Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5369809-5935066-5956588--7152-5373200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 178 — »nwirklicht tDfrbfn sollen, so sind r« vor Alle» dir Leibe«- llbungen, die seit dm Togen de« Altherthum« als da« wächligste Mom-nl für eine harmonische Entwicklung de« ganzen Menschen, für Ausbildung de« Körper« wie de« Ehorocte,« bewährt sind. Haben wir doch auch in den EestSkrieoen genugsam di« Eifolge von Jahn« und it« Erziehung gesehen. Bis jetzt aber ist un« die Ge« -eit dazu, wie schon bemerkt, fast vollständig verschlossen. Darum mutz unser Verein zunächst eine Pflegestätte sein für Blich« Leibeeübuna wie Turnen, Fechten, Ruder«, Schwimme«. ir müssen da« Odium der Feigheit Und Weichlichkeit, da« auf un« loste«, m>t oller Energie zurückweisen, indem wir zeigen, daß jedes Mitglied unsere« Verein» sich mit jedem christlichen Commilitonen in jeglicher ritterl'cher Uebung meffen kann. Mit der wirklichen körperlichen Kraft und Gewandtheit wir» auch das Selbstvertrauen und die Selbstachtung wachsen, und niemand wird sich wehr schämen, ein Jude zu sein! Und für dieses Selbstvertrauen und diese Selbstachtung doffeu «ir die sicherste Grundlage zu gewinnen durch d«S Studium der jüdischen Geschichte, durch eine ge» «allere Kenntniß der Leiden und Thaten unserer Vorfahren. Gemäß dem zum Ganzen strebenden Charakter unsere« Verein» werden wir e« uv« auch zur Aufgabe machen — im Gegensatz zu der immer weiter um sich greifenden Zersplstterung in Spccalfächer — die allgemeinen Grundlagen nnd den Zusammenhang oller Wissmschast zu berücksichtigen und zu pflegen. Solch' ernste« Arbeiten an unserer Erziehung wird un« befähigen, die hohen Zele, die wir un» gesetzt haben, zu erreichen. Wer je die Beschimpfung de« jüdische» Element« mit bittere« Schmerz al« seine eigne empfunden, wer je durch die schmochvollen Frevel, die jene Bewegung gezeitigt, in seine« Gerechtigkeitsgefühl verletzt worden ist, wessen Blut jv»«l« aufwallte der den Verleumdungen, mit denen «an ' »»« überschüttet, bei dem Haß, den mau »»« entgrgenträgt, der möge bedenken, daß sich hier eine Aussicht auf rin« bessere Zukunft bietet, und denen ihr Juterrffr nicht versage», die chre ganze Energie, ihre Jugrndkraft für diese« Unter» «rehmrn «inzusitzrn entschlossen sin». Ja. e« ist ein Unternehmen, da«, wenn e« gelingt, eine größere Bedeutung al« dir einer Selbsthilfe habe« wird. Die Stellung, welch« die jüdisch« Minorität der christliche» Majorüät gegenüber eiuv raunt, ist ein Maßstad für de« G>sinnuog«ad»l eine« Bolle«, und in diese« Sinne scheint e« die kulturgeschichtlich« Misfiou de« Jude» zu sei»: De« Volke, dem r« augehvrt, die Achtung vor de» lieberzengungen And«rer zu lehren. Unsere Vorfahre« haben in den finsteren Zeiten de« Mittelalter« de« Pöbel« roher Gewalt, de» Scheiterhaufen der Inquisition getrotzt und find für ihre» Gla»de» — die ersten Vorkämpfer der Gewissensfreiheit — »»thig in den Tod gegangen. Sie kämpfte» dabei ein« hoffänng-) losen Kampf gegen de» Geist ihre« Zeitalter«, welcher derjenige der Intoleranz, de« GeisteSzwang«« war. Wir Rachkomme« r> in der glücklicheren Lage, indem wir f ü r unsere Rechte die Schranken treten, im Geiste unserer Zeit, im Geiste de« Jahrhundert» der Anerkenn««- der Menschenrechte zu kämpfen. Dieser Gedanke wird unsere Kraft erhöhen, in diesem Zeichen »erd«» wir siege». Wir schreiten unentwegt durch Finstermß z,m Licht: der Geniu« de« Jahrhunden« trägt «» die Fackel voran I" Auf dieser Grundlage wurde am 23. Oktober 1886 die Verbindung „Vraärinain« Leben gerufen. Rach kurzem 8estehen legte» chre Mitglieder Mütze »nd Band an, u« mich äußerlich jedem al« da« kenntlich zu fr«, wa« sie sein wollten, al« Kämpfer für die Gleichberechtigung de« Judenthum«. Wenn auch die weitgehendrn Hoffnungen der Begründer