Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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177 wahrhaft im Geiste Gotte» lebt, versäumt weder die großen «och die kleinen Pflichte». Da» ist, wo» die Schrift lehrt: Jede» Boit, da« ich Euch gebiete, beobachtet e« zu thun. Aber wa« nun folgt, scheint die Religion zu einem Zustand« der Starrheit zu verurtheilen, und Starrheit ist Tod, und Religion ist Lrten und Bewegung. E» heißt: „Du sollst daran nicht» vermehrrn und nicht» vermindern." Die Geschichte de» Judenthum« zeigt un» in Wahrheit, daß da» Judenthum Umwälzungen zu bestehen hatte, bet der viele in der heiligen Schrift verzeichnet« Gebote geopfert worden sind. Ein weiser Meister hat 613 Gebote und Verbote au« der Tora herau-gezählt; viele derselben galten d n Rabbinen al« a» den Tempel von Jerusalem, vi,le als an da« Land Palästina gebunden und werden jetzt nicht mehr befolgt. Wir lesen die Borschristen über den Opferdimst, um darau» erbauliche Lehren zu gewinnen, nicht um ihn auSzuübm; wir lesen die Gesetze über den Ackerbau und Alle«, wa« daran sich btüpft, um darau« die Weisheit zu fchöpfeo. wie Moseh sociale Schäden verhütet, oder in ihrer schlimmen Wirkung geschwächt Hot; ober wer heute Acker erwirbt in diesem Lande, ist nicht gehalten, sich nach diesen Gesetzen zu richten. So sind die Gebote vermindert worden, ohne daß da« Judenchmn ausgehürt hätte, seine Genoss«» sittlich und religiös zu erziehen. Und Jedermann weiß, wie der Ta l m u d die Gebote v ermehrt hat. Boa vielen Satzungen, die wir jetzt befolgen, sagt der Talmud selbst, daß sie nur in lose« Zusammenhang mft der Schrift stehen, „daß sie Bergen gleichen, die an einem Haare hängen." Wir sehen sonach, unsere Religion hat entsprechend dem Weltgesetze -der Entwicklung, seit den Tagen! de» Sinai Arnderungen erfahren, indem sie Satzungen abstieß, die in den veränderten Zeiten nicht mehr zu erfüllen waren, indem sie neue Einrichtungen schuf, di« ihre Bewährung holten au» dem Geiste der Religio« und die mtt dem Buchstabe» «st nur lose, zuweilen garnrcht zusammenhinge». Wa» aber hat Moseh bezweckt, «l» er ermahnte, nicht z« mchren und nicht zu minder»? Der Talmud giebt un« darauf durch einige Beispiele eine ganz konkrete Antwort. Er sagt: e» ist festgesetzt, da» i« den Tephillin vier R.llrn mit Schriftstellen sich befinde» sollen, daß da» Feslgewinde am Sukvth au» vier Arten bestehen, das: der Priestersegen äu» drei SegenSformeln bestehen solle; nenn nun einer auf den Gedanken käme, fünf Rollen in die Tephillin zu legen, oder fünf Pflauzenartrn in dm Frststrautz zu winden oder vier Formet» beim Priestersegen auzuwrnde», dann versündigt er sich gegen da» Gebot: Du sollst nicht vermehren; im entgegengesetzten Falle verstößt er gegen di« Satzung: Du sollst nicht vermiadero. Also «ur gegen dm Eigensinn, der Wider die allgemeine Satzung sich auflehnt, der um jeden Preis gern etwa« Besondere» für sich haben möchte, um auffällig sich von den Uebrigm zu unterscheiden, gegen diesen gefährlichen Feind religiösen Leben» weichet sich da» Mosi»wort. Nicht für alle Zeilen die Entwicklung de» Judrnihum» hemme» wollte der weife Meister; denn dazu genügt nicht, daß Gott unveränderlich ist, auch da» israelitische Volk hätte e» sein müssen; aber er wollte sagen: e» muß zu allen Zette» eine allgemein gültige Ordnung, eine anerkannte Autorttät geben, der der Einzelne sich unterordnet. La dieser allgemeine» Ordnung soll der lkinzelne nicht willkürlich ändern; er kann (nach