Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/5369809-5935066-5956604--7259-5373295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

" Merk», 25. August. Der Ton der antisemitisch« Blätter wird immer hetzerischer gegen die Juden, bereit« werden «ch die sogen, praktischen Ziele, die man dabei verfolgt, sichtbar. Da bringt ein solche«, hier erscheinende«, im Stöcker'schm Geiste ,edigirteS Blach („das Volk") in seiner heutigen Sonntag«-Rr. au hervorragender Stelle einen Hetz- Leitartikel über jüdische Schlauheit", in welchem folgende Schmäh-Sätze geleistet werden: „Der jüdische Charakter ist selbstsüchtig, heuchlerisch, betrügerisch. Aufrichtige« und Schamgefühl sind dem Juden unbekannte Dinge. Die Juden haben deshalb durchau» keine Anlage ä» einem wirtlich geselligen Leben, wo e« nicht nur auf den äußeren Schein der Höflichkeit ankommt. Ihre Geschichte hat ihre Unfähigkeit zur Bildung eine« Staate» dorgechan; ebenso unfähig sind sie auch noch heute, Staatsbürger zu sein. Der Jude kann nicht friedlich neben anderen Menschen leben, sondern er will sich über sie erheben, wenn er nicht mit Gewalt von ihnen niedergehalten wird. Möglichst schnell und mühelo» reich zu werden, ist sein Lebensziel. Dazu hält er jede« Mittel für erlaubt, da« ihn nicht in Konflikt mit dem Strafgesetz bringt. Da» ist die ganze jüdisch« »Schlauheit". Diese „Schlauheit" besteht darin, mit größter äußerer Unterwl rfigkeit und noch größerer innerer Gewtffen- und Schamlnsigkeit die Mitmenschen, namentlich die N i ch t juden, auSzubettm." Nun wird da« „arme deutsche Volk" gegen die Juden aufgehejt, indem die Gefahren eine« HauSdiebe« geschildert werden, und folgende Schlußfolgerung daran geknüpft wird: „I>ie Anwendung auf die Juden ist leicht. Der Hang zsn Betrüge und zur Gewissenlosigkeit läßt sich au« dem jüdischer. Blute nicht austreibm. Deshalb zaudern wir auch nicht länger, sondern fordern mit voller Entschiedenheit ein Ausnahmegesetz für da» AuSnahmevolk der Juden, je schärfer, desto bester. Wenn da« deutsch« Volk bei den nächsten Wahlen seine Schuldigkeit thut, so werden wir Antisem tm bald in der Lage sein, von unserem HauSrecht Gebrauch machen zu können." Firdet sich kein Anwalt, der gegen solch« Aufhetzungen der Bürger gegen einander die Anklage erhebt? — Dasselbe Blatt stellt in derselben Rr. dm Grundsatz auf: „Cftwiß darf man erwarten, daß getaufte Juden sich der antisemitischen Partei anschließm. Gewöhnlich sind getaufte Judm sogar sehr energisch« Antisemiten. Wenn aber getauft« Judm au« Vereinen auStretm, weil „Das Volk" in dem Vereine gehaltm und gelesm wird, so ist daeben ein Zeichm dafür, daß dieselbm nur scheinbar Christ» geworden sind, thatsächlich aber Judm geblieben sind." Mögm die jüdischen Taufaspirantm sich da» gesagt sein lafsm. Aerll». Bezüglich de« bereit« in früherer Nr. mitgetheill.n Falle« de« Rechtsanwalt« Dr. Sello, der irrthümlich für einm Jsraelitm angesehen wordm ist, und in Bezug auf dm Kaufmann au« Gera der au deffm Mandautm geschrieben hatte: „Hättm Sie mir einm dmtschen Rechtsanwalt als Ihren Maudatar bezeichnet, würde ich die vorgeschlagme Einigung gem herbeigeführt Hab«; aber einm Mann, der vermöge seiner Abstammung und Religiou geuöthtgt ist. die Christen zu betrügeu, erkenne ich al» Rechtsanwalt nicht an l" hatte Dr. Sello, der durch diese« Schreiben dm gauzeu Recht«« nwaltstand für beleidigt hielt, die Bestrafung de« Blieffchreiber« beantragt. Die Staatsanwaltschaft beim berliuer Landgericht L. verwies aber dm Antragsteller auf dm Weg der Privattlage, weil e» zur Strafverfolgung der q«. Beleidigung au eiuem öffentlichen Juterefle ermangele. Siergexm erhob Rechtsanwalt Dr. Sello im Jntereffe feiner taudeö,«offen Beschwerde bei der OberstaatSauwaltschaft am Sammergericht. Auch diese hat da« öffmttiche Jutereffe verueinl, w«U der Beschwerdeführer nicht in Beziehung auf feinen Beruf beleidigt und van dm nebenher beletügtm RechtSauwältm jüdstcher Coufeffion ein Strafmttrag nicht gestellt fei: Da Rechtsanwalt Dr. Sello auch diese Grüobe für zutreffend nicht anMrkmnm vermag, halt er »eitere Beschwerde bei dem Justtzminister geführt und u. A. etwa geltmd gemacht, daß in der Behauptung, die jüdisch« Rechtsanwälte wüßten ausnahmslos die Christen betrügen, auch für derm christliche Collegm, welche doch amtlich und gesellschaftlich mit jenen zu verkehr« Beraulaffuug hätte«, eischwerer ehrenrühriger Borwurf liege. Außerdem hat Dr. S. einm Collegm jüdischer Confesfio« bewogen, im Stande«, iutereffe den bisher vermißt« Strafanttag zu stellen. F. chenthi», 20. August. (Or.