Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 50 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ringplatz bet kletnm Stabt nnb an bet Ctrafjrabicgang kam eine junge weibliche, elastische Gestalt zu» Barschein. Leichten Schrittes, bas schneebedeckte Trottoir kan« berührend, schwebte sie dahin und Raftali erkannte Fräulein Helene. Er blieb stehen lüftete den Hut, spähte aber verlegen und beinahe ängstlich um sich, ob Niemand Zeuge dieser Begegnung sei. Weit und breit ließ sich Niemand blicken, nnd H.lene erwiderte mit einem graziösen Kopfmckm seinen schüchternen Grnß. Da nahm er sich zusammen und bat nm die Erlaudniß, sie begleiten zu dürfen. Ueber ihr Gesicht fuhr es wie ein Strahl der befriedigten Eitelkett nnd sie nahm sein »nerbieten an. Wie »erlegen nnd linkisch schritt er an ihrer Seite, und ihr muthwilliges Gkplander klang in seinen Ohren wie Musik. Allmählich thante auch sein Ge st ans und die Conversation wurde für beide Theile amüsant. So langten sie vor ihrer Wohnung an und Hrlene rechte ihm ihre Hand zum Abschiede. Aber sieh.- da, der schüchterne Jüngling entpuppte sich als kühner Mann nnd von der Dunkelheit begünstigt, bedeckte er ihre Händchen mtt glühenden Süssen. eie drohte ihm schelmisch und wollte ihm entschlüpfen, er aber, einmal im Zuge, bat um die weitere Erlaubnis,, sie jetzt zu Hause beiuchm zu dürfen. Sie überlegte einen Moment; über ihr Antlitz fuhr es wieder wie ein Wetterlenchtm. und scheinbar wie widerstrebend, wachte sie eine einladende Handbewegung. Ueber die in Dunkelheit gehüllte, unter den Tritten knarrende Treppe gelangten sie in die Wobnung. Jetzt erst erinnerte sich Helene, daß ihre Mutter in der Stadt bei einer Freundin weilte und ihr Gesicht drückte eine gut gespielte Berlegenhett ob des ans. Sie meinte, daß es am schicklichsten wäre, wenn er sich entferne, aber ein gleichzeittg ihm zngeschlmderter Blick strafte ihre Worte Lügen und — sie nahmen neben einander Platz- - Die Lampe verbreitete ein «ttdes Licht, im Samin praffelte ein angenehmes Holzfeuer und das weicheschon etwas defette Sopha lud zum Sitzen ein. Das Mobiliar im Gemache war bescheiden, nur hie und da sah man noch ein glänzendes Uederbleibsel der früheren veimeivtlichen Herrlichkeit. Ein alter, ausgetretener Teppich bedeckte d.n Fußboden, an bin Wänden waren einige gelblich angekränkelte Gypsbüfim angebracht und auf einer Etagäre war eine fleine Büchersammlung meist freuzöfischer Seusatious-Romane sichtbar. Helene halle sich ihres Hute« und Mantel» entledigt, ihr üppiges Haar ringelte sich wie neckend tun Gesicht und Hals, ihre vom Froste heroorgerufene Gesicht« röthe nahm jetzt i« warmen Zimmer eine rosige Nüance an und das schwarze Sleid schmiegte sich knapp um ihre schmiegsamen Glieder. An die spärlichen Stadlereigniffe anknüpfend, leitete sie da» Gespräch ein, welche» aber bald in ein anderes Fahrwasser Überschlag. Najtali, welcher sich zum ersteu Male einem schönen jungen Mädchen gegenüber allein befand, war von seiner gtähenden Empfindung ganz überwälttgt und dies machte seine Stimme erzittern. Ader die verführerische Sirene verstand es, ,etae Befangenheit zu »»scheuchen und er wurde immer gesprächiger, zutraulicher. Er wähute das Ideal, welches seinem Traume vorschwebte, hier verkörpert zu sehen, und seine Gefühle überströmten. Sr wurde beredt, feurig, und wie eine die Dämme durchbrechende Flmh kam es sprudelnd über seine Lippen. Seine Blicke verschlangen die holde, sinnberückende Erscheinung, er rückte näher, ihr Haar streifte sein glühende» Gesicht, die Hände berührten sich nnd, wie von einem Taumel erfaßt, lehnte sie ihr Iköpfcheu an seine Brust. Wie magnettsch berührt schlug er seine Arme um ihren Leid, und süße, kosende Worte kamen ans sei«» Munde. Wie in Wonne ausgehend, «tt gesenkten Augenlidern, das