Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 29.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— £26 hateu ja auch die Katholik« eine Empfindung des religiöse» Drucke«, «ud die» stimmt viele «Uder gcflta UN» Äden. Neuerdiuß« scheint jedoch die Flamme au« Oesterreich nach Deutschlaud hinüber zu züngeln. So bringt die »Eiermania" vom 4. Juli an der Spitz« de« Blatte« eine Lorri spondenz au« Wien, i» »elcher bte Juden auf« Heftigste, jo auf« Giftigste augegriff«» aerdeu. Wir wiffe« nicht, ob )ie Unregelmäßigkeiten, die i« dem Irtikel der österreichischen Berwaltung zum Borwurf gemacht «erd«, thatsächlich vorgekrmm« find, ob der Einfluß der Rothschild« auf die österreichischen Eisenbahnen ein so übermächtiger ist. Die« Alle« ist auch nicht der Zweck der Lorrespondenz. sondern der Zweck ist, den Judenhaß zu entfach«. L« charalterifirt den Berfaffer, daß er von der »u« enthüllten" Affaire von Tißa-Eßlar redet und hierauf behauptet, die Juden Oesterreich« verübten »och viel schlimmer« Dinge. Ullerting« spricht der Artikel nur von Oesterreich, aber die Abficht ist Var, daß di« schlesischen, die rheinische», die bayerische» Leser der »Germania" die Eousequenze» ziehe» soll». Und die Germauia schreibt solch« Dinge kau«, wenu sie nicht dafür bei den p olitischeu Führe« Rückhalt und Billigung findet. Sogleich au diesen Artikel au« Wien schließt fich eine Berliner Notiz au, die den Rücktritt de« Herr» T reit sch k e vou der Leitung der »Preußischen Jahrbücher' betrifft. Diese Zeitschrift hat eine« kleinen aber höchst einflußreich« Leserkreis unter den höher» preußisch« Beamt«. Diese« Organ ist dadurch eine große publizistische Macht. Nun tritt Lreitschke vou der Leitung zurück, die er bi«her mit Prof. Delbrück theilte. Die »Germania" wittert auch hier ein« Steg der Juden und dient dadurch dem Märch« vou der uogeheuem Macht, die wir Jus« au«üben. Judm kouutm d« prmßisch« Hofhistoriographer nicht au« der Redaktion herauSdräogm, einer Versöhnung de« Judenthum« mit de« Kartell, wie die Grrmanic meint, ist er nicht zum Opfer geworden, daneben ist e« wahrscheinlich, daß sein Austritt au« der Redaktion eine spät« Sühne ist für seinen Artikel über Kaiser Friedrich. Die »Germauia" macht die alt« iLitzch«, inte« fie na« al« so mächtig darstevt, daß selbst eia Mann wie Treitschke der Versöhnung de« Judenthum« viit de« herrschend« politische» System zum Opfer gebracht wird. Sollte fie nicht auch den jüdisch« Einfluß in Wi« mit dem BergrößenmgSgla« betracht«? Zöerti«. U-:brr einen höchst unerquicklich« Streit im Lehrerpersonal de« Leibuiz-Gymnafium«, bringt da« »Al. Jonrn." folgende Miltheiluugeu: Dem Lehrerkollegium der genannt« Anstalt g> hören einige Herr« jüdischer Abstammung on: so der Director Herr Dr. Friedländer, der erste Oberlrhrer Professor i e Bisenr, der Oberlehrer Dr. Marcuse und der ordentliche Lehrer Dr. Elia«, währ«d zwei andere Lehrer al« enragirte Antisemiten bekannt find. Bor einig« Tagen soll fich nru — nach der Darstellung de« »Al. Jouru." — einer der Antisemiten, Herr Dr. Wulfinghoff, im Konferenz- -immer de« Gym iafium« und iu Ä«g«wart zweier jüdisch« Eollegen zu rohen autisemstischea Aeußernngm Hab« hinreißm lasten. Dr. Mcrcuse, hierdurch verletzt, forderte sein« Eollegen Dr. Wulfinghoff auf, zu revocir«, wa« di'ser jedoch verweigerte. Hie rauf soll Dr. Mar«se seinem Beleidiger ein paar — Ohrfeigen versetzt haben. E« entstand uu« eine äußerst turbulente Scene, Partei« für und wider Dr. Marcuse bildeten fich. und der Rest ist eine Anzeige de« Dr. Marcuse durch Wulfinghoff. welche tu Kürze zu eine« Proceß führ« dürfte. Auch der vorgesetztm Behörde ist bereit« Anzeige erstattet ward«, und e« steht eine DiScipliuar- Untersuchung in Aussicht. (Dem »Bert. Tgbl." wird diese Darstellung de« ,Kl. Jouru." al« »unzutreffend und übertrieben" bezeichnet. Eine genaue Darlegung de« Sachverhalte« entziehe sich mit R ickficht auf die bereit« eiageleitete DiScipliuar- Untersuchung vorläufig noch der Beröffeutlichuug.) Aerti», 7. Juli. (Or.