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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 36. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 36.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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zu boDcgat, so entschliche» sich a»f »afcm religiös« Gchirtr die Vorstände schwer, ihre omnipotente Machtstellung z» opfern, — unb doch ist ISraA ausschließlich eine religiöse, keine politische Gemeinschaft, die Stellung der BorstL«de demnach aiich keine Macht», sondern eine Religionsfrag«, deren Beantwortung'und Regelung vor da« Forum der Rabbiner, r ieht der Vorstände gehört. Die Lrganstation unserer Gemeinde« nach einer einheitliche« Farm ist heute, überhaupt mit eine« Male und gewaltsam, unmöglich; dafür find die religiös« Anschau, «ng« und Eultuszustäude in den weit und nah« auseiuander liegend« Gemeinden zu verschieden. Aber eine Anbahnung wäre möglich. ES giebt doch immerhi« Einzelheit« und Rebminng«, woria Abweichung« zulässig fiud, um im Ganz« und in Hauptding« zur Einheit zu gelangen. Die Schaffung eine« BerathungS- und Berei»iguug«wi1telpuukte«, — derartig« Emtrm hat e« ja auch früher iu sog«a«ntm jüd. Landtag« gegeb« — wäre ein« Vorbereitung dafür. Vertreter der Semeiud«, Borstäude »der sonstige Deputirte, uud Rabbiner oder sonstige Kenner de« Judeuthum«, müßt« dafür zusimimenkommen und darüber berath«, wie eine Einheit für Juden und Judenthum, für Verwaltung und TultuS, für Synagoge uud Schule zu schaff« fei, ohne dir Freiheit und Selbstständigkeit der Einzeln« aufzuheben und zu gefährd«.*) Im Anfänge wird dm Parteiung« iu Israel noch virlfcch Rechnung zu trag« uud nactzugebeu sein, der Zersplitterung und Zersetzung wird aber doch Einhalt gethan. Es soll dies keine gefürchtete Centralbrhörde mit gebietender Macht und oberhoheitlicher Führung sein, sonde« ei« Mittelpunkt für olle religiös« Interest« der Jud« uud de» JudenthumS, von de» Leb« auSgehm und «ach all« Seit« getragen werden wird. Kann ein solcher Mittelpunkt nicht sofort für da» ganz« Israel, vielleicht nicht einmal für das ganze Reich und Land geschaffen werd«, so mögen sich dafür erst kleine Lreise bilden, die, well sie sich einig wissen uud fühl«, sich zusammevthuu und zusamm« wirk«. Der erste Stoß wird fortwirt« und wettere und größer« Wellenkreise bild«. Dir Uathätigkeit und Gleichgültigkeit, welch« sonst überall iia Judeuthum herrscht, scheint freilich an dm Fortbestand dkffelben zu glaub«, aber im frommen Glaub« auf dm göttlich« Heilbotm warten zu wollm, welcher Erlösung »«kündigt und bnngen soll. &.-A. Die Jude« Itt R«tzl««d. Her: B. Schewzik in RamSgat« schreibt an die Redaction t>es »Jewish Lhronicle", welcher wir diese Mitthrilung entrehmen, wie folgt: »Wr und wann ich da» Vergnügen habe, mit einem Engländer zusammmzutreffen, so ist der erste Gegmstaud unserer Unterhaltung — .die Jud« in Rußland". Ich werde oft i« theilnehmmder Weste aufgstordert, die wahre Ursache j« erklär«, weshalb die Jud« iu Rußland so schlecht xhandelt werd«, und weshalb di« au» Rußland oder Pilen hier ankommmdm GlaubmSgmoff« sich in einem so kläglich« social« und moralischen Zustande be- *) Dm wründeill de« Leutsch.J«r- Oenceiutabnnta« schwebte dt« verwtrWt)»»- diese« Oktanten «llerbin^» vot;^tat tat D. I. V. v entfernt» ich nach de« Lode seiner ersten Letter wtnrer «ehr »an seinem eigentliche, Ziele. Da tat Letfaffet de» obigen Artikel» laogjShtiget Delegtttet de« D. I. G. 8. ist, so würde e» sich »ttlleicht empfehlen, wenn er seinen Plc» dies«» normte, (tted.) find«. E» ist nu» sehr schwierig, Person«, welche mit da» Lharakter des rusfstche» Bolle» nicht bekannt sind und welche fein« klar« Begriff von de» moralisch« und sociale» Zustand« der russisch« Jud« Hab«, eiur befriedigmde