-Cor.) Heute feierte hier da« würdige und allfeftig geschätzte Loui« und Ernestine Bernhardt'iche Ehepaar da« schöne Fest der goldmm Hochzeit. Der Jubelgreis erfreut fich trotz de« hohen Alter« von 79 Jahren einer überau« seltenen körperlich« und geistigen Frische, nnd seine Ehefrau geb. Adler, im 71. Lebensjahre Keheud, nicht minder. Zu dem Fest hatten sich fämmtliche Kinder, 4 Söhne und 3 Töchter, sowie eine entsprechmde Zahl von Enkeln und zahlreiche Berwandte au« Berlin uud Stendal eiugefundm. Zur Bollziehuug de« religiösen Acte« war der Rabbiner Dr. Rahmer au« Magdeburg eiagelade», der in der festlich geschmückten Synagoge vor einem dichtgedrängten Zuhörerkrei« die Festrede hielt, die alle Anwesenden sichtlich erbaute und dem Jubelfeste die rechte Wethe verlieh. Nach dem gottesdienstlichen Theile begab man fich nach dem schönen Saale de« Mewe«'schen Gasthofe« zu eine« solenn« Festmahle, an welchem der große Kreis der Familie — etwa 50 Personen — theilnahm. Eine Reihe emfter und heiterer Tischreden, sowie allerhand deNamatorische und gesangliche Bornäge von Enkeln und andern Berwaadte« (besonder« de« Urtz'scheu Ehepaare« au« Berlin) würzte da« reichliche Mahl bi« in den späte« Abend hinein, worauf ein Neiue« Tänzchen folgte, an welchem auch da« Jubelpaar fich betheiligte, Möge e« demselben vom Allmächtig« vergönnt sein, in avdauemder Rüstigkeit uud Gesundheit nach eioem Deceuniu« auch da« diamantene Hochzeitsfest zu degehen. „Eine herrliche Krone ist da« Greisenalter, auf de« Wege der Tugend wird sie gefunden!" Meiningen, 20. August 1889. Gesch. Herr Redacteur l Sie wiffeu, ich gehöre zu dmjeuigen, die den AutisemitiSmu« mit de» Waffm der Wiffmschaft bekämpf«, daß ich schon zwei Schriften") zu deffm Bekämpfung verfaßt habe. E« liegt mir also nicht« ferner, al« leichtsinnig „Oel in« Fmer zu gießm." Wer gießt aber Oel iuS Feuer, wmn «ich der Einsender de« die Corresp. au« w. corrigirenden Artikel« mich, den Nichtmediciner, (in Nr. 33) belehrt, daß in jeder Nr. der Berliuer klinisch« Wochenschrift sich solche Gesuche — nach christlichen Asfistmt« — find«. E» giebt Dinge über die fich streit« läßt, e« ist aber unentschuldbar, wenn „ein ftrmggläubiger Christ dm nicht-geistlich« Beistand auch gem au« der eigmeu Confesfio» sucht", uud gtebt e« solche Käuze, dann müssen sie von eiuem vemünftigen uud gebildeten Direktor einer Heilanstalt in die gebührmd« Schrank« gewiesen «erd«. Orthodox« Juden fällt e« nicht ein, fich lieber von eiuem jüdischen, al« vvn einem christlich« Arzt behandeln zu laffeu, fall» sie nicht wiffeu, daß der betreffmde Arzt Auttsemit ist. Wohin gelang« wir mit solchen Uebertünchuugm eine« Unrecht«. Daun könnte ja ein strenggläubiger Christ mit R echt auch ein« jüdisch« Richter verwerfen. Mit solch« Entschuldigung« komm« wir in« Mittelalter zurück. Doch nein, selbst im Mitttlalter kannte mau solche systematische Grenzsperre nicht, wirkte« jüdische Leibärzte in christlich« uud mohammedanische« Palästm uud fragte man bei Gebrechen und Krankheit« nicht nach der Coufeffion deffen, der in seinem Bemfe sich sonst nur al« tüchtig erwie«. Ader hmtr sucht mau hoxxibile diotul «jeder Nr. der klinischen Wochenschrift christliche Assistent«, und ein jüdischer vr. med. entschuldigt solche» Gebahr« *) Vlüttze» me» Caolfen derHmaanüät; Humanität tat Jadeuchu».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.