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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 1. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 1.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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tonen, in Fletsch mb Blut aller seiner Diener und Unter« thauen überocht, ehe die Schmach des Antisemitismus nicht auf -iesthl, säubern durch Utberzeunung der Einzelnen, verschwindet, wirb noch manches schön« Jahr vergehen. Und diese lleberzengung von der Schändlichkeit des Antisemitismus in unsere» <8 kauern unermüdlich zu wecken und kräftig zu fördern, dazu rufe ich: »alle Manu auf Deck." Alle, die durch ihr Amt mit christlichen Behörden und deren Bdrtreieru in Verbindung treten müssen und dazu gehören vor Allen die 8 errer au öffentlichen Volksschulen, dazu gehören ferner auch die Herren Rabbiner, welche durch Ertheilnug des Religionsunterrichts au höheren Lehranstalten, in Wort und Schrift mit solchen Behörden verkehren müffeo, dazu gehören endlich die wenigen staatlich angestelltea Herren Laubesrabbiner. — I. Was können zunächst die jüdischen Lehrer zur Bekämpfung des Antisemitismus thun? »Das lieben und der Tod ist in der Gewalt der Sprache", so sagt ein herrliches Bibelwort, da» eiKeatlich der LKthlspruch eines jeden Lehrer« sein sollte. Die Sprache ist ja da« Hnuptwerkzeug unser » Amtes und darum sollte es auch txw Hauptwerkzeug zur Bekämpfung der Schmach unselig Baterlaades sein. — Es genügt indeß nicht, weun wir nur einem oder dem anderm christlichen Berufsgenossen gelegentlich einen wissenschaftlichen Bortrag über diese Frage, über deren Grundlosigkeit und Gründlichkeit halten. Rein, 'mit müssen: •) in amtlichen Versammlungen, b) in Lehrervereiueo, " o) bet öffeirtlichen Prüfungen, bei Schulfestlichkeiten, und Schulst »ziergängen, ck) im mündlichm oder schriftlichen Berkehr mit unseren christliänu Borgesetzten. «) durch unsere Mitarbeit in Fachzeitschriften, und immer wieder, wo sich die Gelegenheit bietet, diese Frage zur Sprache. bringen und mannhaft unsere Ueberzerguag verfechten. — f) in amtlichen BerfammlunPen (Konferenzen). Den jüliische» Lehrern an öffentlichen Volksschulen ist es nach den iesteheuden Berordnungen in Preußen gestattet, au amtlichen Bezirks« und Kreislehrer-, sowie an Seminar« louferenzea tlailznnehmen, doch sind sie nicht dazu befohlen, wie die christlichen Lehrer. Ich glaube indeß sicher, daß sich die Mehl zahl, wenn nicht alle jüdischen Lehrer, wenigsten« au den Bezirks« und Kreislehrer-Konferenzeu betheilige«. — Oft ist btt jüdische Lehrer daun der einzige unter 50 dis 60 christlichen Berufsgenoffeu, wenigsten« trifft die» bei wir seit nunmehr 10 Jahren zu. Welch' reiche Gelegenheit bietet sich nun bei diesen Versammlungen, den christlichen Lehrern, de« Vorsitzenden Kreis-Schuliaspector, dem Schul« rat, «der de« sonstigen erschienenen Vertretern der Behörden, »den Standpunkt Var zu machen". —^Natürlich muß dieses di bescheidener, dabei »der entschiedener und treffender Form geschehen. Leine Furcht, keine Richtbeachtnug, keine leeren Redensarten, — »das Lebea und der Tod ist tu der Gewalt der Sprache." — Ich will, statt allgemeiner Regeln, nur ein Beispiel au« meiner eigenen jüngsten Erfahrung mittheileu l — Bor ungefähr 8 Wochen wohnte ich einer amtliche« Kreis-Lehrer-Konferenz bei und wir wie stet» der einzige ttbtfdr Lehrer unter 60 christlichen Berufsgenossen. Bei wesen Konferenzen fühtt tu der Regel der königliche Kreis« Schulinspektor, deffen Aufsicht auch die öffentlichen jüdisches Elementarschulen unterstttst stad, den Vorsitz. Als Gast .war «uch ein königlicher Distrikts-Kommiffardrs (eine besondere lstehörde der Proziuz Posen), Hauptmann a. D^ zu« gegen. — Auf der Tagesordnung stand ein Lorttag über we Frage: »Wie erziehen wir unsere Schüler zur BaterbnMikbe?" — Ich bemerke nebenbei, daß in letzter Zeit I diese