Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 20.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 133 — »achte, den heiligen Willen Jesu» gekränkt hob,. San» ähnlich denkt und redet Schwalb; da» nennen d-e liberalen Pastoren Fanatismus gegen die Bekenner der Dreieinigkeit »ad spielen mit dem WorteFanatiSmu-Fargboll, denn derwavre ta„otitft ist zumeist nicht so autanig. nur in Büchern die nficht de« Gegner» zu geißeln, er geht dem Gegner an Gut und Amr, an Leib und Leben. Wir haben an» düsen Kritiken nur die Dinge berührt, die aech den jüdischen Leser interrisiren, besonder» mußten wir aus die unfreundliche Gesinnung Hinweisen, die selbst im liberal-kirchlichen Lager gegen Juden und Judenthum waltet. Die liberale protestantische Theologie ist von der Fu'cht behnrscht, daß die Kritk der christlichen Quellenschristen, wenn sie konsequent durchgrsührt wird, nicht viel mehr stehm läßt, al» da» alte Judenthum. Auch in der Bekämpfung de« Juden da fie« zeigen die Pastoren keine Spur jene» Ingrimm», den einst Kaiser Friedrich geäußert hat. Stöcker sieht den Herren Richter und Treblin in dogmatischen und in politisch-religiösen Fragen näher al» Schwalb. Oder sollte sich dies in den letzten Wochen geändert haben? AuS Oesterreich. Es gab eine Zeit im herrlichen Mittelalter, da hatte sich Oesterreich ob seine» damaligen praktisch und blutig bewiesenen Antisemitismus in der jüdischen Litteratur den Schandnamen B-HTl JHK „das Blutland" erworben. Die Hauptstadt Wien hat in jüngster Zeit den Versuch gemacht, diese alte Benennung wieder zur Geltung zu bringen und es liegt wahrlick nicht an den hochfürstlichen und hochgeiftlichen Leitern der judrnfeindlichen Bewegung, wenn die Rotten der „vereinigten Christen" nicht gleich ihren würdigen Vorfahren über wehrlose Juden mit Mord und Plünderung einhersallen. Nicht mehr die Fortschritte der Kultur, nicht mehr die zunehmende Bildung, sondern Bayonette und da» Mannlichergewehr fangen an Grundlage und Schutz unserer Existenz in Oesterreich zu werden. Es genügte nicht, daß der Antisemitismus im Lande sich al» hochverrätherisch, gntidynastisch und staatsgefährlich erwies; der hochfürstliche Jcsuitenschüler Prinz Liechtenstein erblickte in ihm ein treffliches Werkzeug für seine ultramontanen Zwecke und so wurde er trotz seine» rohen demagogischen Gewandes salonfähig. Da» „Vaterland", welches von dem officiellen Blatte der preußische» Regierung bei Gelegenheit des Todes Kaiser Friedrich'» „der Verlogenheit und des rohen Cynismus" beschuldigt wurde, ist das Leibblatt Sr. Durchlaucht. Das genügt! Wir erleben zwar eine traurige Genugthuung. Dieses Wien mit seinen verlogenen und charakterlosen Volkstribunen, dieses Wien mit seinen schreienden und johlenden Volksversammlungen, dieses Wien mit seinen aus Czechen, Liechtensteinern und vaterlandsverrätherischen Deutschnatisien verquickten Antisemiten hört allmählich auf, Bedeutung für Oesterreich zu haben. Der Handel stockt, das Gewerbe liegt darnieder, der Fremdcnzufluß hat aufgehört. Es herrscht eine bösarttge Pest in Wien und wen nicht Zwang treibt, der meidet insicirte Orte. Zum Saatenmarkt im August kamen iu Wien über zehntausend wohlhabende Kausleute zusammen. Der diesjährige Saatenmarkt wird nicht stattfinden, denn die Fremden fürchten die in Wien grassierende Pest. Traurig aber wahr! Unsere e.uzige fest« und nicht wankende Hoffnung bleibt der gerechte und edle Sinn unseres erhabenen und hochherzigen Monarchen. An diesem Felsen brechen sich die Wellen jener schmutzigen Brandung und fast demonstrativ erscheint im heurigen Mai-Avancement die Beförderung von mehr als 40 Israeliten zu höheren Offizierchargen in der Armee. Auch der gegenwärtige Justizminister scheint vom Geiste der Berechögkeit und