Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 25.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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feffmt Sette zu beuriheilen ist! (— aber dach nur so lange al» man nicht vom Gegrntheil überzeugt ist.) (Fortsetzung folgt.) Htochn«, 11. Juni. Luk dem Schützeahof« begannen beute Morgen um 10 Uhr die Verhandlungen dr» von Herrn Dr. König einberufenen Pariritagr» der deutschin Anti» semiten. Unter den Anwesenden befanden sich u. a. die terren Achille Plipa-PariS, Dr. Förster.Berlin. Türck-Wien, t. Böck-l-Marburp, Theodor Fritsch-Leipzig, W-rner-kossel, Liebermann von Sonnenberg-Leipzig, Zimriermann-Dresden, Dr. Strhlich-Kassel, Kühne-Brrlin. — Der Vorsitzende Dr. König hebt hervor, daß für die Versammlung Ei'triiiSkartcn nur in beschränkter Weise und nur an Gesinnungsgenossen auügegeben seien. Er weist darauf hin, daß cs haupisächlich zwei Punkte seien, mit denen sich die Beisammlung zu befassen hätte: l. ein gemeinsames Parteiprogramm aufzustellcn und 2. darüber zu beschließen, ob die Partei einen ankern Namen führen solle. Herr De. Förster-Berlin habe voigeschlagen, die Partei »deutsch sozial" zu nennen, während von anderer Seite der Name „freie deutsche Parier" vorgeichlagcn sei. Es wird hierauf ein von den Herren Förster, Fritsch, Liebermann, Slehlich und Dr. König verfaßter Entwurf, enthaltend die Grundsätze und Forderungen der antisemitischen <deutsch>sozialen) Partei, verlesen. Er besteht au» 18 zur Annahme gelangten Paragraphen, von denen wir die wichtigere« wegen der Widersprüche und Curiosität hier abdrucken: 1. vir wünsch« völlige Glauben», und Gewtsse»«sreiheit. (!) Alle Gewisse,il-Ueberzeugungen, auch der außeihalb der Religion«- geüosseuschasien stehende» Leut', soweit sie nicht gegen da» Gesetz verstoß«, haben Anspruch auf Duldung uno staatlichenSchutz.(?) 2. Bo» alle» Bürgern u»d gesellschastlich-n Verbinden, wie vom gesammt'N Staate verlangen wir eine sittlichere und idealere Anschauung von Berus, Pflichte» und Rechten, al« diejenige ist, die namentlich seit zwei Jahrzehnten zum großen Schade» unsere» Bolle» um sich gegriffen hat. 8. die ontsemliische dentsch-suziale Partei steht auf de« Bode» der Reichäversassung. 7. Die antifenitifd) deutsch-soziale Partei stellt in den Lordeegrund ihrer Bestrebt»»«« die Ju densrage. Sie sieht in der Judenfrage keine bloße Rassen- oder Reliuion»frage, sonder« eine Frage iniernationalen und nationalen, sozial-politischen und sittlich-religiösen Lharaller«. Auch in einem deuisch-sozialtftisch eingerichteten Staate würde da» Judenthom, deffe» ganze Geschichte die Unmöglichkeit seine» Ausgehen» rn den Böllern beweist, der Pfahl In unserem Fleische sein und durch seine bist» Triebe und Einflüsse unser Bolk zerfressen und verschlechtern, unsere Gesetze und Ordnungen durchlöchern. Die deutsch-soziale Partei erachtet e« daher für ihre Pflicht, de» volktschädlich« und staatögesöhrlichen Einst ß de» interuationalm Judenihum« aus allen Gebiete» de» öffentlichen, gesellschaftlichen und wi'chschastlichen Leben« «tt gesetzlichen Mttln z» belönpftn, da» deutsche Soll über die Judengesahr aufzuklürc» und die Regierungen zu» Abschlüße internationaler Bereindarungen gegen die gesahrdrohende Anhäufung de» jüdische» Kapital» zu