Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Die Chttoiitehutft i««erhalk der Religion. 3«« Schobnot Aefte. Wenn MeS auf Erd« de« Wandel uutnlege« ist, wenn daS ganze Dasein einem Strom vergleichbar ist, in dem eine Welle die andere treibt, wenn die Menschheit nie still steht, sondern an jedem Tage fast ein andere« Bild u»4 zeigt, so ist er natürlich, daß auch der religiösen Vorstellungen in stetem Flusse sind, daß auch dareligiöse Denken und da« religiöse Leben in verschiedenen Zeiten sich verschieden gestaltet. Gott, der Urquell und der hohe Inhalt aller Religion, ist unveränderlich; er ist erhoben über Zeit und Raum; bei einem Wesen, wo der Begriff drS Werdens und Entstehens ausgeschlossen ist, ist auch «in Wechsel und eine Veränderung undenkbar; Gclt ist ewig derselbe; aber Gott ist zu groß, um auch von dem Weisesten völlig erfaßt zu werden. Jeder einzelne Mensch bemüht sich, sich zu Gott in ein besttwmtrS Verhältniß zu brrngen, und da nicht zwei Menschen sich völlig gleichen, so hat Jeder gleichsam einm ander» Gott, denn so wie der Mensch, so sein Gott.*) In Jedem von un« wandelt sich fern Gotte«begriff auch je nach den verschiedenen Altersstufen, die er erreicht; daS Kind Hot vielleicht die lieblichste, frrundlichste Vorstellung von der Gottheit, eS ist oft rührend zu beobachte», wie da« Sind, dar die einfachsten Dinge kaum noch soffen kann, sich mst diesem unendlichen allumfaffenden Gebar ken auSeinaoderzusetzeu sucht, wie Gott au« oll seinru Himmeln hinabstrigt und sich einbürgert in solch einem engen KindeSgemüth. Aber wie die junge Menschenknospe heranreist, so werde» a»ch die Gedanken reifer; di« Fruchr ist nicht so lieblich wie die Blüthr; so stad di« männlichen Gedanken ernster und bei weitem nicht so schön and aamuthig, als die kindlichen; dennoch fft die Fracht der Zweck der vlüthe, und die männliche Reife eine bei weitnn höhere Stufe al« da» kindliche Knosp«. Wirft nicht selbst unsere Stimmung, unsere LebenSerfahrnog auf unfern GotteSbegriff zurück! Gewiß, der Mensch soll nicht da« Opfer seiner Stimmungen, sondern chr Beherrscher sein, er soll seinen Verstand Uar halten, wenn Trübe« auf ihn eiadriugt, er soll sich nicht blenden laffe», wenn da» Licht der Freud« ihm hell in'« Auge sttahlt; aber selbst tüchtige und frstt Eharaftere sind dazu nur bi« zu einem bestimmten Grade fähig. Unsere Erfahrung, je nachdem ste hell oder dunkel ist, giebt ihr Kolortt unserer Gottr»oors1elluug. denn in dieser Lorstklluug verdichtet sich gleichsam unser ganze« Denke» and Empfind», npd wer ein rechter Menschenkenner ist, der braucht nur zu hören, wie einer über Gott drnft, und er kann sich ohne Schwirrigkrst ein Bild von dem ganzen inner» Leben de« betnffenden Menschen machen, in seine» .Rede» über Gott hat er unwillkürlich eia Konterfei seine» Selbst geliefert, hat er ei» Spiegelbild seiner Seele gezeigt. Au« alledem folgt, daß e« nur Geschichte der Religion giebt, nicht nur ihrer äußern Schicksale, sondern ihrer inner» Entwicklung. Gott ist «noerändrrlich, die Tora ist noch heut dieselbe wie vor Jahrtausenden. Dennoch ist da« Judenthum in Form und Wesen heut« *) Da» ist auch der tiefere Sin» de» '«tidraschische» Satze«: ytö Dv *nx rrwj ,vapn ander« wie "vor hundert Jahre», ja e» wird zumal in ' Zeit, wo die nationalen