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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 32. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 32.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Unterricht. Die jüdischen Sinder stehen nnter diese» christliche«; allein e« fehlt it>nen der Zusammenhang der Senntntffe n»d des Wissen«, die fle hier empfangen, mit dem sittlichen Lebe». Gir hören stürdlich van Religion und Religionsunterricht und wifleu doch kaum, was diese« Wort bedeutet. Hier ist der Punkt, wo die jüdisch« Gesammthett eintreteu muß! die jüdische Religi«n«grmeiuschaft ist vera»1wortlich für dies« Lausende von Sinder», die ohne Reltgiousanterricht, »ad dadurch auch ilberhaupt mit mangelhafter Schulbildung aufwachsen; für die dt« Schule nicht de» sittlich-rrzirhlicheu Einfluß haben kann, wie für ihre christliche« Mitschüler. E« muß Sorge getragen »erde» für angemessenen Religionsunterricht derselbe» au« religiösen wie au« allgemeine» erziehlichen Gründe». Gleicht die religiöse Anlage iw Menscheu dem ilug«, so gleicht die göttlich« Offenbarung, die durch de» Religionsunterricht vermittelt wird, der Sonne. Soll da« Geistetangr so vieler Linder unsere« Volke« sich »i e der Sonne de« geistige« Leben« zuweaden? Müßten wir nicht znrückbeben vor der Verantwortung, daß bei so viele» jüdische» Sinder» da« ideale Leben nie geweckt, da« sittlich-wirksamste Element in der Erziehung vrrnachlSjfigt und dadurch die Seele de« Volke« durch Verrohung vergiftet und der in der volksschnle oft den Umständen «ach an und für sich karg bemrffeve Uatrrricht sittlich - unfruchtbar bleiben wird? Alle Veranstaltungen der jüdischen Reltgionsgesellschaft zur Hebung de« religiösen Leben« find vergeblich, wenn die Grundlage fehl:. Wo« sollen die Gotteshäuser, weuu die, die e« zu besuchen berufen sind, kein Gebetbuch in den Händen, kein Gebetwort auf den Lippe» und für die Predigt kein verständuiß mi Ebringen? Sönne» aber die Sinder, welche höher« Schulen besuche», um ihre, Gesammtbildung willen, besser de« Religiousnuterricht« entlehren? Der Unterricht wird in diese» Anstalten von Fachlehrern erlheilt und Disciplin nur grhandhabt, um Ruh« und Ordauug in die Klaffen zu bringen. Ein« eigentlich erziehlich« Wirksamkeit haben diese Anstalten i« Allgemeine» wruigrr, als die Volksschulen; sie find Unterricht«-, nicht ErziehoogSonfalteo. Da muß der Religionsunterricht als Erziehuug«m»ioent eintreteu, um zu der einseitigen Getftes- und Verstandesbildung di« Gemüth«bildung zu fügen. Der Religionsunteiricht muß Herz und Gemüth erfaffeu, die Individualität berücksichtigen, und ein rein ideale« Moment in die Schulbildung bringen. Er muß de« Zusammenhang der Geiste«, und Gemüthskräfte, die Einheit de» Wiffen« und Leben« im Linde zur Wahrheit machen. Nur so verotittcU auch die höhere Schule eine harmonische Ausbildung. »E« flieht keine Bildung, die, schon um ihrer selbst Wille«, di« religiöse Unterweisung entbehre« könnte. „AlleReligiositätwurzelt in derFamilie." Dorum müffeu mir auch mit aller Entschiedenheit eintreteu gegen einen Mißbrauch, der iu der neueren Zeit mehr und mehr um sich zu greisen droht, daß r ämlich jüdische Eltern ihre Linder an Stelle de« jüdischen Religion«unterricht« am christliche» Religionsunterricht in der Schule theilnehmen lassen, ohne selbst au« dem Judenthvm au«zutreten, und so da» Band entzweischueiden zwischen dem Linde und seinen Angehörige». Da« ist eine Eharakterlosigkeit, eine beispiellose schmähliche Selbst, «rniedrigung, die mit