Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 30.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Fremdlinge galten f e oft auch da, wo jede» Menschenherz seine Heimat hat: am Grobe der Elter«, an geheiligter Stätte. Sollen wir Beweise bringen, wie gleichwohl die Religion Israel» die Hingebung an da» Vaterland und die Treue gegen dasselbe befiehlt? Und wie die Juden diese Treue bewährten selbst in den Zeiten de» Drucke» und der Verfolgung? Man wird erkennen, warum wir diese selbstverständliche Pflicht hier nicht näher ausführen. Nur da» eine Wort au» dem Talmud stellen wir noch hierher: „Das Gesetz der Regierung ist verbindliches Gesetz 1* Nicht einem dunkeln Trieb«, sondern klaren, sittlichen Urtheile sollen wir folgen im Lben. Da» lehrt die Religion Israel». Da» ist ir der Judenheit lebendig geblieben und hat sie erhalten, als andere mächtigere Völker niedersanken. Da» sollen ursere Kinder und Liadeskinder lernen, wissen und üben al» Pflichten der Nächstenliebe und sittlichen Selbstbestimmung. Der Religionsunterricht wird unsere Linder ivehrfähig machen; er giebt uns geistige Waffen, damit wir bestehen im Kampfe gegen unsere Feinde — nach innen urd außen. UI. Religiös« Satzungen und Handlungen der «otteövrrehruug. Die religiöse Unterweisuug erstreckt sich aber auch in» besondere auf da» Gebiet der jüdisch-religiösen Pflichten, dc» Gottesdienste» im engeren Sinne und der sogen. Eeremonialgesetze. Wir haben die Erziehung unserer Kinder nicht pflichtgemäß harmonisch c uSgestaltet, wenn wir sie nicht befähige», lebendige Glieder der religiösen Gemeinschaft zu werden, an dem gottesdienstlichen und religiösen Lebe« derselben sich zu bethriligrn. Wollen wir, daß unsere ReligionSgrmeioden fortbestehen, so müsien alle Glieder de» Bunde» da» in Geist und Gemüth emporkeimende Bedürfniß der Erbauung und Beseliguug zu befriedigen im Stande sein; so müffen wir unsere Kinder unterrichten, daß sie beteu lernen, beten können und wollen! Wir müffen sie unterrichte», damit da» Geschlecht der Zukunft vom öffentlichen Gottesdienste sich an gezogen fühle. Glaudm die Ellern, daß sie ihre Pflicht erfüllt lmben, wenn sie ihren Kindern da» Gotteshaus verschließen? Soll kein Gebetwort über ihr« Lippen kommen und sie heiligen? Können denn solch« Eltern ihre Kinder auch schützen vor Lebenslagen, in denen ihnen der Aufblick zu Gott, da» Gebet, die Erhebung der Seele ein Bedürfniß, ein Trost — vielleicht der einzige Rettungsweg sei» würde? Wissen die Eltern, daß ihr« Kinder nie eia Verlangen haben werden, inmitten einer religiösen Gemeinschaft zu stehen, mit der sie sich verwachsen fühlen im tiefften Innern, mtt der sie in den heiligsten Erinnerungen und Gefühlen überriostimmen? O, wie oft zeigl uv» da» tägliche Leben, zeigt un» uu» die Erfahrung, wie kaum je ein Mmfchenkind verschont bleibt vor Störungen de» Seelenfrieden». Soll da» da» Herz in sich verschließen müffen? Soll r» nicht vor de« sich auöschütten können, t«r Herz und Niere» prüft? Und «och weniger könne» wr der Anregungen «ad Mahnungen entbehren, die da» religiöse Lebe» bietet. Bei aller sonsttgen Geistesbildung finde» wir in deu Momente» de» höchste» Jubel» und de» tiefste« Schmerze» da» rechte