Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 18. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 18.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5369809-5935066-5956583--7105-5373158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

eher würden wir dm Gemeindebehörden de« Le« rwpfeblev. der früher bei Rabbinerwahl« einoeschlag« wmbe, dm auch die Berliner Gemeinde bei der Wahl Anb'«, Geiger'« ei«, geschlagen Hot, Umschau, Nachfrage zn halte« und dann sich mit Lenen io Verbindung zu schm, die von hervorragmbm und kompetenten Männern empfohlen wurdm. Wie Geschäftshäuser, die xrünw-Laare führm, keine Reismdm ausschicken. so werden Minner, die etwa« auf sich halt'n und in guter, geachteter und gesicherter Stellung sind, nicht auf jede Anzeige in der .Lossiscken Zeitungsogleich ihre Zeugnisse einp-cken und sich zur Probepredigt, »ud, wa« weit unangenehmer ist, zu dem bekannten Gretch<n> examin bereit halten. Warum schlagen die Herren nicht dm Weg ein, den sie bei der Besetzung de» Postens eines ersten Korrespondenten, eine» Prokuristen für gangbar halt«? Die Schwierigkeit, die rechten Männer für Berlin zu finden, wird immer noch groß genug tleib-n. Die jüdische Gemeinde in Berlin ist die größte in ganz Dmtschland. und welche Fülle von In« telligevz ist hier vereinigt! Da mach» es sich nicht io leicht selbst »re in einer prößern Provinzialstott. daß der Rabbiner des Gemeinde imponirt. Es gledt in Berlin unter den Juden Gs. D. Redner, Gelehrte ersten Ranges, auch auf praktischrm Gebiete offenbart sich eine Einsicht, die mit der gelehrten Erkmntniß dm Wttkewps wagen kann; da ist rin Rabbiner nicht so rasch »Herr der Stadl-, wie der tal» «udische Ausdruck lautet. Aber sehen diese gelehrten und weisen Männer ihre Aufgabe darin, da« geistliche Amt zu heben und zeigen sie sich nicht vielmehr allzu hurtig, um es derabzudrückm und den Herren Rabbinern e« einzuprägen: wir sind euch mindestens ebenbürtig? Berthold Auerbach war bemüht, wie wir au» feinem Briefwechsel ersehen, überall die Autorität Geiger'» zu stärkm, obgleich das, waS Geiger'S Kraft war. die Gelehrsamkeit, ihm f.rn lag, und seine Reden weder durch gedankliche Tiefe noch durch Adel der Darstellung einen Aueibach befriedigen tonnten. So muß r» sein, .Heil dem Geschlechte, wo die Großen auf die Kleinen hörm-. In Berlin jidoch ist die Eirfluß» losigkeit und die rein ornammtale Bedmtuug der dortigen Rabbiner so flodtb.kannt, daß ein Gemeindedieuer in der keckm Berliner,Manier sie einmal .unsere gebildeten Hauskurchtenannte. Der Borstand und alle die führenden Geister müßt« daS rabbinischr Amt ehren statt eS niederzudrückm; eine Thatsache, wie die jüngst in diesen Blättern erwähnte, daß kein Rabbiner zur GebetbuchScommission gehörte, ist geradezu haarsträubmd. Die Rabbiner sollt« auch gerade in Berlin nicht so oft predigen, um gediegner zu predig«; die Herren erliegm »ntrr der Bürde der AlltagSgeschäste; darum sind die Leistung« auf der Kanzel nicht immer würdig dieser Gemeiude, diese» Gotteshauses, dieser größt« deutsch« Stadt. Und soll r« vielleicht »junge, talentvolle Männer in Dmtschland reizen, sich dem geistlich« Stande zu widmen-, wmn in Berlin, nachdem in früher« Zeiten nur Deutsche dorr al« Rabbiner amtitt Hab«, jetzt nur Ausländer daselbst da« radbinisch« Amt innehaben? Der Weg zur Universität ist für ein« deutschen Jüngling schwerer, al« für eiaru Sprößliug der interessant« Rationalitäten; unsere deutsche Ghmnasialoorblldung ist vielleicht etwa» zu schwerfällig; man kann möglicher Weise ein guter Rabbiner, ein guter Arzt, ei» guter Jurist sei», ohne den ganz« Ballast der deutschen Schule; aber Arzt und Jurist darf man in Deutschland nicht sein ohne diese Vorbildung; der Rabbiner, wenigsten» der Ausländer, ist dispensirt. E« soll durchau« keine Grenzsperre gegen Oesterreich «nfgerichtet werdm, aber der Prophet soll auch in der Heimatetwa« gell«. Schon al« »atio»alr« Zugeständniß sollte der sonst