Frage — ans bekannt-n Gründen sehr khänfiq auf den amtlichen Konferenzen behändest wird. — Der Vortragende sprach zunächst über die Pflege der Vaterlandsliebe durch die Geschichte, durch Geographie und Riturveschreibung in ziemllch allgemeinen Redensarten und behandelte dann die Pflege der Baterlandsliebe durch die Religion. Hier aber war ich besonders aufmerksam, denn ich konnte mir ungefähr denken waS da kommen wird. Und wa» hörte ich? Der Borttagende sagte ungefähr Folgendes: Am geeignetsten aber ist die christliche Religion, die Vaterlandsliebe zu pflegen, ste ist der Inbegriff aller Tugenden, also auch der Baterlaudslrebe, sie allein kennt da« Gebot: fürchte Gott und liebe den König, lind die Bibel erzühst un» ja auch vou einem vaterlandsliebende« Abraham, MoseS, Gideon, von einer vaterlandsliebenden Esther. Und so haben auch selbst die asten {Römer, die Griechen und Ptrser uns leuchtende Beispiele von Vater» laudsliebe geliefert."-Daran schlaffen sich Thesen oder Leitsätze, welche de» Bortrag in kurzen Worten zu» sammenfaßten Rach beendeter Vorlesung eröffaete der Kreisschulinspector die übliche Debatte über die Leitsätze. Da s meldete ich mich zuerst und sagte ungefähr folgendes: »Die Arbeit des Herrn Vortragenden enthält ko viel auffällige Widersprüche, daß es wunderbar ist, wie sie dem Herren selber entgehen konnte. Er sprach davon, daß die christliche Religion am geeignetsten sei, die Battrlaudsliebe zu pflegen und er nauute keinen einzigen christlichen Helden, sondern uu: jüdische vaterlandsliebende Personen, ja er nannte sogar Heide« und Muhamedauer; alle die Geuannteu standen aber, soviel ich weiß, nicht auf christlichem Standpunkte. Meine Herren! Ich bin der einzige jü« dische Lehrer aurer Ihnen. Glauben Sie deau wirklich, daß ich i« meiner Schule nicht die Baterlandsliebe pflege? Und wenn Sie das glauben, warum sollte uns jüdischen Lehrern die hohe königliche Regierung die Feier vaterländischer Gedenktage ebenso zur Pflicht wachen wie Ihnen? Sprechen doch auch die »Allgemeinen Bestimmungen" von jüdischen Schulen und jüdischen Lehrer»; der Vortragende kennt aber weder die einen, noch die anderen. Ich muß mich demnach ganz entschieden dagegen verwahren, daß uur die christliche Religion geeignet erscheint, Vaterland «liebe zu pflegen." — lieber diee meine Aeuße« runzen entstand nun ein allgemeiner Sturm uuttr den christlichen Lehrern, die mit — gemachter oder natürlicher — Begeisterung die christliche Religion als die tteneste Pflegerin der Vaterlandsliebe vertheidigten. Dies« Sturm bewegte sich tndeß in den hergebrachten parlamentarischen Formen unter der strenge», aber unparteiischen Leitung des Vorsitzenden. Als der Sturm ausgetobt hatte, erbat ich zu einer Rechtfertigung nochmal« das Wort und sagte: »Meine Herren! <B6 war nicht meine Absicht und es ist wohl auch hier nicht der geeignete Ott, einen religiösen Strett herbei» zuführen. Wenn aber ber Herr Vortragende und viele der Herren Berussgenoffeu behauptet habe«: »die christliche Religion ist der Inbegriff aller Tugenden", so möchtt ich Sie doch fragen: Glauben Sie denn wirklich, daß ich als ntchtchriftlicher Lehrer meine aichtchristltcheu Schüler zu Dieben und Mördern erziehe? Auch unsere Religion lehrt den Wandel in Gott, auch unsere Religion lehrt die Vaterlandsliebe, wie der Herr Vortragende selber durch seine treffende« Beispiel e aus der Geschichte Israel» bewiesen hat; ja unsere Religion lehrt sogar: »Das Landesgesetz ist Gesetz", d. h. in gewiffen Fällen «üffe» die Landesgesetze selbst dann beobachttt werden, wenn sie auch gegen einzelne religiöse Gebräuche verstoß« sollten." — Hierauf sprach der Kreisschuliuspector das Schlußwett und sagtt: »Ich kann dem Vortragenden vou seinem Standpunkte aus uur Recht geben; er ist ein christlicher Lehrer und mußte als solcher die Wichtigkeit der christlichen

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