Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 52 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Mciitcabcti Frau« mb Kätner iu»Jbni« b* Bett; vergeffen war jeglicher Groll mb der furchtbare Trust eiuer Todesstunde prägte sich alle» Anwesende» auf. Der ftronfe öffnete langsam die Lugen, seine vom Schmerze ververzerrten Züge »ahme» einen sanften Au-dtuck an, er machte eine Bewegung wie um zu sprecheu, wiukte Allen näher ,u treten uud in abgebrochenen Sätze, begann er: .Nun bin ich am Tube weioeS Erbenwallen»; der Lob bringt mir Erlösung meiner Leiden mb meine ftommen Eltern winken mir.* (Eint beklemmende Pause trat ei» mb er fuhr fort: „Den Tobespfeil im Herzen eilte ich au» weiter Ferne nach meiner Geburtsstätte, uw weine Gebeine hier uieberzulegen. Ich habe auf Erben weine Jugrubsünbe gebüßt und hoffe, baß Gott mb Ihr, meine Theuern, mir verzeihe« werbet." Er hielt wieder inne, wie ein Schleier legte e» fich um seinen Geist, mau reichte ihm eine» erquickenden Trank, und wie im Selbstgespräche, von schweren Seufzern «nte'brocheu, den zunächst Stehenden kaum vermhmbar, flüsterte er: .Die ersten Monate nach jenen Ereigniffeu verlebte ich in einem Sinne-taumel. Wie vom Glückt strahlend, de« Boden kaum berührend, eilten wir auf den Flügeln der Lieb« von einem Orte zum andern. Ich vergaß weiue Vergangenheit, iateresfirte mich nicht für die Gegenwart, denn ich wähnte in ihr Alle» zu besitzen. Nur ihre praktische Mutter riß mich manchmal au» meinem Himmel mit dem prosaischen Verlangen, unserem Bund« de» Stempel der Legitimität aufzndrückeu. E» war bei ihr >rlbst»erständlich. baß ich meine Ne igion zu opfern hätte, bern baß ihre Tochter sieb dazu entschlösse, davon wollte sie nicht» wissen. Aber e« gelang mir. die Entscheidung hinzuzieheu, und so mochten zwei Jahre verstrichen sein. Ich begann allmählich über meine Lage uachzudeuken, den» dazu zwang» mich schon die finanziellen Berhältniffe. vi»her lebuu nir ohne jede Berechnung, ich befriedigte ohne jede» Bedenke» alle ihre «st kostspielig» Launen, so daß dt »einem Vermögen «ine bedeutende Lücke entstanden war. Ich wollte doch etwa» rnternehmeu, ein stabile» Domicil wählen, um wein Kapital, von meiner Arbeit unterstützt, zu verwettheu. Ihre Mutter aber wollte alle» früher geordnet »iffeu und sryte wir hatt zu, den Glaub«, zu Wechsel» mb wich mit ihrer Tochter mch kirchlich tra»«n zu lasse». Aber ein Rest von Pflichtgefühl, da« Audenke« au uieiueHenuath schluunnette noch auf dem Boden meine» Herzen«, mb zu diesem ©dritte wollte ich mich auf keine Weise entschließ». Darüber kam et zu heftige» Scene«, Mutter uud Tochter begauuen mich mit Vorwürfe» zu überhäufe», letzter« suchte außerhalb de« Hause« Zerstreuung. Ich. von meiner Leidenschcft noch immer verblendet, gab alle Pläne für die Zukunft aus, fügte inich allen Launen und, um frintn Bruch der beizuführen. l»ernhrte ich nicht mehr da« Thema eine» stabilen Wohnorte» uud wir führttu weitere zwei Jahre unser noble« Nomadenleben. Meine 50C00 Gulden waren bered« um mehr al« die Halste zusammengeschrumpft, aber ihre noble» Passionen ließen nicht nach und e« schien mir, daß die Männerwelt in Ostende» wo wir damal» weilten, ihr nicht gleichzlltig sei. Ed, reicher rumänischer Bojar schien sie besonder» zu mter» effircn, ich mußte ihn bei mir empfange« uud er war ihr steter Begleiter. Ich wurde von Eifersucht gequält, wagt« aber nicht, e« merken zu lasien. Da, es war schon zu Eade der Saison, beginn die Alte wieder mit chreu Bvnvürfen. drang auf Entscheidung, ich wurde ebenfalls heftig, ließ eiuige Worte über de» Bojaren fallen und stürzte au« dem Zimmer. Ich trieb mich den ganz» Tag