Antwort auf die Frage zu gebe». Wir müssen daher zuerst die Sinnesart des russisch» Volkes so wie der russisch« Regierung schildern. Au« dieser Darstellung wird alsdann der Leser seine Frage zur Gmüge beantwortet find«. Da aber der Rau» zu dieser Mittheiluug ei« bischränkter ist und daher weitläufig« Auseinandersetzung« verbietet, werde ich Vieles, was auf die souveräinr Macht des Laster«, die Läuslichkeit der Polizei, die Ohrenbläserei der Hoflmte und Richter, dm unregelmäßig« Zustand in der Gesetzgebung und die Natur des öffentlich« Heeresdienste«, von welchem «an sag« kann, daß er Leib und Seel« der Nation aufzehrt, übergeh« müsse». Mit Rücksicht auf die Schilderung, welch« ich über d» Charakter und die Sittm des Volkes zu «twerf« beabsichtige, muß ich dann noch vorausschick«, daß es keine verwickelter«, schwierigere und undankbarere Aufgabe giebt, als eine Eharakterzeichuuug von eine« Volke zu mtwerfm, welches wie die russisch« Nation aus so viel« verschiede»« Rassen zusammenaesetzt ist, und bei welcher der sociale Zustand vorwiegend sich in einem Ueberaangsstadiu« befindet. Im Allgemein« geltm die Ruffeu bekanntlich als äußerst schlau und durchtriebm. Well es ihm an einer würdig« und hinreichmdm geistigen Beschäftigung fehlt, lenkt gewöhnlich der Ruffe seine ganze Aufmerksamkeit auf Schlauhell und Hinterlistigkett als die bequrmstm Mittel, um sei» Fortkommen zu finoen. Das ist die Folge des Maugels an Livilisatio« und die Frucht einer Staatsoerfassuug, wie sie das Land besitzt. Da er seine Lraft nicht fühlt, oder nicht wagt, sie gehörig anzuwende«, nimmt der Ruffe iu dm meist« Fäll« seine Zuflucht zu unehrlich« Mitteln. Auch dieses mag al« Beweis für fein« elmdm Zustand gelte». Lein Mittel fenumd, sein Leid« zu lindern und unfähig, sich den Nebeln zu entwinde», welche ihn Niederdrücken, stt er daber mehr als Andere der Gefahr auSgesetzt, i« eine fatale Verlaffeuheit zu gerathm. D, zugleich die Trunksucht allgeweiu stt, wird der Betrug chatsächlich in ein« solchen Art und Weise auSgrführt, daß man zu der Annabme sich »ersucht fühl« könnte, rS liege i« der Lust des Landes, oder iu dem Blute seiner Bewohner. Russischer Handel uud Geschäftsverkehr werd« unstreitig mestt auf unredlich« Weise getrieben. Die wiuzigstm Krämer leb« nur vom Betrüge. Laust man in einem Lad« «in« Gegmstaud, so bringt «an schließlich einm andem mit nach Hauke; «au muß daher immer auf seiner -Hut sei«. Selbst di« Dimschotm swd notorisch« Diebe, besonders aber die Lvche und Lutscher. Die Beamten, sogar die der öffentlich« Verwaltung, greif« begierig mit beiden Händen zu; sie warfen nicht, b» «an ihn« etwa» giebt, sondern sie fordem und HaudA» förmlich um die Beiohuuag; sie accrptirm große Ge- . schenk«, verschmäh« aber auch die geringste Bestrchun-l ' nicht. Bei all dieser Lstt und Schlauheit gilt der Ruffe als - stamm, gastftmndlich uud großmüthig; Eigmschaftm, welch« man bei primitiv« Nation« gewöhnlich begegnet, und wmhe die Tivilisation unglücklicherweise abzuschwäche» strebt. Seine Frömmigkeit steht indeß zum Aberglaub« iu innigster Begebung und besteht fast nur iu der ängstlich« Beobachtung äußerlicher Forme«. Man sieht oft» wie ei» Dieb mit der ein« Hand einem harmlos« Reisenden die Taschm leert, . währmd er mit der and«« das Zeichen des Kreuzes macht» wmn bei seiner säubern Beschäftigung zufällig die vesper» glocke läutet. Sin anderes in Rußland »eit verbreitetet Laster stt die Trunksucht. Diese kan« jedoch auf verschied«« Ursache» zurückgrführt werd«. al« z. B. auf Armuth, durch Unsicherheit der Berhältutffe erzeugte Verzweiflung, Mano-l an Sicherheit de« Eigenthums, Ungewißheit über das, taut die nächste Zukunft dünge« kau«, auf die Feier endloser Heiligen-

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