Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 36.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Blute sitzt, sich selbst in alle« Stücken gleich stelle»? I Damit verachten d e Christen selbst ihren Glauben und Ihren Erlöser. Jüdische Eichriftsteller haben behauptet und viele^Lhristeu sprachen e§ ihnen nach: Wärm die Juden in früheren Jahrhunderten besser behandelt und den Christen gleichgestellt worden, dam wären sie längst Deutsche und längst Christen geworden. Da» ist nicht wahr, und wer da» sagt, der kennt die Wege und Gerichte Gotte» nicht. Di« Juden al» Volk(?) werden nie Deutsche, sie werden immer rin Voll unter andern Völkern bl nben, und werden auch immer durch alle Völker hindurch al» Volk unter sich zusammenhalten. Solche großen weltgeschichtliche« Fragen last»« sich nicht wie eia Geschwätz ferttgmachen, bei ihnen muß man auch den hören, der die Welt und ui« Völker in seiner Hand hält. Und der Herr der Weit unb der Weltgeschichte hat gesagt: Da» Geschlecht der Juden wird nicht vergehen, bi» daß e» alle» geschehe, bi» der Heiland wiederkommt. Heine Macht der Erde wird diese» göttliche Gesetz der Weltgeschichte ändern. Die Juden sollen ein Z-uge der göttlichen Gerichte und Wege in der ganzen Weit bleiben und ein Volk für sich. Wenn in einem Hause ein Fremder ist, der nie zur Fanulie gehören kann, noch auch will, dann soll er zwar gut behändest werden, aber den Hindern kann er nicht in allen Rechten gleichgestellt werden. Ist das eine Ungerechtigkeit? Nein, e» ist eine Berfinsteruig de» Geistes, wen» man die Gerechtigkeit für ungerecht rnd die Ungerechtigkeit für gerecht hält, Gerade so können die Juden den Christen und Deutschen in unserm Volksleben nicht gleichgestellt werden. Hätte man sie schon vor Jahrhunderten gleichgestellt, dann wären Einzelne woh' Christen und dadurch erst Deutsche geworden, aber da» Volk der Juden sie.- (Und da» wird al» .Gotte»wortvon den christl. Kanzeln gepredigt! Welche Gotteslästerung!) Stettin, 28. August. Im Saale der Grünhofbrauerei .Bockfand kürzlich eine große autisemittsche Volksversammlung statt. Im Aufträge des einberufendea Komitee» eröffnet«. wie wir der .Pomm. Reichspostentnehmen, bald nach ‘/j9 Uhr Herr Theodor Fritsch (Thomas Frey) aus Leipzig, bei: bekannte antisemitische Schriftsteller und Herausgeber der „Antisemitischen Korrespondenz-, die Versammlung. Alsdann trat Herr Liebermann von Sonnenberg an das Rednerpult Die ihm vom Komitee gestellte Aufgabe, zwei Vorträge: .Die Juden, die Könige unserer Zest- und: .Der AnttsemüiSmus und die nächste RsichStagswahlzu halten, erklärte er, leim besten Willen an diesem einen Abende nicht lösen zu können; man möge ihm daher gestatten, nur das letztere Th«ma eingehend zu behandeln. Er that dies in bekannter 9Ri nier und unter Hinweis auf die Fürsterffche Anti- Juden-Pesilion. »Diese Petition, meinte der Redner, werde bei den künstigen Wahlen wiederholt werden, doch deSmat nicht auf schriftlichem Wege, sondern auf dem Weg« der Zählung d^ für die antisemttischen Kandidaten abgegebenen Stimmen.- Nun wir wollen ruhig abwartrnl Zur Höerfchkeste«, 29. August. Der Greuzverkehr mit Rußland hat in den letzten Tagen wieder allerlei neue Erschwerungen von Seiten der russischen Regierung erfahren. Alle Deuts,hen, die in Geschäften nach Rußland gehen, werdm von der Fr>:mdeupolizei einer Cootrole unterworfen, die bisher im Zarenrmch nicht üblich gewesen ist. Dabei wird ein strenger Unterschied zwischen Personen christlicher Religion und jüdische» Bekenntnisse» gemacht. Während e« bisher genügte, dc ß sich die deutschen Geschäftsleute unserer Provinz, gleichviel welchen religiösen Bekenutuiffe« sie waren, ihren Paß vom russischen Coosul in BreSlau behufs etwa nothwendigrr Legitimiruug vifireu ließen, muffen jetzt christliche Reisende, sie in Rußland Geschäfte machen »ollen, ein Gildeopateut (Gewerbeschein) lösen, wofür bei jedem Eintritt uach Rußland 42 Rubel oder ein für alle mal, d. h. für eia Jahr reichend, eine Steuer »ou 718 Rubel zu euttichten ist. Die schlesischen Kaufleute jüdischer Caufesfiou dürfen dagegen in