msßsrmf |sm neuen Aatzre Es scheint ein« Forderung, die keiner weitern Begründung bedarf, daß!iiejenigen, die sich zu einer Religion bekennen, dieselbe auch kennen sollen. Aber e« wäre auf Erden vieles besser bestellt, wenn da» Selbstverständlich« auch immer das Wirkliche wäre, wenn das, was die gesunde Vernunft verlangt, auch im praktischen Leben Geltung hätte. Es giebi unzählige Juden, die vom Kern und Wesen ihrer Religion keine Ahnung haben, und zwar ist es auf der linken S:ite bei den Freisinnigen häusig ebenso schlecht bestellt, als auf der rechten Seite bei den Konservativen. Bei den Aufgeklärten, wie sich die Leute selbst nennen, da die Tugend der Bescheidenheit in der Gegenwart im Allgemeinen keinen Kurs hat, bei den Aufgeklärten ist oft absolut gar leine Kenntniß der Religion vorhanden, ist vom ganzen Judenthum nur noch der Name übrig geblieben, w.e wo ein Haus, in dem lange Zeit ein großes Geschäft - betrieben worden ist, zuweilen noch auf der Vorderfront > den Namen i«r Firma trägt, die in Wahrheit schon erloschen ist . aus purer Unvergeßlichkeit ist der Namen der Firma * nicht weggeschafft worden. So ist Bielen der Name eines! Juden geblieben, ohne daß die Träger eigenüich wissen, warum sie ihn führen. Die Konservativen wiederum sehen zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht, sie wissen und üben jüdische Saeung, sie kennen die heilige Sprache und studiren die heiligen Bücher, kurz sie leben und weben scheinbar im Judenthum, und es fehlt dennoch das „geistige Band", sie wissen viel Jüdisches, aber sie verstehen nicht das Judenchum, haben, um m t dem Propheten zu sprechen, die dürren Knochen, aber wo ist ver Geist, der die Knochen belebt, der alle die einzelnen Cerrmonien organisch verbindet? „Es stellt geschrieben," mit dieser Motivierung beruhigen sich viele biedere und schlichte Seelen in Israel; wo es geschrieben steht, ob in der Thora oder im Talmud oder in irgend einer mystischen Schrift aus später Zeit, das zu prüfen ist ihnen weniger wichtig; was Wunder, daß diese „Frommen", wie sie im Volke heißen, nicht im Stande sind die Jugend bei den Heiligthümern festzuhalten, die von ihnen verehrt werden, daß sie blöde und unbeholfen sind, wenn sie ihre Religion gegen Vorwürfe Andersgläubiger vertheidigen sollen? Die Ramenjuden freilich sprechen im Ernste den schlechten W:tz nach, den einmal Heinrich .Heine nicht als seine eigene Meinung ausgesprochen hat, sondern einem Menschen ohne Ideen und ohne Ideale in den Mund gelegt hat; sie sag:n mit Hirsch Hyazinth: di« jüdische Religion ist gar keine Religion, sondern ei« Unglück. Es ist in der That heut ein herbes Geschick, ein Jude zu heißen ohne einer zu sein, ohne u> der Religion das Manna der Seele, einen Halt für'» Leben, einen Trost i« Leid« zu Halen. Ein Jude hat heut wegen seines Glaubens »och manche Unbill zu erdulden; wer nun die Lehre des Mose kennt, wer die Entwicklung versteht, die d«se Lehr« in den Taus m den von Jahren erfahren hat, wer rS weiß, wodurch wir ausgezeichnet sind vor den Völkern der Erde, der wird es leichter ertragen, von de» Völkern der Erde oft zurückgrdrängt zu werden; er weiß, wofür er kämpft» wofür er leidet; aber das ist wirklich über di« Maßen unangenehm. für eine Sache zu leiden, die man gar nicht kennt, und da» Unglück ist um so größer, als bekanntlich die Waffer der Tauf« den Makel der jüdischen Geburt in den Augen Bieter nur sehr unvollkommen befestigen. Biele, die heut als Juden die Aufnahme in ein exclusives Kasino nicht erreichen können, di« nicht Reserveoffiziere werden ' und dergleichen mehr, sind höchst sonderbare Märtyrer, den« mancher jüdische RechtSgelehrte, der die wichtiger» Paragraphen des LandrechtS so genau wie seinen Namen kennt, würde in Verlegenheit gerathen, wenn er die zehn Gebote hersagen sollte. ES ist schwer zu sagen, ob das Ueverwuchern der Formeln in der Religion, wie e» bei den Juden im Oste« unseres ErdthcilS vorwaltet, schädlicher ist als die völlige Leere und Unwissenheit, wie sie nicht selten bei deutsch« Juden sich findet. Es kann einer zu Grund« gehen, weil sein Körper die Urberfttlle der Gewänder, die ihm aufgebürdet werden, nicht aushält, er kann auch sterben, weil er zu wenig geschützt ist gegen Sturm und Wetter; so ist die Ueber» frömmigkeit wie die Unfrömmigkeit in gleicher Weise eine Feindin der Religion und Religiosität; ein klare» und geordnetes Wissen von den Lehren unseres Glaubens, von den großen Persönlichkeiten, die ihn vertreten, vom Jnhaft und der Geschichte des Judenchums, öffnet uns die Pforten des Heiligthums; die Abstammung und selbst die sorgfältige Uebung des Cercmoniells sind »verthlos, wo diese Erkenntniß fehlt. Es ist aber leider ein« Thatsache, daß nicht wenige Juden ohne rechte religiöse Belehrung aufwachsen. Die Juden sind hier, gegenüber der anderen Bevölkerung, außerordentlich im Rachtheil. Die Kirche kümmert sich allerorten, wenigstens auf deutschem Boden, um die religiöse Erziehung und der Staat unterstützt sie so nachhaltig, daß es christliche Kinder, die nichts vom Christenthum wisse», hier zu Lande wohl kaum giebt. Aber da» Judenchum hat weder ein« so machtvolle Vertretung wie die Kirche beider chrislliche» Bekenntnisse, noch auch die wirksame Unterstützung der Be- Hörden; während bei den Christen der staatliche und kirchliche Zwang die entscheidende Instanz ist und dem mehr oder weniger guten Willen der Bürger energisch nachhilft, ist das Judenthum wesentlich darauf gewiesen, daß aus der Mitte der Bevölkerung die Einrichtungen geschaffen werden, die die Religion der Väter in die Herzen der Kinder tragen. Aber bisher ist der religiöse Eifer bei weitem nicht mächtig genug um auch nur den bescheidensten Wünschen derer zu genügen, die an die Zukunft unserer Religion, zumal in diesem unserm deutschen Vaterland« denken. Wir sind getrost in Bezug auf die Gefahre«, wüche uns von de» Feinden unserer Gleichberechtigung drohen, aber wir sind nicht ganz so zuversichtlich, wenn wir die Erschlaffung des religiösen Lebens in unserer Mitte beobachten. In Berlin selbst wird die Mehrzahl der jüdischen Kinder ohne einen gedeihlichen Religionsunterricht erzogen, denn daß die Knaben in wenig Woche» 'zur Barntizwahftirr, nicht vorgebildet sondern dresfirt wach«, ift cher «och geeignet / Geringschätzung gegen die RÄtgion in die jungen Gemüthrr zu pflanze» als Berehrnng, "

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