Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 37.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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fallen mehr der Regierung zur Last, al» de» Charakter de» »fstsch« Volker» Werden »n vu« jetzt zu dem Hau »wese o. In diesem Punkte steht es bei de» Russen noch sehr mangckhaft au». Reinlichkeit gehört nicht zu chreu vpecialtugenden; Teppich« und Kamine sind al» LuxuSgegenstände noch nicht allgemein im Gebrauch und die übergroße Anzahl schlrchtgenährter und schlrchtgelleideter Hau»geuosten ttägt mehr zu de« herrschenden Schmutz und dem ihn begleitenden Rückgänge al» zu der gute» Ordnung und zu« Gedeihen de» HauSwesru» bei. Obschon fast überall sich Dampfbäder finden, ist der Gebrauch der Leibwäsche noch nicht so allgemein wie e» gewünscht werden könnte; wo sie aber benutzt wird, wird sie meistentheil» nur al» Luxusartikel wöchentlich gewechselt. Wir pflegen Rußland für arm und uncivilisirt zu halten; da» Volk ist aber zum großen Theil verschwenderisch und sorglo« um die Zumust; e» kümmert sich im wahrm Sinne de» Worte» nicht um den kommenden Tag. Sparsamkeit ist in den höheren Llasien ein unbekannter Begriff; e» wird sogar für. standesgemäß und für, ein Zeichen guter Erziehung gehalten, Schulden zu machen und dann die Gläubiger fortzuschicken, wenn sie e» wagen sollten, an die Schuld zu erinnern. Die» ist eine kurze Skizze de» russischen BolkScharakter», rin Bild der Regierung und der Staat»verfassung und ich hoffe, daß sich der geschätzte Leser seine Fragen nach demselben nicht nur selbst genügend wird beantworten können, sondern daß ihn dasselbe auch davon überzeugen wird, daß etwaige Mängel im Charakter der russisch« Zu den nicht al» jüdische Eigenart angesehen werden dürfen. Vor allen Dingen betrachte man die Armuth und den kläglichen Zustand de« russischen Juden, dann werfe man einen Blick auf da» Bild de» Lande», au» welchem sie gekommen sind; gleichzeitig vergegenwärtige, mau sich ab» auch die liebevolle und großherzige Bitte unsere« Lehrer» Mosche, d» von dem Herrn für sein unglückliche» Volk Verzeihung erflehte, als er erfahren hatte, daß sich diese» ein goldene»-Kalb gemacht. .Sieh, o Herr, und betrachte ihre Lage! Nur seit wenigen Monaten haben sie ihr Geburtsland verlaffen, stehen ab» »och unt» dem Eindrücke der schlechten Beispiele de» Götzendieuste» und de» Ab»glauben«, welche sie während ihre» Aufenthalt» in Egypten Jahrhunderte lang vor Augen hatten." Ab» di« Zeit wird Besserung bringen. An Euch ab», meine Landsleute, Flüchtlinge au« d» Barbarei. Verbannte au» dem Lande der Bedrückung, richte ich die flehentliche Bitte, alle schlechten Eindrücke fahren zu lasse«, die in Eurem Geburt»lande auf Euch gewirkt haben, vor alle» Dinge« müßt Ihr zu physischer Reinlichkeit erzoyen, dann zu socialer Cultur heraugebildet und endlich zu intelleetu«Her Thätigkeit heraufgezogen w»den und zwar in d» Richtung modern» Ideen, wie Eure englischen Ltrüder sie Euch vorführen w«drn. Eure Kind» aber müffen neue Ideale höhn» und edler» Art in sich aufnchmrn. Außndem, daß sie tüchtig in ihrem materiellen Berufe und gewandt im gesellschaftlichen Verkehr w»den, müffen sie auch jme geistigen Anlagen, mit welchrn sie ««»gestattet sind, zur Entwicklung bringen; sie müssen ihre Sitten verfeinern, so daß sie geeignet tocibtn, in ein» Gesellschaft rultivirter Menschen sich bewegen zu könnm; sie «Nüssen ihr« moralischen Naturanlagea so ausbilden, daß sie allen strafbaren Versuchungen widerstehen können und endlich müssen sie an dem öffentlichen religiösen Leben K betheilrgen, damit sie «kennen, daß sie berufen sind, ein lk Gotte» zu sei». Alle« diese» muß geschrhm, damü die Welt sehen kan», daß man civilistrt sein kann, ohne an der historische» Wahrheit de» Judenthum» abtrünnig zu werden. Ehe ich schließe, muß ich noch einige Worte an da» Publicum richten. Wenn ich von Rußland, meinem eigenen Geburt»!ande, welche» ich lieb«. Böse» gesprochen habe, s» ist diese» ka erste Schritt, die bestehende« Mängel zu beseitigen. Mensche« werben von ihren Fehlern vi« eher geheut, wenn sie sich derselben schämen müffen, al» wenn sie nur für dieselben zu leiden hatten. Die Publicität ist da» Hell dn menschlichen Gesellschaft und würde e» auch für Rußland sein» wenn sie dort eindringen könnte." — So weit Herr Schewzik. Sollten