dem Muthe und dem Selbstbewußtsein, mit der Uebijeugong-treue unserer Voreltern in grellstem Widerspruche steht. Es ist «ftw Versündigung gegen die Linder, dt« solch« Elter» »uwerth »acht, Vater und Mutter genannt zu «erde», »eil st« beweisen, baß st« nicht wiffen, was sie ihren eigene» Elter» im Leben «der i» Lode schuldig sin». Solch« Elter» ertöte« jede Spur sittlich-religiöser Gefiunuug in ihren Stnderu, jede« Gemüthslebea. Wir lasten die religiöse Seit« unberührt. Aber solch« Eltern wiffen vielleicht nicht oder scheinen e« nicht wiffen zu wolle», daß sie an Stelle der reine«, vernünftigen Mostslehre ihre Stader nun Glaubrusmysterieu lehren laste», für die diese absolut kein verständuiß mttbringe»: Die Gottheit Jesu, die Dreieinigkeit, die Erlösung der sündigen Menschheit durch de» Sohu Gotte«, die Erbsünde u. S. m. Da« find Glaubenslehren der christlichen Kirche, die in der christlichen Schul« »och eindringlicher gelehrt werd«« müffeu, al« sie tu der Ltrch, gepredigt werdeu. Glauben nun die Elter», daß Linder diese Lehre», wen» sie sie einmal in sich ausgenommen habe«, eben so leicht abwerseu, wie sie selbst sich frei gemacht habe» . von dem jüdische» Einheit«geda»keu, von ihrem jüdische» Berufe und de« Leben und Thun im Geiste de« Judenthum«? E« sind zwei Fälle möglich: Do« Sind nimmt nur äußerlich Thetl au dem betreffende« Unterrichte; dann ist diese Theil-' »ahme ein Spott mit dem Heiligste» im Menschenleben, den sich auch der freisinnige, tolerante, aber ernste christliche Religton«lrhrer nicht gefalle» laffe» darf; der die tiefsten, sittlichen Wurzelu im Sinde«herze» schädigt und da» Lebru zu einer fortgesetzte» Heuchelet macht. Dann werde» die Elter» in ihrem eigenen Leben noch erfahren, was e« heißt, die Pietät, den Sinn für alle Heilige, Große und Ideale im Sinde«herzen untergraben zu haben. Oder: die Linder nehmen ernstlich Autheil an dem christlichen Religionsunterrichte! Daun werdeu die Eltern zu spät finden, daß de« Unglauben« nächster Nachbar der Aberglaube ist. In dm Schmerzm«stundm de« Leben» werdm sie Gott suchen auf ihre Weise und ihn garntchl oder in — phantastischer Schwärmerei findm. Ja, wm» e« eium wirklich freim, coofesstonölosen Religionsunterricht gäbe iu dm öffmtlichm, vom Staate geleitetm Schulen, — er könnte ja da sein l — daun könntm wir uns beruhigen; dann kvanteu wir hoffen, daß die religiöse Herzm«dildung hier gefördert würde und die Grundlage bilde für di« jüdische Bildung iu spätere» Schuljahren, die dann uachfolgm müßte. Aber — unsere öffmtlichm Schule» und unsere Lehrer find christliche. Damit körnen und dürfe» wir uns nicht beiuhigen. Da« ist verrath am Heiligsten! Im Gegmsatz zu dieser Wahrnehmung erscheint e« un« al« «in« Pflicht auch gegm dm Staat, da« Vaterland und die mmschliche Gesellschaft, da« Judenthum fort und fort zu pflegm und zu lrhrm. Ein Faktor der menschlichm Gesammtbildung von so erhabener Bedeutung für die Entwicklung der Mmschhett seit Jahrtausende», kau» nicht von der Btldfläche verschwiudm, ohne da« Bildungswesen der Gesammtheit auf« Tiefste zu schädigm. Wa« so viele Millionm Geister bejchäftigte seit Jahrhunderten, so viele Herzeu erhob und beseligte, ist ein Gesammtgut der Menschheit geworden und — wird e« bleiben. Dir Geschichte de« Judmthum« von ihrem Anfang bi« hmte wird für die Erkenntniß de» Ent»ickluug«gange« der Mmschhett stet« von der höchstm Bedeutung sein. Die Hingebung ohne Gleich« di« Aufopferung der Judm für ihr Heiligthum,

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