nur zum ' tu Erfüllung gegauge» fftch, fo habe» doch die Erfahrungen der nunmehr verstrichenen fünf Semester die in der Denkschrift niedergelegten Anschauungen in so manchem Puvfte vollauf beliätnt. Der AntistmitiSmu« zunächst war auf» Reue mit w'ldem Sturm in die politische Arena getreten, wer ihn für erstickt hielt, der mußte die D nge, die er gerade in BreSla» mit zu erleben hatte, eme« bifferen belehren. Dir christlichen Verbindungen verhielten sich noch nach wie vor ablehnend gegen die Aufnahme jüdischer M't ,lieber. Und dir jüdische« Studenten selbst haben nur zu sehr da«, wa« dir Denkschrift von ihnen sagt, bewahrbeitet Während die einen, die politisch über weisen daran festhirlten, daß man sich nicht ausschließen, also auch nicht zuiammenschließen dürfe, scheuten sich die andern, selbst wenn sie die Tendenz der Verbind»»« billigten, für eine so schwierige Sach» persönlich einzutrete». Unverändert dauerte bei einem großen Tyeile die alte Indifferenz, wo nicht Abneigung gegen alle«, wa« jüdisch heißt, fort. Trotz dieser keineswegs glänzenden äußeren Eifolge kann sich die Verbindung doch rühme», daß ihr Wirken kein vergebliches und mutdlofeS gewesen ist. U zweifelhaft hat ihr offene« und rutschirdenes Auftreten al» Juden dazu beigetragen, die Achtung vor »nt Juden in christlichen, akademischen und nichtakademisch»» Kreisen zu erbötzrn. Der eifrigen nach innen gerichteten Thängknt hat jede» ihrer M t» glieder eine Festigung de« Eoaracier« und eine auf »rm sichere» Grund« der Urberzeiigung ruhend, LcdenSanschauung zu verdanken, die ih« auch fernerhin beiähigen wird, für die volle Gleichberechtigung und eine gerechtere Würvigung de« jüdische« Element« zu wirken. Mögen die j idijchea Studenten an a l l e n deutschen Uni» versitätea den Grundgedanken der hier abgedruckien Denkschrift eine reifliche Ueberlegung, Würdigung un» Behnz'gung an» grdrihen loffr» zu ihrem und d.« Judenthum« H.il! Gerichte «rd Eorrefpo»de«jerr. Dewtsrhlaud. Stacft*. In sehr entschiedener Weise «immt die offizielle .Souserv. Korr." gegen eine« oon Dr. König-Witten im Anftrag« der .rheinisch-westfälischen Reform-Vereineer» laffenen Ausruf zur Abhaltung eine« .Deutscheu Anttsemiteu» tage«- Stellung. Da« genannte Parteiorgan theUt eine Stelle au« der auttsemitischen .Deutschen Wachtmit und fügt hinzu, daß .diese Stelle nur eine einzelne Probe vou den Schimpfereien giedt, welche jede Nummer de« eben erwähuten Organ« der deutsche» Reformpartei in gleich.r Fülle enthält-. .Unter Zugrundelegung von maßlosen Unwahr» heiteu uud Erfindungen werde» die ,Lohu»srrvativeu- — so wird di« Partei stet« genannt, — de« Zusammenwirken« mit alle» dem Judenthum zur Last gelegttu Schlechtigkeiten beschuldigt. Der Redakteur der Zeitung, ei« grwifser Zimmermau» au« Dresden, wird i» dem erwähnte» Aufruf de« Dr. Köuig-Dttteu ausdrücklich all .hervorragender Antifemitbezeichuet. Derselbe ist Deutsch-Katholik uud will mit der Philosophie von Schopenhauer, man weiß nicht genau, ob dtt Jude« oder die kouservatioen Elemente i« Staatt au«- rotte». Di« deutsche Reformpartei könnte mau um solche große« Männer beneiden. Daß sich unter diesem Antisemitt«- mul nur «in rohe« Demagogenthum verbirgt, brauchen wtt wohl kan» »och zu bemerken.- Die .Nordd. Allg. Ztg." giedt diese Kundgebung mit sichtlichem Behagen wieder und bekundet damit, daß ihre Hiutrrmänner jetzt nicht« mit deu Antisemiten zu schaffe» haben wollen. Merk», 1. Juni. Dir Gesellschaft zur Verbreitung de« Handwerk« und de« Ackerbaues tratet de» Juden in preußische« Staate, welche fett 1813 hier besteht, hielt gestern ihre JahrrSverfammluvg ab. Die Gesellschaft zählt 415 Mitglieder, danraler 45 Heradwerker. Augenblicklich sind 77 Lehrlinge ftl dauernder Pflege der Gesellschaft gegen 89 t« Bor- 24 hau«, im Lauf, de« Jahn« anSgrttrut, 13 fiud