dränge». U« Licht darüber zu virbrerten, ob in de» für die Juden verbindlichen Relia onlleh ea Tlaattgesährlichkeit enthalte» ist, müßte baldigst voaStaa »wegen eine wlffenschaftlicheUniersuchunglbehörde rurUeber» setzuag de» Talmud, uud der^ in der jüdische» Litteratur oiedergeleglrn religiösen, rittr llen und moralischen Borschristen eingesetzt «erdea. Die soziale Reuordnung aus dem Boden der Berus»kreise »nd Erwerblstände soll e» diesem ermögliche», sittlich untaugliche Bestandtbelle von sich sernzuhalte», iaöbesondere sich von dem An» dringeu te» gudent^rw» durch da» Recht der freien Aufnahme und dnrch Ehrenaerich'e ftei zu halten. Al» ihr Ziel saßt die deutschsoziale Partei die Aushebung der Gleichberechtigung und Stellung der Juden unter Fremdenrecht in Deutschland In'» Auze. Die ->u»füdrung der letzteren Maßregel würde in letzter Linie folgende Wirkung für die Judn haben: Die in Deutschland lebende» Jude» dürfe« nicht Richter, Advokarm oder Aerzte Mt Beamten-Eigeaschaft sein. Jüdstche Ae vokal, n sind nar znläs>«g beim Rechtdstreit zwischen Juden, jüdische Lebrer uud Aerzte und für jüdische Schulen und jüdische Familie». Jude» haben weder aktive» »och passive« Wahlrecht bei ftaaUichen »Ser kommaualen Wahlen Jude», al» gerichtliche Zeugen, dürfe» nur aus den streng rituellen, jütischen Eid vor ei»,m Rabbiner vereidigt werden. Juden können nicht al« Geschworene oder Schöffen sitzen »der sonsttge deutsche Ehrenämter bekleiden. Die Jude» sind vom Dienst im deutschen Heere au«- aeschloffrn, dafür entrichten sie eia» von der beneff-ndeu jüdischen Gemeinte beizutreibeude Kopfsteuer. Die Juden werden vom Sraa'.e in Aulübung ihrer Rrligioa und reltgrösea G-bräuche geschützt, soweit dieselben nicht öffemliche» Aergernch erregen oder gegen die Gesetze de« Lande» verstoß«, wie z. B. die Ttzierquälerei de« Schächten». Die Au»übr»g aller gewerblich« Berustart«, Handwerk, Fabrikarbeit, selbftthätige Ausübung der Landwirthlcha't re., aller Art« de» Handel», abgesehen vom Hausineewerbe, bleibt d« Juden grsta tet. venu auch nun diese durchgreifend« Maßnahmen stet» i« Auge zu behalten find, so «llffen auch folgende vorläufig unerläßliche» Maßregel,! dankbrr angenommen werden, al«: Au»- weisuu, der nicht natnralifierten Juden. Berbot der Judeneinwau» derung von Osten, Beschränkuni der Juden In der Zulassung zu obrialeilichei Stellen re. rAie stimmt da» mit K I und 3?) 1s. Jüdische Kaufl ute dürfen nicht Mitglieder der Handeltkammern sei». 18. Die deutsch-soiiale Partei hält eine grundsätzliche Abkehr der staatlichen Finanz-Ber oaltung von dem Borgsystem für dringend gebot«, damit Dwtich'and vor dem in enzelnm Ländern bereit» in verderblichst r Weise hervottretevdeu Einfluß de« jüdischen Großkapital» aus die Reastrungen bewrhrt bleibe. Nun kam die Aenderung de» Namens zur Besprechung. Der von Förster gemachte Bo!schlag, die Partei „Antisemitische, deutsch - soziale" zu nennen, fand einen heftigen Gegner an Böckel. Die Abstimmung ergab die Annahme des Anträge» Förster mit 110 gegen 72 Stimmen. Böckrl erhob sich nach Verkündigung de» Resultat s und protestierte gegen diesen Beschluß. Zugleich forderte rr die 72 Gegner der Aenderung auf, den Saal mit ihm zu verlassen. Dieser Aufforderung folgte jedoch nur der kleinste