Eiqenthümlichkeite» stärker hervortreten. wo jede« Volk Gewicht darauf legt, seine Eigenart energisch anizubüden, auch von den mannigfachen Volks» sttömungrn beeinflußt und trägt in dem einen Lande ein andere» Gewand al« in dem andern. ES giebt eine religiöse Partei, w.'lche sich die Orthodoxen nennt, welche ihre Aufgabe darin setzt, die religiösen Ueberlieferungrn der Väter auf's Strengste bi» in die geringfügigste Einzelheit festzuhalten. Aber könarn diese Leute mit Erfolg sich gegen den Sttom der Zeit stemmen? Hat dieser Strom nicht auch sie umspült und Manche« hinweggeschwemmt, da« den Vorfahren heilig war? Der beschränkte« Anschauung früherer Zeiten galt schon einer, der eine» kurzen Rock trug, für abtrünnig; unsere Orthodoxen von heute kleiden sich ohne Gewiffensscrupel nach dem neuesten Schnitt; höhere Schulen zu besuchen, dort ftemde Sprach« zu lernen, gall in der Vorzeit für sündhaft; von solcher finsüm» bildung-feindlichen Bigotterie stad G. s. D. deute auch unsere Strengsten frei »ad bringen so, ob sie auch sich sträuten, dem neuen Geiste ihr Opfer. Wie da» Meer hier an der Küste Stücke abreißt und Stätte in seine unmittelbar« Näh« bringt, die ursprünglich abseil« de« Meere« standen und wie an anderer Stelle wieder da« Meer die Küste vergrößert und neue Sandmaffeu an» schwemmt, sodaß Stätte, die vor Zeiten hart am Ufer standen» jetzt in der Mitte de» Laude« stehen, ganz so reißt auch der Strom der Zest am Gefilde der Religion hier Stück« ab und setzt dort neue an, daß e« nie sich gleich bleibt. Aber «in allbekannter Satz au« der heilige« Schrift scheint nicht ganz i« Einklang «st den Betrachtungen z« sichen, denen wir eben hier Ausdruck gegeben haben. Moftü spricht zu seinem Bolle kurz vor seine« Tode in jenem herzige» Tone, der dir Herzen öffnet nnd bi« zu ihrem Grund« dringt, in de« Tone de« Vater», der um sein Voll sorgt und der e» Voraussicht, daß alle Ermahnungen, so sehr sie i« Augenblick di« Gemächer erregen, nicht auf dir Dauer de» Rückfall in Sünde und bannt Unheil und Glend abhalteu werde«. Da heißt e« nun einmal: »Jede« Wort, da» ich Euch befchle, da« sollt Ihr beobachte» z» halte», daran sollt chr nicht« «ehre», daran sollt ihr nicht« mtudern." Unftoe Alte» erkläre» diesen Satz wie folgt: Jede« Wort, da« üch Euch befchle: „Ein leichte« Gebot soll Dir so theuer sei», al« da« schwere." Du sollst an Gotte« Wort nicht mäkeln, ufcht di« Gebote scheiden nach wichtige» und minderwichtigen, ff»« dern sie alle in gleicher Weffe mst gleicher Treue befolgt». Wir können freilich nicht leugnen, daß zur Entfaltung de« sittlichen Leben«, zur Errichtung de« Reiche« Gotte« dal Gebot, die Elter» zu ehren, west nolhwendiger all manche« andere fft, aber entbehrlich ist kein«, darum sollte kein« geriog» geschätzt und vernachlässigt werden. In einem stattliche» Hanse find vielleicht die am köstlichste» geschmückt« Rämue dir -StaatSzimmer, die nur seit« gesffnrt »erd«; sie sind, trotzdem sie die theuersten sind, wohl am ehest« zu entbehr«, aber all di« Zimmer, die einfachen und glänzend«. Hab« chr» Wach und gehör« z»m Ganz« eine« wohnlich« und gast--. " luh« Häusel; so giebt e« gläazmd« und schlichte Tugend«, Thal« de« Heroismus, die selten »oi an« gefottact werde», und «Bede -treuer Arbeit, di« täglich z» last« sind; »er . ' ----- *