Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 35.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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' .■.■!'»?S55JPrWF — 272 — \s- :‘ -Vs '"''r ~ MowertSplawverei. Bob IL 8. Die schmerzlichsten und tiefsten Wunde», die dem jüdisch« Volke g-scklagen worden sind, hat es im Monat Sv empfang«. Die Zerstörung de» erst« und zweit« Tempels, der Fall Bethars vollzog« sich am S. Aw, dem Tage der mit Mut und Thränm in der Geschichte Israel» verzeichnet steht, vom 9. Aw jme» unglücklich« Jahre», in welchem da« jüdisch» Volk seine politistb« Selbstständigkeit verlor, datirt die hundertjährige Leidm«geschichte tefselben, die in einer so trauriger Mannigfaltigkeit sich zeigt, wie sie wohl fein zweite» Volk der Erde aufzuweism hat. — Bn jenem Tage beginnt die Reihe der Verfolgung« und Anfeindung«. die die Judm erlitt«, und die selbst in unserem erl«chtrt« Jahrhundert ihre letzt« Ausläufer noch nicht gesund« Hab«. — Und dabei fentzubestehen, noch mehr, dabei menschlich geblieben zu sein m Denken uni) Fühl«, und dabei nicht verfall« zu sein der moralischen Korruption und geistig« Verdumpfung — wer möchte hier nicht an eine wunderbare Kraft denken, die diesem Volke innewohnt, und e« in seine« M«schenwerthe, in seiner Mensckrnwürde erholt« hat? Jme Allegorie, die un» erzählt, daß Sott, al» Israel die Thorad empfangen hotte, zu dem Tode»«ngel gesproch«: »lieber alle Ration« fft dir (Gewalt gegeben, nur über diese nicht" — wie v'el Wahres verkündete sie nicht, nachdem wir gesehen, wie in einem Zeitraum von beinahe 2000 Jabr« olle Mächte deS Tode» fch vergeh«» an dem jüdischen Volke versucht haben! Und weiter: nach einer viel hundertjährige« Vergangenheit de» Unglück» und de« Elends sehen wir r» heute kräftiger und ftischer denn je dasteh«, seh« wir es muthiger denn je eintretm in die Ar«a de» GlaubenskampsiS, »m seine Lebensfähigkeit zu b«eis«. Kräftiger dmn je, w«n wir die religiöser und human« Schöpfung« betrachten welche au» dem Schoße de» modern« JudenthumS hervor gegangen sind. Mag die Zeit unsere« Jud«thum manche» Liebe und Ehrwürdige gmomm« Hab«; mag auch manch schöner Brauch und ma «te fromme Sitte ihm abhanden gekowm« sei». — <4 sind dafür an seinem tausmdjührig« Stamme neueBlüthen der schö ist« und edelst« Natur zu Tage getiet«, Blüthen, die «hm ein daumtde» Leben und ewige Fruchtbarkeit verheiß«. — Wir denk« au den letzten Kampf de» jüdischen Volke», um seine staatlich« Erhaltung, wir d«ken an die rauch«d« Trümmer Jerusalem», an die Zerstreuung seiner Söhne noch all« Himmelsgegenden; wir dmken an da» Mittela.trr und de» blutig« Eifer, mit wrlchem «an an der vertilgnng der Jud« arbeitete, wir denk« an diese» Alle» — und schau« heute hin aus die herrlich« Werke der Frömmigkeit, Humanität und Mildthätigkeit: aus die Gotteshäuser, Rabbiners-minarr, auf die Krankeugäusrr und Asyle, mit wrlchem unser Judmthum geschmückt und geziert dasteht, und möchtm mit diesem fast frag«: [-p* n* ’Ö «Wer hat mir diese» Alle» geschaffen?" — i» einer Zech in welcher so viel über »«jüdische« Sinn und »«jüdische» Wes« geklagt wird? Rein, e» ist kein Abftrrb«, sondmr eine herrlich« Verjüngung, dir wir au unserem Judenthum wahrnehmm! Der Geist, von de« e» gettegm wird, muß ein uugemein lebendiger und thatkrästiger sein, wm« solche Einrichwugm geschaffen und erhalt« »erd« köun«, eigen« und allein von den Jud« selbst, ohne daß eine fremd« Hand ihn« dabei geholfm, st« dabei unterstützt hätte. D«n es ist den Juten oufgegeben, selbst für sich zu sorg«. Sie müss« sich ihre Gotteshäuser au» eigm« Müteln bau«, sie müssen ihre Beamt« selbst besold«, ja, sie Hab« nicht einmal die Genugthuung dieselben al» Staatsbeamte anerkaunt za fthm. E» ist Harn aufgegrb«, für die Uuterhalluag der Kirchenbeamt« anderer Eonfesston« mit zu steuern, aber zu diesem Zwecke für sich selbst eine Unterstützung