Haar aufgelöst, ruhte sie in seinen Armen und ein wie eim gtühendec Strom ihn durchrieselnder Snß schloß seine Lippm. lS-rtsewmg folgt.) La4 Versteigern der>lr»oUi i» der Siy««goge ist bekanntlich Gegenstand vielfacher Discnsfioner geworden, und ist es da« Berdienft der .Reform", daß man diese häßliche Krämerer im Gotteshcnse mm auch bei dm Orth», doxen als unwürdig anerkannt nnd adgeschafst oder doch wenigsten» von der feierlichen Zeit vor de« Amkheden der Thora-Rollen auf dm Freitag Abend nach dem Gottesdimste, wie in der Hirsch'schen Synagoge in Frankfurt a. M. zurückgedrängt hat. Weniger bekannt dürste fein, daß das versteigem der Mizwoth in der Synagoge in der klasfischm Litteratur Deutschlands zur Sprache kommt, und zwar bei Üeinem Getingetn als unsere« Lesstnf, und nicht wenige, intress,nt dürfte es sein, daß Lessttig dorüber vom Standpnnfte der H a l a ch a nrtheilt, oder vielmehr einen Schieß daraus zieht zur halachtschm Entscheidung der Frage: Ist tan Juden auch ve-botm am Sabbath ai das Saufm zu denken? Die Stelle befindet sich in den .Theologischen Streitschriftm" in .Eine Dnplik" .Erster Widerspruch' und lautet: »Sie" — die frommm Weiber — .gingen nicht in hie Gewölbe der Spezereihändler, die freilich wohl schon geschlossm »arm und kauften, sondern fie nahmen sich nur vor zu kaufen, erkundigten fich mit. wo fie am besten zu kanfm wärm, denn fie warm fremd. Und das durftm sie thun, wenn auch der Sabbath schon längst angegangm war; das war ihnm durch das Gebot, am Sabbath zu mhen, im'ge» ringsten nicht untersagt. — Sc wie auch deu heutigen Juden noch nicht. Dmn wäre ihner mit dem Kanfm. auch das Denken an da« Kaufen am Sabbath oerbotm: so würde der Sabbath wohl blntseltm gehörig von ihnm gefeiert. .Kanfm und versteigern fie nicht selbst amSabbath. nicht .selbst in der Synagoge, nicht selbst die Ehre, die Gesetzes- .rolle an irgmd einem feierlichm Tage ans ihrem Schranke .nehmm und auf das Pult des Borlesms tragm zu dürfm? .Genug, wenn fie da« Geld dafür nicht am Sabbath erlegm!" Auch die Beranlaffung, die Lesfing darauf zurnckkommm läßt, dürfte her nicht unwillkommen sein. Es handelt sich um eine .Evangelim-Harmonie" gegen die .Fragmente". Diese hatten 10 Widersprüche in der Auferstehung»geschichte der Evang« listen ausgestellt. Der erste dieser Widersprüche bezieht sich auf Lueas 23,56: .Sie kehrten aber um. und bereitetm Spezerei und Salben; und den Sabbath über warm fie stille nach dem Gesetz", — nnd Marcus 16,1: .Und da der Sabbath vergangm war. kauften Maria Magdulena und Maria Jacobi und Salome Spezerii, aus daß fie kämm und salbcten ihn". Nach Luca« fand also der Einkauf. der Spezereien Freitag gegen Abend v or dem Sabbath statt, nach Marcus erst am Abmde nach dem Sabbath. — Um diescn Widerspruch an »zügletchm. hatte man die gewaltthatigsten grammatikalisch« n. wie sachlichm iversuche gemacht. Man wollte dm Marms dasselbe sagm la sen, wie Lucas, daß die Spezereim schon Freitag gekauft wurden« indem man gegm die Grammatik au« dem .kinfteu" des Marcus .haltm gekauft" machte. Andere meiutm, es sei zweimal gekauft worden, ein Theil Freitag Abend, und» da der Sabbath inzwischm eintiat und man nicht mehr alles kaufen durste, deu Rest nach dem Ausgange des Sabbath. Bom Kaufe des erstm Theile« berichtet Luc:», vom Kaufe, des Reste» Marcus. — Der ungenannte Gegner öesfiugs machte aber den diametral mtgegengesetztm Bersnch und'! dachte, wenn fich Marcus nicht nach Lucas richten lässt, nun:' so muß fich 8ufa» nach Muren« richten, und zwar, indem er das .und dm Sabbath über warm fie stille" in .nachdem fie den Sabbarh über inzwischen stille gewesm waren"- verwandelte. Der Kauf hatte also nach de« Löabdathz stattgefnndm. — A Messing weift das Ungeheeerliche dieser Rettung, darauf demhte, daß die griechische Parttkel „iuv'