seine Worte auch in den Herzen d» deutsche» Juden d<» Gefühl d» Sympathie für ihre unglücklichen russischen Glaubenöbrüd» gesteigert od», wo r» noch ganz geschlummert, gewrckt haben, so würde der Zweck der Wiedergabe diese» Artikels »reicht sein. Berichte m»d Correspoudenze». Deutschland. Magdetzurg. Don d» vom Profeffor Dr. Carl». Kissling in Linz (Oestenrich) hrrauSregebeneu .Zeitschrift zur Bekämpfung de» Antisemitismus" ist da» zweite Heft »schienen, in dessen nsiem Artikel: ,Wa» wir wollen und hoffen," d» H»auSgeb» sein Pcogramm näh» dalegt. E» war ja wohl selbstverständlich, daß e» ihm nach Erscheinen de» I. Hefte» nicht an Tadel und Hohn seiten» der vielen Judenfeinde fehlte, die ihm seine Inschutznahme d» Juden sehr v»argteo. Herr von Kissling »klärt nun in dn ihm eigenen offenen Weise: .Wir sind gewiß die Letzten, welche die üblen Eigenschaften d» Juden, die sie übrigen» mit sehr vielen Christen armeinsam haben, vnschweigen od» gar beschönigen wollen... Der Antisemitismus, den wir bekämpfen, ist die rohe Richtung de» RocenhaffeS, wie er durch die sich jetzt .antisemitischdeutsch-social" nennende Partei repräsentirt wird, mit dem bekannten auf den Autisemitentag zu Bochum augestellten Programm (da» wir s. Z. in d» .Wochenschrift" abdruckten.) ,U« diese« schreibt — Hr. v. 9. — gegen da» mit schwerer Mühe errungen« Princip der Gleichstellung all« Rationalitäten und Religion»- Genossenschasten gerichtete Treiben, da» offen dahin geht, da» Bolk bi» zu dem Grade deS Haffe» zu hetzen» daß e» mit Gemalt sich de» Ligenthum» derselben bemLchtigt und an deren Person Gewalt übt, zu fördern, wir in Deutschland und Oesterreich al» Organ der deMschen «utisemiten, die in Leipzig eischeinend« .«ntisemitsche Sorrrspondruz" verbreitet, welche durch Hetzartikel und genaueste Aufzeichnung aller keinen und groben Uebelthaten der Juden da» Feuer so lang« schürt, bi» e» in Helle Flammen au»bricht Sie stellt al« da» einige radikal« Mittel gegrgenüber den Juden .die Soufi»kation de» jüdischen Vermögen», die Mediatisierung der Jude»' — wobei sie beisetzt und .wohlverstanden, oha« Plünderung, Mord und Todtstlag — in aller Gemürhtruhe auf gesetzlichem Wege." Sie ruft daher de» Staate zu: .Staat eonfitzciere da» Vermögen der Jude», mediatisiere sie zu deinem eigene«, »u uns»-alle», zu de« Vaterland«« Heil; und gieb dem herrsHnden Widerwillen gegen da» jüdische Gebahrea im Volk« in dies« Weis« ein« gründliche Genug- «huung, soll da« Volk dieselb« nicht nehmen müffen." Dies« Aufforderung zur offenen Gewalt, wen» der Staat da» eben nicht möglich« verlangen d« Antisemiten nicht erfüll«, ist zu deutlich, al» daß st« mibverstanden werden kann, und mürbe, menu ihr nicht enigegengewirkt wird, zur Plünderung. Mord und Lodtschlag führen. Diesem rerderblichen Thun und Treiben will und so» dies« Zeitschrift «ntgegenwirkea, indem sie die Anklage», welch« gegen da» In» denihum erhoben werden, prüft und auf da» richtig«, der Wahrheit entsprechend« Maß zurückführt, also nicht beschönig», sondern gerecht deur- «heilt. Wir hoffen dadurch n>cht nur zu verhinder», daß die allerding» sehr verbreitete Abneigung gegen unsere jüdischen Mitbürger sich vermehrt oder gar zu« blinden Haffe steigert, sondern ohne sich gerade in Lieb« zu verwandeln, doch vermindert und an Stell« der rohen Art und Weis« de» gegenwärtigen Kampfe» eine ruhige Prüfung und Abwehr eintritt. Sir hoffen, daß in»brsond«r» unsere von gewtffenlosen Agitatoren verführte akademisch« Jugend, wenn sie überhaupt, wie e« von den Jüngeren der Wissenschaft verlangt «erden kann, sich die Mühe nimmt, da», wa» g« gen den AntisemitiSmu» vorgebrecht wird, zu lesen und zu prüftn, dazu kommen wird, eiuzusehen, daß sie auf einen falsche» Weg geführt wurde, der nicht zu den lichten Höhen der Siffenschast und den großen Zielen der Menschheit führt. Wir werden ihnen Nachweisen, daß nicht ein Mann von Bedeutung den rohen Antise«itt»mu». der Gegenwart gebilligt, sondern alle ihn au»nahm»lo» verworfen haben. Diese Hoffnung hegen wir umsomehr, al» wir iu>« überzeugt haben, daß bereit» viel« später in der Schule de» Leben« belehrt, von diese« Irrwege abgegangen sind. Sie mögen nicht vergessen, daß der Haß trennt und nur die Liebe einigt." Der geehrte Herr Redakteur will in der Bekämpfung de» AniisemittSmu« »ach folgendem Plaue Vorgehen. .ES solle»