so nati«««le Herr Professor Lazaru» e« erbe», daß z« dm drei hochgmial« gegenwärtig« Rabbinern rlin« et» deutscher sich hinzugeselle, selbst wenn er an diese drei Männer nickt heranrrich« sollte. Man darf von einem Dmtschen nicht zu viel verlang«. Und wmn wir e« auch keinem Borstande verarg«, daß er sich über die religiöse Richtung de» Kandidat« informirt. so dürfen doch so nnlterfahrme Männer e» nickt vrrgeff«, daß ein Rabbiner vor allem ein charakterfester Mann sein muß, und daß Mancher nur deswegen zu Allem Ja sagt, weil er vielleicht gegen Alle« gleichgültig ist, oder weil er zu schwach ist, zu opponirm. WaS hat Berlin an Männern, die weich wie Wach« und schmieosrm wie junge Weiden sind! Daneben bleibt eS allerdings wahr, daß die jüdische Theologie im Rückgänge ist. Geiger. Frankel. Sach», Hirsch haben keine Nackfolg-r. Die jüdische W 'scnschrft geht jetzt mehr ii die Breite al» in die Tiefe. Zur jüdische« Lehrersrage. m. Wa» ist also nun zu thun? Es ist ganz daffelbe zu thun, wa» der preuß. Kultusminister gethan. und noch mehr: der Lehrerüberproduktion muß mächtig Einhalt geboten werden namentlich durch Aufnahme einer sehr beschränkten Anzahl von Präparanden in die Seminarien wie durch Verminderung der vorhandenen nickt existenzfähigen Seminarien, welcke ihren Zöglingen infolge dessen keine ausreichende AuSblldung geben können. Ich meine darunter die Anstalten, die bessere Schächter") al« Lehrer auSbilden. Die Seminarien sollen auch ab und zu die Präparandenaufnahmen sistieren und einen JahreSkursu» ausfallen lsffen, bis die Nachfrage größer g«word«. ES muß unbedingt ein Stillstand in der Lehrerausbildung eintreten, diese Züt sollte verwendet werden zur Verbesserung der allgem'inen Lage der jüdischen Lehrer, damit nicht noch immer Lehrerelend und Lehrernoth — und dies noch im letzt« Viertel des 19. Jahrhundert» — zur Tagesordnung gehör« und nicht ein Lehrerproletariat grobgezogen werde, da» dem sonst gerühmten WohltbätigkeitStrieb Israel» geradezu in» Gesicht schlägt. Die Nachfrage muß unter ollen Umständen erst größer werd«, al» da» Angebot. Man erwidere mir nicht, die Gemeinobrauchen ja auch schon Schächter und Eantoren, was sollte wohl darau» werden, wmn da rin Mangel rinträte? Darauf erwidere ich: daß die Aufgabe der Lehre, seminarien nicht dir Ausbildung von Cantoren u. Schächtern ist, — sollte jedoch an derartigen Beamte» Mangel sein, nun dann wird man auch hierin auf rationellere Weise al» bisher Rath schaffen müffen. Doch kann man gegenwärtig auch in dieser Hinsicht ganz außer Sorge sein, indem man auch mit solchen Beamten für Jahre hinaus versorgt ist. Also »lieb Vaterland magst ruhig sein-. Urbrig«» sind die Gemeinden gar nicht so penibel in der Wahl ihrer CultuSbeomten, sie nehmen auch solche (oft geben sie ihnen sogar den Vorzug), die nicht rite vorgebildet sind und lassen so nebenbei von dies« sauberen Herren der rdl« Zunft, hcrvorgegangen au« dem Handels» und Handwerkerstande, wenn» nickt oft gerade ein Ausländer zweifelhafter Sorte ist, u. die» all » — trotz Lehrerüberproduktion. Unsere zweite Forderung ist: daß unsere Lehrer» seminarien da» sein sollten, wa« ihr Name besagt: Anstalt« zur Au«bildung von jüd. Elementar- und RcligionSlrhreru, aber auch weiter nicht», und daß selbstredend nur so viele dieser Anstalt« bestehen bleiben, wie nach Anzahl der vorhandenen Lrhrerstellen ohne Rebmauit nothwmdig ist. Ich denke man würde dann mit einem aber höchstens zwei Seminarim größer« St:l« — wa» am empfehlenSwrrthesten ist — vollkommen aurreich«. Mit dem bvsher'gen Blvnag«- *) Sic kommt überhaupt eine Anstalt dazu, sich Lehrerseminar za nenne», di« Schichter ausbildet und dessen Zögling« später im Amte hauptsächlich Schichter sein müsien und die nur so nebenbei et, bische« AeligioalmUrrrichl ertheilen. Wahrlich, dies hat nicht wenia zur >crschlrchternng der Stellung der jüd. Lehrer beigetragen I (D. Berf.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.