vom Staat« zu erbttt«, — o, bet bloße Gedanke einer solch« verweg«« Forderung würde schon die »Kreuzzeituug" au» dem Häuschrn gerath« last«, denn sie, die auf der Höh« immer kaum erkämpft« «ad erarbeitet« AdelSautzeichuung horstet, sie hat keine Ahnung davon, wie sehr mm um die bloße Existenz schon zu dulden und zu blute« hat. Jodeß, auch sie hat ihr« Kummer, die Arme, sie steht ihre Schooßkinder in d« Haar« sich lieg«; Stöcker, Bvckel, — wa» hat die Edle au« dem vereinigte« Streb« dieser Beiden bezüglich der Jud« nicht Alle» erwartet! — Eg wär' so schön gewes«, doch hat'» nicht sollen sein. Wir Jud« hob« die Pflicht, di« Traurenden zu trösten, «nd so condolir« wir auch dieser unserer Feindin zu dem Trauerfall im Schooße der Antisemiten, wo die Einigkeit in jüngster Zeit zu Grab« getragen wurde. Der Hinweis auf d« »groß« Tag von Bochum" ist kau« geeignet die tieft Verstimmung de» Blatte» zu verdeck«n. welche» d« Kampf qegm die Juden zur D«ise sich gemacht. Al» wir jüngst in eine« conseroattveu Blatte von d« .Beschwerden der evangelischen Kirche" läse», der bei aller Unterstützung, die ihr von staatlicher Seit» zu Theil wird, «och so Biele«, wie man klagt, fthlt, da kam un« so recht zu Bewußtsein, wie viel thrtkräftigeS Leben dem Jadenthum inne wohnen muß. deffrn Beftaner so freud'g d,e Last« auf ihre eigme Schulte« nehmen, die ihm ihre GlaubmSauge- Hörigkeit auferlegt. Uud indem wir un« der Betracht»«» hierüber hingegebm, kam uu» folgender Ausspruch tu dt« Erinnerung, den der christliche Verfasser einer jüngst er» schienen« .Jüdischen Geschichte" (Pr. Krähe) in diesem, setuem Werke gethau hat. Er sagt: .Alle politisch« Nachtheile sollt« für da» religiöse und sittliche Leb« der J«ra» eltt« «och einmal so viele Vorth eile werd«, wie dm« überhaupt die Sutwickrluug de» jüdisch« Volke» iusofer» eine ganz rigmartige war, al» e» in demstlbro Maaße religiöser und sittlicher wurde, al« e« polittsch sank, al« es gerade tu der Zett, wo es seiner politischest Auflösung entgegmgiug, sein« höchst« r el i g iv seu Aufschwung «ahm uud in Jesu» Ehristus von Nazareth der gesawmt« Mmschhett ein« Heiland gab." Uud au einer ander« Stelle, wo er über d« Eintritt Israel» unter die Kulturvölker spricht: »Und sie (die Jsrarltteo) behauptet« sich unter dm Kulturvölkern, und zwar nicht blo« unirr dm« Kanaan» allein, sondern vielmehr der Erd« überhaupt. D«u «ach dem eigm« Rathschluß Gotte» sollt« die J«raelitm sogar unter dm Kulturvölker« der Erd« da» bedmteudste werden." Judeß wird bis dahio »och mancher Tropft» tu» Meer fließ«, werd« die Judm bi« dahiu »och manche» hinzunehmen Hab«, wa» ihre historische Bedeutung zu verlmgn» geeignet ist. Wir wollm uu» dadurch nicht mtmuthig» lass«. Da wo der unparteiische Priester da» Wort hat, wird ihn«, wenn auch zu« verdmß der Antisemit«, ihr Werth nicht gemindert werd». Und wenn uuo erst gar da» Gerücht sich bestättgm sollte, welche» jetzt durch di» Zeitung« läuft, weunJrrusale« zu« allgemein«Meridian zur Bestimmung der Weltzeit augmommm »erd« sollte, wird diese» fteUtch für uu» Judm leine besonder« Bedmtung Hab«, aber dt« Held« der Raffe würdm dadurch rin« solch« Borrath von Aerger erlange«, daß sie für die nächst« Jahre reichlich damtt versorgt mären. Der Erzbischof vo» E«rterb«ry. Der bedeutungsvolle und hocherftmlich« Besuch, welch« der Erzbischof von Eanterbnrh dem Herm Joseph Sebag- Moutesiore, Oberscherif von Leut in East Lliff Lodge abstattete, ist, wie das »Je«. Lhrou." unt Recht hervorhebt. ei» Ereiguiß, welches seiner hohm Bedeutung »eg« verdient, tu «etter« Kreisen bekannt zu werde». Der Erzbischof, im Range dir höchste Persönlichkeit i» Staate nach der königlich« FamUie. ist nach seiner eigen« scherzhaft» Bemerkung so zu sag« der Lord-Major in de» Siunchwelchm Fremde diese» Ttt l belleaeu. Es ist aber weniger, die hohe Stellung, »elche sein» Verkehr mtt hervorragend« f