-Corr.) Eia »große« antisemitische» Volksfest" veranstastet« gestern im Eitkelleretablistemeat die »Deutsch nationale" Partei, d. h. Böckel. Di« Festrede de« Sund Meister« der Radau-Antisemit« war natürlich die stäche dabei; »ea« dazu für 40 Pf. no h Kinder« guugeu. Eoueert, Ta uz. Famllieukaffeekocheu gebot« werden, uuu daun müffm doch die beredt« Worte, die Mahnung« zum Kampf ««der die Jud« wirke». Da Herr Dr. Böckel im Reichstag so gründlich, sachlich und eindrucksvoll spricht, wie bekannt, so muß eine solche BoflSfrstrrde ei» wahre« Muster von Tiessiaa sein. Bedauerlich ist bei der Sache nur, daß sogar die harmlos« Kinderserlm mit d« Worten de« Haste« gegm ihre Gespielen erfüllt uad vergiftet werden. E« scheint übrig«« zwischen »Deutsch-Ratioual«" und »Ehristlich-Soz'alm" eia Wettkampf um di« Bolköguust nach d« Methode der Freibiere u. A. sich «stpinvea zu soll«; dmn gleichzeitig findet sich in dem Blatt der Klei»- bürger Berlin», dem »Lokalaazeigrr" folgend« Ankündigung: »All« Müttem schon jetzt zur Nachricht, daß da« bei de» lieb« A-einm so beliebte So«werfest der christlich sozial« Partei am 18. d. da uad da stattfindm wird." Der Zwstt im Laxer der Antisemit« beginnt allmählich die köstlichst« Blüthen zu treib«. Ktetti», 8. Juli. (Or.-Lorr.) Bo» all« groß« Städte» lieft uud hört «au jetzt von d« Ferieu-Eolonie». Da wird schon lange v«r Beginn der Feri« zu diese» Zwecke gesammelt, die Zeitung« öffnen bereitwillig ihre Spalt« dazu uud verzeichnen die eiugegangen« Gabe«, auch wirb zu diesem Zwecke Theater gespielt, e« werd« Eoncerte verauftaltet und dergl. mehr. D« Lese« der »Woch«schrtft' will ich »uu Keuutuiß geb« vou einer Feri« Kolonie, für die Derartige« uicht gescheh« ist, die »ur durch reiue, echt ««schliche Liebe tu'« Leb« gerufen wurde. Wie im vergaugeueu Jahre, so auch tu diesem, hat e« üch uuser Lautor Herr Sara sahn augeleg« sei» last«, für arme jüdisch« Kinder au« Berlin uud hier i» dieser Richtuug zu wirk« uad h«te war der Tag, wo die Berliner ankamru und vou hier au« uuter Beistand rttor Menschenfreunde weiter befördert ward«. Einige 40 Kiuder find so bet wohlhabend« jüdisch« Familien während der Feri« uutergebracht; möchte der Auf«thalt daselbst bcnfelbcn zu« Seg« gereich«, damit fie nach den Ferien mst »««er Lhat» kraft wieder ihre Schularbeitcu verricht« köaueu uud dadurch nützliche und brauchbare Mitglieder der Menschheit werde». D« wacker« Fa«ili« aber, die iu solch' liebenswürdiger uud uueigeunütziger Weise fich der kleiuea Lieblinge auuehm«, all« den«, die ihr jüdische« Herz auch hierbei uicht »erleugae», all' deu treu« Anhänge« unsere« Glauben« tu Gartz, FerdiuaodShof, Torgelow, Swruemüude, Waugeriu, Dramburg, Falkeuburg, Tempelburg» Labe«, Neubraudeuburg, Preuzlau uud Pyritz, »ach welch« Ort« die Kinder kommen, besten Dank. In» der ßfrovinz Hkose», im Juli. (Ein orthodoxer Musterrabbi.) In eiu.i Stadt unserer Provinz amtierte bi« zum 1. Januar d. I. ein Lehrer, der eine Zeit lang Schüler de« HildeShetmer'schea Seminar« in Berlin war. Besagter Herr »hätte sich damit begnügen soll«", wie e» in dem bekannt« Liede vom »Kloster Grabow im Laude Usedom" heißt. — Allem sein Sinn stand höher hinan«. Ihm genügte nicht der schöne uad erhabme Beruf eine« Jugrndbildnrr« allein, er wollte auch »Lehrer der Groß«" sein uad so ließ er sein« Namen bereit« nach 14 tägiger Wirksamkeit auf sein« Bisttenkartm nicht da« Prädikat »Lchrer", sonder »Rabbiner" anhäuaen. Und von sein« Schülern verlangt« er eia für alle Mal, daß sie ihn uicht mit dem schönen und bedeustamen Worte »Herr Lehrer", sondem »Herr Rabbiner" ausprächeu, obwohl er nur al« Lchrer der Elementaruad Religionsschule beruf« war. Soweit könnt« der gmeigtt Leser uicht» besonder» Schlimme« in dem Gebahrm de» besagt« Herr» »Rabbiner«" find«. Denn stet« gab e« und wird e« dergleichen eitle Geck« und Titrlaarren geben, welch«» w«n fie die Achtung uud Ehrfurcht vor ihrer Person nicht durch chre Fähigkeittn erwerbm i könne», wenigsten« durch ein« angemaßten Titel sich