Theil derselben (18 Herren), während die Zurüctbleibendea ihre Mißbilligung über da» Auftreten Böckels zu erkennen gaben. — Zum Schluß folgte ein- Resolution zu Gunsten Stöcker'». Ztzochnm. AuS den Debatten und Abstimmungen auf den Antisemitentage konnte man deutlich zwei Richtungen heran »erkennen, die zahme, verschleierte, gefärbte, die den AntisrmniSmu» salonfähig zu echiltrn bestrebt war, damit er in den Augen der Behörden Gnade und Begünstigung fände. — Das Haupt di-ser Richtung war Dr. Förster, der deshalb auch einen andern Namen zur Verschleierung beantragte und ein lange» Programm vorlegte, welche» auch den Forderungen der Agrarier. Zünftler, Konservativen und sogar den Sozialisten recht wurde. Da» Haupt der andern, unabhängigen, nicht nach Oben schielenden und liebäugelnden Richtung war Dr. Böckel und seine wenigen Getreuen. Au« der Generaldiskussion sei hier noch ein Stück über die „getauften Juden" zur Beherzigung für diese mitgetheilt: Böckel vermißt in dem Programm die Erwähnung eine» Erkennungszeichen» für Juden: soll man ihn an der Raffe oder der Religion erkennen? Wenn die Judentause al» maßgebend für die Umwandlung eine» Juden in einen Deutschen angesehen wird, so würde, wenn einmal die vorgeschlagenen Grundsätze durch irgend eine parlamentarische Körperschaft angenommen werden würden, eine Masseataufe der Juden erfolg«. Wie e» in Ungarn uud in Vien geschehen ist (?) und wie e» immer geschehen wird, wenn den Juden durch die Taufe wtrthschaftliche Bortheile erwachsen. Der getaufte heuchlerische Jude sei aber zehnmal schlimmer, al» der orthodoxe Jude. Rach Heiner Meinung wird durch die Judentause de» Juden Thor und Thür zu den höchsten Aemtern bi» zum Ministerposten aeöffnet. Werner-Kassel hebt die Roihwendigkeit der Betonung de« Kampfe» gegen die fKoffe und Ration, nicht gegen die Religion hervor. Böckel führt au«: Mit getaufien Inden habe man üble Erfahrung gemacht; e» hätten solche schon selbst in der Bewegung gestanden, natürlich um dieselbe nachher zu mißkreditireu. — Ein gewiffer Kobel (Berlin) stellt in Abrede, daß sich ein Jude au« religiösem Bedürfniß taufen ließe, und fordert die Aufnahme eine» Grundsätze», wonach der Jude, wenn er Übertritt, erst in der dritten Generation staatlich gleichberechtigt wird. Dr. Förster ruft: Wolle» Sie den» Nadau»v«ttfe»tre« bleibe»? Hierauf wird die Generald!»kussion geschloffen und eine Resolution an- Senommen, welche die Gegensätze zu vertuschen such« soll: .Der deutsche Intisemiteutag sieht in der Judenfrage keine bloße Raffen« oder Reliaiontzfrage, sondern eine Frage inie«ationalen und nationale», sozialpolitischen und stttlichreltgiösen Ehnrakter».- A«» Na» V»i§1k««tze. (Or^Eor. — Schluß.) Daß auch rch für Trennung von Kanzel und Katheder bin, brauch« ich wohl hier nicht zu wiederholen, ich Hab« e» oft genug in meiner Artikelseiie „Zur jüa. Lehrerftage" hervocgehoden, doch ist die» s.lbstredrnd augenblicklich nicht überall durchführbar. Oder soll die kleine und mittlere Gemeind« ganz de» GotleSwortes — also der Predigt de« ersten Faktor« im GottrSdiensie — ermangeln? Ich glaube» daß mau heutzutage nicht mehr an der Unrntbchriichkcit der Predigt zweifelt, und oatz demgemäß jede Gemeinde di« Predigt an jeglichem Sabbat — natürlich muß da auch mehr