Wort nicht, wenn wir die erhabene Macht de» Gebet» nicht kennen gelernt haben, wenn wir nicht gelernt haben, aufzublicken zu dem, der »da» Wort auf den Lippe« schafft und Frieden, Frieden zuruft de« Fernen wir de« Rahen!" E» giebt vielleicht Einzelne, welche glaube«, daß der gebildete Mensch da» Gebetwort finden wird, wenn er e» einmal sucht, auch wenn er nicht dazu augeleitet worden in seiuer Jugend; auch wenn es nicht, »ie dir Weisen sagen, 1’B3 ,TTUW „geläufig ist in seinem Munde." Allein: „der Stock zur Stütze kann nicht immer erst au» dem Gebüsch geschnitten werden, wenn wir ihn brauchen."") Ohne Gebet, ohne Gottesdienst keine Festesweihel Da» Leben der Gegenwart bietet un» Beweise zur Genüge, wie Sabbath- und Festtage ein Bedürfniß sind für Körper und Geist, für Herz und Gemüth; wie die menschlich« Gesellschaft den Ruhetag anerkennt, und die Erhebung de» Gemüthe» an ihm sucht und fordert auf die verschiedenste Weise. Da» Volk Israel hat diese «ohlthat der Menschheit gebracht und der wöchentliche Ruhetag, der dem körperlichen und geistigen Gedeihen de» Menschen so überau« uüthig ist, ist sicherlich nicht die geringste der Gottesgaben, welche de« Schatz« de« Judenthum» entllrhen sind. Ohne gemeinsame Sabbath- und Fest-Sfeier kann »ine religiöS-stttliche Entwicklung eine relig'ö».sittliche Gemeinschaft kaum gedacht werden. Wir müffen unsere Kinder bekannt machen mtt de« ganzen Gebot vom Sinai. Kann da der Sabbach, die» Zeichen de« Bunde» zwischen Gott und Israel, herauSgenommeu «erden? Wir müssen in unser« Kindern wieder zu erneuert» suchen jene FesteSweih«, die da« Leben unserer Väter und Mütter verklärte, und in unserem eigenm Leben jene Erinnerungen auferwecken, in welchen wir erzogen wurden, in welchen wir gottgesegnrte Vater- und Mutterhände sich fegend auSbreiten sahen über unsere Häupter! Da« heilige Familienlebeu unserer Eltern — o, r» ist eia kösllicher Schatz! — Kann e» gedacht werden ohne die verklärend« Wtthe der Sabbach- und Festtage? Auch der gemeinsame Gang zum Gotte«hause, da« un» al« Juden vereiuigt zur Erbauung und ««Heiligung, ist ein treffliche» Erziehungsmittel, bestimmt, fortzuwirkea in den Tagen der Arbett und unser gesammte» Denken, Fühlen und Thun zu erhebe«. Solle» wir unsere Kinder davon ««»schließen? Und wie der Sabbach, so auch die Feste, mit ihren große« geschichtticheu und weihevolle» Gedanken. Auch die den Geist der heiligen Gotte»- geböte iu edler Leiblichkett darstellenden Eermoaie» sowie da» Ritualgesetz iu seiuea bedeutsame« Au»gestaltuageu müffen unseren Kindern vertraut sei». Wir dürfen unseren Kindern die Möglichkett »icht raube», die Hettigthümer de» Judenthum» stch selbst zu erhalte», damü unter un» da« euimLthige Strebe» bleib« die unschätzbaren Güter zu wahren und zu vererbe». Die Gedanken de» Judenthum», di« religiöse Gesinnung, der Glaub« a» de» eiuzigen Gott, die Gebote der Sittlichkett und Moralität stehe» mtt den nur de« Jndeuthum eigrnthümliche» Gotteögebote» in so lebendiger Wechselwirkung, daß die Eine» ohne de» Anderen auf die Dauer »icht bestehe» könne» »ad da» Judenthum seine Aufgabe, da» menschlich« Lebe« z» heiligen, ohne sie nicht erfüllen kan». *) Berthold Auerbach.