am Strande herum uud erst spät in der Rächt kehrte ich heim. Da, «er beschreibt mein Entsetzen, fmd ich die Wohnung leer, di« beide» Kraue, waren fort, nüt ihnen alle Werchsachru mch einige« tausend Franc«, welch« sich in meinem Sekrttär befände». _ Wie vom Schlage ^troffen sank ich z« vo«O in eine hitzti,« ftranmt und schwebte einige Wochen zmisi Tod und Leben. Al» ich eublich «et» Krankenlager verließ, war ich m» zwanzig Jahre gealtert und vernahm, daß der Bojar mit ihnen gleichzeitig Ostende verlasse» habe. Meine Krankheit war zwar gewichen, aber der Stachel blieb rief tu meinem Inner» sitzen und seit d-m-l» begam mein Siechthum. Mit dem Reste meine« Geldes, welches stch nunmehr aus 10 000 Gulden belief, begann ich mm «ine wahr« Irrfahrt. Ich wollte vergessen. eine» ««ruf ergreifen, aber vergebe»«. Alle» schlug mir fehl; ich d-rchzvg halb Eurvpa, kamt« «irgend« Ruhe finde», bis schließlich weine Gesundheit ganz zerrüttet wurde. Dazu leselltm stch »och Gewiffeusbifle. der Schlaf flah meine Auge», schreckliche Bifione» füllte» meine Nächte aus, dich ich, sttt« wie im Schweiße gebadet, au« schweren Träum»,« Wirklichkeit erwachte. Der innere Kampf ltttergöch vollend« meine« schon geschwächten Organismu». mein« Kräfte schwanden, die Schwindsucht machte rasend« Fort» mb kehn raffte mich zusammen, schleppte mich hierher uud so bi» ich da, auf daß mich meine Mutter-Erde in ihrem Zxhooße aufnehme." — Der Kranke stockte, ein röchelnde» Pfeifen kam aut seinem Mrnde, und die Umgebung stand da, von de« furchtbar« Monologe de» Sterbenden erschüttert, die Hände ringend. Sein Gelst umnachtete sich, der Körper sank zurilck, db Gesichttfarde wurde fahl »ad vnruhrg streckte er die Arme von stch, al» wollt« er ein Phantom verscheuchen. Da richtete er sich »och einmal auf, seine Lippen «ur» meltrn „Waadle auf dem Pfade Deiner Väter — dort a» der Seite meiner Elter», bitte mich" — »ad sei« Haiept fiel zurück. — Wb ein Todetschanrr durchrieselte es di« Anwesende«, eine schwergeprüfte Seele stteg gen Himmel und weine td umstanden die Geschwister Raftali'S irdische Hülle. Der Trost im Trimm. E» wollte Abend werde»! Im b'utrothea Scheine ergoß db Sonne ihre letzbn Strahle» über db schlefeude» Blume» uud Gräser der Wbseu, taucht« noch eimial ihr glühende» «uüitz tu die fich kränselndru Welle» de» leise dahinzieheude» Flusses und sank dam unter dem Grzuitscher der Vögel am Horizonte hiurnter l Ju dem kleinen Gärtche» a» dem erste» Harfe der Vorstadt saß «Mer dem mächtigen Lindenbaum eure jnuge» in Trauergewäuder gehüllte Mädcheugestalt. Um sie her blühten und duftete» die letzte» Jahresrose» rnd alle je»« Blumen de» Herbste», die « ihrer mannigfachen Farbe»- ' Pracht m» liebevoll hiuwegtäuschen »ollen über dat« letzb . «usathmea de» sbrbendea Sommers. Der mildem weich« Abeadwbtd küßte kvsend db weiße Stirne de» bleich», ernsten Mädchenaarlitzes, der Aisdnick " desielden »rat finster rnd trostlos, die Brust hob sich iriba* schaftlich-schnell wie uuter dem Eindruck« einer aufr^zead» GesühlSbewegung uud die große», traurige« Sug» sah» über db blühende Blumeawelt hinweg durch die geöffnete Garbnthüre die Straße entlang, durch welche man vor wevig»^ Tag» db todb Mutter tn dem schwarz» Sarge zur Frwd-" hoföstätb gefahren, llad dort tat Jena Ecke, da hatte der Wind noch eiumal spielmd die Bänder des Kranze am Sara« erfaßt, sie flattert» hoch in der Luft, w.« zum letzt»' Gruß für daö eiusame verlasse« Kind. Da» höchst« Glück und der grüßb Schmerz bewirk» i» einem Mädchen Herz« db gleiche Wirkung; es sin!» zwei Rächt«, db in der sorgenlos» träumerisch» Kindess« b schnrib Umwandlung zu» ernst« Wethe hervorruft«! .