Billigkeit beseelt und keineswegs gewillt, dem Fürsten Liechtenstein di« Schleppe zu tragen. Er wird sicherlich die Augen der fifo ... Staatsanwälte gegen die Verhetzung von Staatsbürgern, gegen die Beschimpfung gesetzlich anerkannter Confessionen etwas scharfsichtiger machen, als sie eS bisher waren. Bon dem Ministerpräsidenten Taafe haben wir Nichts zu erwarten, denn er ist aus inneren politischen Gründen gezwungen, sich die Gunst der vereinigten Christen und deren hochfürstlicher Führe: zu wahren. Eins thäte unS noch noth, dringend noth: von unseren Feinden zu lernen. Es ist ein trauriger Krebsschaden im Judenthum, daß wir es nicht verstehen, uns zu organisiren. Die besten und edelsten Bestrebungen verlaufen im Sande, weil sie nicht von einer Gesammtheit getheilt und getragen werden. Dem Katholikentage mit seinen unbestreitbaren imponierenden Eindruck auf die Massen, hätte ein Jsraelitentag antworten müssen, eine Versammlung von Notabel«, Gelehrten, Geldmännern und jüdischen Handwerkern aus allen Theilen des Reiches. Auf das wüste Geschrei der unzähligen Schmutzu. Schandblätter über die „Judenpresse" hätte mit der munisicenten Gründung eines großen, täglich erscheinenden, den Interessen des Judenthums gewidmeten Organs erwidert werden müssen. Im preußischen Culturkampf hat die Berliner „Germania" das Meiste zum Siege der Katholiken beigetragen. Die bestehenden jüdischen Wochenschriften sind dem Kampfe nicht gewachsen. Da muß fort und fort, täglich unv stündlich, gekämpft und gestritten werden, da muß jede Verläumdung augenblicklich entkräftet, jede Lüge sofort entlarvt, jede Anklage an demselben Tage noch untersucht und klargestelli werden. In Hunderttausenden von Exemplaren zum allerbilligsten Preise und wenn nöthig umsonst, muß ein echtes rechtes Judenblatt für da» beschimpfte und in den Koth getretene Judenthum einttetcn, dann wird es möglich sein, den ganzen Schmutz und die sittliche Verworfenheit unserer Gegner in ein klares auch der Volksmasse sichtbares Licht zu stellen. Unsere Waffen werden noch immer die besseren bleiben, weil wir in dem Kampfe für unsere soziale Stellung den Fortschritt gegen den Rückschritt, das Licht gegen die Finsterniß vertheidigen. ^ustriaons. Gerichte und Correfponderrze«. Deutschland. Aerki«, 10. Mai• DaS Curatorium der Lehranstalt für die Wissenschaft de» Judmthums vnüffentlichte jüngst den 7. Bericht, dem wir einige Notizen entnehmen. Die Zadl der Hörer belief sich zum Schluß de» Schuljahre» auf 28, da» AbgangSexamen legt einer, Herr Dr. Talglicht, ab. Dieser sowie noch einige der reiferen Hörer hielten beim Sadboth-Mincha-GotteSdienst homiletische Uebungen. — Au» de« Berzeichmß der Vorlesungen ersieht man. daß der hervorragendste Lehrer an dieser Anstalt Hr. Dr. I. Müller ist, der in 14 Stunden wöchentlich die talmudische» Fächer und die Werke der halachischrn Decisoren vorttägt, dann folgte Hr. Dr. Cassel mit 8 Stunden wöchentlich, der Geschichte, Exegrfe,Geographie, jüd. Kaleuderwesen und hebr. Stylistik unterrichtete; Prof. Steinthal 4 St. w. hebr. Grammatik und Religion-Philosophie und schließlich Herr Dr.Maybaum: Homiletik. — An Honorar wurden hierfür 9500 Mk. gezahlt. Die Einnahmen bettngrn 18564 Mk., darunter jährl. Beiträge 8341 Mk.; e» verblieb ein Kasseubestaud von 5959 Mk. Die Stipendienkaffe verfügte über 5320 Mk.; doch wurden davon nur 3872 Mk. verau»gabt, sodaß 1448 Mk. als Kaffenbeftand verblieben. Die Bibliothek wurde durch Ankauf (für 1207 Mk.) und durch Geschenke reichlich vermehrt. Der eisern« Fond» wurde von derWittwe M. Mau« heimer mit 1000 KL, von der Firma Kraft u. Lrvin mit 300 Mark bedacht, auch wurde» chm 2 Legate zuge» wieseu von 890 und 380 Mk. Sehr reichllch Possen die Betträg« zur Verwendung für laufende Au»gaoen.