der tulmudische» Erläuterung) seine abweichende Meinung äußern, jedoch iu der praktischen llebung muß er Resprft haben vor dem Gesammtwillen. Da« ist einer der schwersten Schäden de» gegenwärtigen Judenthum», daß diese allgemeine Ordnung selbst von den Hütern de« Gottetwortr» oft ohne Roth durchbrochen wird; auch bei geringen Dingen sollte alte» Herkommen nicht so ohne Weitere» umgestoßm werden, sondern, wenn e» angeht, die llebereinstimmung Vieler herbeigeführt werden, bevor wir selbst eine noch so wohlbegründete wisievschaftliche Meinung in die Thal umsetzen. Wa» nur bn Einzelne oder die einzelne Gemeinde unternimmt, hat d-n Eharakter der Willkür oder de» Revolutionär:«; ihnen ruft Moseh zu: „Du sollst nicht mehren, Du sollst nicht mindern"; darum braucht auch eine berechtigle Neuerung die Sanktion durch eine große Gesammtheit weiser und religiöser Männer, um heilsam zu wirken. Ueber jüdische St»de»te»verbind«»ge«. (Schluß 1 Wir sehen die Einwände, die man unserem Vorschläge machen wird, vorou»: „Nicht abschließen dürft ihr euch, nicht di« Gegensätze hervorkehrrn; ihr müßt bestrebt sein, die Gegensätze zu verwischen, euch jenen zu assimiliren." Nun, diese» Mittel ist wahrhaftig nicht unversucht geblieben. Jene» Streben, da» oben gekennzeichnet wurde, da» Streben, mit christlichen Eommilttonen zu verkehren, ihren Umgang dem der GlaubmSgenojsm vorzuziehen, ist.e» nicht der unzweideuttge Ausdruck de» Wunsche», sich jenen zu assimiliren? Aber diese Bemühungen haben hier, wie in anderen Kreisen, nicht den erwünschten Erfolg gehabt. Statt un» ihre Freundschaft zu erwerben, hat die Verleugnung unsere» Selbst« nur dazu beiaetragcn, d:e Achtung zu zerstören, die ein fester Eharaetrr auch d:m Gegner abzwingt. Wie wir »n« auch bemühen werden, wir werden e» ihnen niemals recht mache«. So bleibt un« nicht» übrig, al» e» un» selbst recht zu machen und mit vereinten Kräften uv» gegen den Ansturm zu vertheidigrn. Wir vertreten aber dabei den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Bewei» dafür lief««, daß wir Jude» und zugleich Deutsche im währen Sinne de» Worte» sein können. Wir wollen un« zu Männern erziehen, die all« Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mtt unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit mttarbrttrn. Ein Zusammenschluß der Juden bedeutet keinrSweg« einen Abschluß nach außen, wir werden dm Verkehr mtt unserm christlichm Lommilitonm keineswegs abbrecheu. Wendm wir un» doch nicht gegen dir Ehristm al» solche, sondem nur gegm antisemitische Uebergrifle. Eine solche Haltung ist durchaus nicht ohne Vorbild. Habm sich ja schon andere Kreise, wie die jüdischen Logm, zusammengeschlofsm, ohne daß deshalb der Verkehr mit dm christlichm Mitbürgern Schadm gelittm hätte. Ein zweiter Einwand wäre der» daß zur Bekämpfung de» Antisemitismus am zweckmäßigsten alle tolerant Gesinnten. Juden sowohl wie Christen, vereinigt würden. Dem ist aber entgegen zu halten, daß ein solcher Verein doch hauptsächlich Judm zu seinm Mitgliedern zählen würde und demgemäß die oben geschilderten Uebrlstände solcher Verrinigungm sich voraussichtlich wirderholm müßten. Uebrigm« sind auch ronfessionell abgeschlossene Vereine an der Universität nicht ohne Beispiel. Wir erinnern hier nur an die hiesigm zwei Katholikenvereine, die sich bekanntlich eine« großen Anhänge» und we treichendm Einflusie« rühmen könnm. — Wmn e» sich nun um die praktischen Zwecke de» Vereinig handelt, um die Mittel, mit denen jene Prtncipien und Zielx