Rußland gar keine Geschäfte «acheu. So wurde erst dieser Tage, em augeseheuer jüdischer Lanfmau« au« Gleiwitz. der schon jahrelang Balz brsuchtt, von dem dortigen Polizeiminister aufgefordert, da» Land zu verlasse«; den» innerhalb 24 Stunden müßten nach der bestehenden Berordnung alle jüdische» Geschäftsreisenden auSgewiesen werden. Der auSgewieseue Kaufmann au» Gleiwitz, der sich durch diese Maßregel auf da« Schwerste geschädigt sieht, hat sich beschwerdeführend an da» Ministerium uach Petersburg gewandt; ob er aber die Aufhebung diese» Uka» erzielen wird, ist bei dem vou der russischen Regierung seit Jahr und Tag gegen Deutschland beliebte« AbsperruugSshstem kaum zu erwarten. H>tt doch die Regierung in Petersburg kein Bedenken getragen, erst im März diese« Jahre» kraft eigener Machtvollkommenheit ganz urplötzlich die Gültigkeitsdauer der sogenannten Halbpäffe, d. h. der AuSwriSscheine, welche vom Landrath de» Kreise« ausgestellt und von den einzelne» Polizeioerwaltungen unentgeltlich verabfolgt werdeu, von vierzehn auf acht Tage herabzusetzen, obwohl eines solche einseitige Maßregel ftaatS» und völkerrechtlich(de«halb unerlaubt ist, weil die gegenseitige Anerkennung dieser 14tägigr» Halbpäffe auf einem zwischen Preußen und Rußland schon im Jahre 1835 geschloffenen StaatSvertraz beruht. Hat doch ferner der Landrath (Ratscheluik) vsn Bendzin erst vor einigen Monaten die Anordnung grtroffen, daß diejenige« schlesischen Fleischer, welche in den polnischen Marktorten Fleischeinkäufe wachen wollten, zuvor einen Gewerbeschein lösen mußten, der so theuer war, daß der Preis dafür eine« gänzlichen Bieheinfuhrverbot gleich kam. Ebenfalls im Rahmen dieser, der deutschfeindlichen Gesinnung eutsprun» genen GrenzverkehrSerschwerungeu liegt die auch erst vor einigen Monaten von der russischen Regierung aogeorduete Beschränkung, die jetzt fteilich durch die oben erwähnte gänzliche Ausweisung von Juden übertrumpft ist, daß Schlesier« israelitischen Bekenntnisse» der Eintritt uach Rußland nur gegen kostenpflichtige Lösung eine» JahreSpaffe« gestattet wurde und daß man allen Inhabern von Päffen die Pflicht auferlegte, persönlich, und wenn dazu auch zehn Meilen Weg» zurückzulegen wären, vor dem Austritt auS de» Zarenreiche da« Visum deS Natschrloik» de« bendziaer Kreise» einzuholeu. Man begreift alle diese von der russischen Regierung beliebten Maßnahmen nur. wenn man bedenkt, daß sie alle in der Absicht getroffen werden, um da» deutsche Element vou der Grenze fern zu halten. Maiuz, 1. September. (Or.-Cor.) Daß es doch noch immer Juden giebt, die nicht fühlen, daß alle» Unanständige, da» der Einzeln« thut, die Gesammthrit trifft, und daß sie schon deshalb alles Unreelle weit von sich weisen müßten, weil sie ein Chillul haschem, eine Entweihung des Judenthum», begehen. Da liest man in einem antisemitischen Berliner Blatt unter der Spitzmarke: .Jüdische Reklamefolgende» verwerfliche Gebahren: Lin hiesiger Kohlenhändler versendet zur Zrtt eine Preisliste, die auf dem Titelblatt da» Bild Kaiser Friedrich'- mit der Unterschrift: .Der AnsisemitiSmuS ist eine Schande für di« Rationzeigt. Der Preisliste fft ein Begleitschreiben beigefügt, im welchem es heißt: .Ich erlaube mir, Ihnen mit meiner Preisliste den Mann in Erinnerung zu bringen, der nicht nur auf dem Throne, sondern auch im Reiche des freien Gedankens ein Fürst war, frei von Borurtheilen in Religion und Politik und behenscht nur von den edlen Gefühle-, wahrer Humanität. Echt und ohne Trug, wie sein Herz und sein Wort war, fft die Waare, die diese PreiSUste bietet und da« Maß, mit dem sie gegeben wird.- — Ein schamloserer Mißbrauch de» Andenken» Kaffer Friedrich'-, al» ihu diese Leistung aufweist, läßt sich kaum denken. Nicht minder verwerflich ist da» Gebahren de» Drucker» eines hier erscheinenden jüd. orthodoxen Blatte», welche» wiederholr tolgendes Inserat veiöff.ntlicht: »Die Unterzeichnete B- '7zS.Anstalt wird demä-tst di« Name» derjenigen i»r. Knabe», welq« zu Ehren d«S unvergeßlichen Dulder» ans de» Kaiserthroa den Namen Friedrich erhielten, auf einem tkbenU blatt vereinigen.