Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1888-01-01 · 50 (1888) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1888
Issue
50 (1888)
Date
1888-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/6492351-8722844-5956556--1015-5373005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Herautgegebeu von ve. M. Rah«er in Magdeburg. Z« Untrclialtmg i Seich»»» flr Mt m-eiiiische Famiie. , »SoftBli. Original-Rovelle do« s>. stmidt-Birkenfeld. — Die «chehrte O**" * «,chf,la»sgade» und «aehsellösungen. Horowid in Krakau. — Da« versteigern der dli-votd e. — Allerlei für den KamiUeniisch. — Die Schwalben. i» der Tonagoge er. Lon Dr. Bald Bo» Loui» Loewe» Magdeburg.— (Unbefugter Muchdruck uuterfagt.) Naftali. Original-Movell« vo, S. Horowt» i» Krakau. (Fortsetzung) Herr Mieczylar Ladnerowski konnte sich also mil dem Velde de« allen Wigdor rehabilittreu, oder richtiger er blieb bei seinen Borgesehlen weiter der pflichtgetrrue Beamte. Die Lücke in der Kasse wurde ausgefüllt und al« wäre nicht» vor gefallen, waltete er weiter seuie« Smle«. Wigdor bedachtet« über den Vorfall Dircretion und Niemand ahnte, daß trr »Jade" de» Ehristen Lebensretter sei. Die Zeit »erstlich im alltäglichen Geleise einer Kleinstadt und brachte nur tliese eine Abwechslung, daß seit dem in der Familie LaduerowSki denkwürdigen Abende dieselbe oft im Hause Wigdcr's verkehrte. Die Leute fühlten wirklich für ihren wohlthäter Dankdarkeit. und wenn auch bei den Familien- Häuptern in Folge der auSeinauderlaufende» Denkweise keine rechte Intimität mehr Platz greifen konnte, so faßte» doch die jungen Familienmitglieder zu Fräulein Helene Ladu.» rvwSki Zuneigung, so daß da» Mädchen beinahe ein täglicher Saft im Haus« Wigdor'« wurde. Helene war damal» ein bereit» üppig entwickelte» 17 jäorige« Mädchen von aufgewecktem Veiste und leicht» ledig wie ihre Mutter. Nebst einem schönen Aeuhern besaß sie einnehmende Manieren, eine gewisse angeborene Eleganz, baba aber ein heuige» Naturell und war von Natur koket«. Auf unseren schüchternen Naftali, der außer mit seinen Schwestern nie mit dem »schönen Geschlecht" in Lerütstoag kam, macht« fie einen starken Eindruck, daß er in ihrer Gegenwart noch befangener al» sonst war. Helene, wenn auch erst der Kindheit entwachsen, war daran gewöhnt, d. ß ihr von jedem jungen Manne, der in ihre Nähe (am, Weihrauch gestreut wurde, und fie nahm diese Huldigungen al» einen chr gebührenden Tribut eatg ge». Naftali, welcher fie von feinem entfernten Sitze scheu fipirte, jeder ihrer Bewegungen folgte und ganz oerwirrt und schamroth wurde, wenn rin tiefer Blick ihrer schwarzen Augen ihn traf, bot, schon de« «rtgiallen Gegensätze» wegen, ein gewisse» Interesse für Helene. Sie hatte e« gleich herau«gefundea. daß er nur schüchtern und deshalb auch in ihrer Anwesenheit stch linkisch de- »ohw, den» seine kurzen Bemerkungen, welche er im Laufe der ollgrmeiaeu.Sonversation hie und da fallen ließ, verriethem eine große Belesenheit und Intelligenz. In ihrer «ngeleoreuen Gefallsucht beschloß fie» fich auch einen jüdisebr« Ritter heranzubUdeu und suchte Gelegenheit, mit ihm öfter in Berührung zu kommen. Naftali, der Anfang« nur verstohlen zu ihr empor» znschlweo wagte, wurde immer beherzter, and obwohl ihr — »ach seinen Begriffen — etwa» zu freie» Benehmen ihn anfättgllch befremden wüste, wurden fie mit einander immer »«ruauter. so daß er e» wagte, wen» fie ihm zum Abschied« ihre kleine, weiße, von feinen Äderchen durchwirkte Hand rötchie, diese in »er seinen länger als es aöthig wrr, zu halten und zu drücken. Dabei klopften seine Pulse, seine Brust drohte zu bersten und Fräulein Helene, ihr Gefichtcheu schelmisch verziehend,, warf ihm von unter ihren seidene« Wimpern solch' einen sengenden Blick zu. daß er, wie von einem magnetischen Strome berührt, beinahe taumelte. So in dieser immer mehr zunehmenden Intimität waren bereit» drei Jahre verstrichen, Helene stand in ihrem zwanzigsten Lenze und ihre Schönheit prangte im vollsten Flore. Die Gliedmaßen ihrer hohen Gestalt waren abgerundet, dabei aber von einer elastischen Schmiegsamkeit. Ihr kastanienbraune« Haar spielte schäkernd in kräuselnden Ringen um ihre Stirne und rückwärts am Nacken wgllte e» in verschlungenen Flechten. Die Augen wurden, wie gesagt, vo» lang-n Wimpern umrahmt, ihre Augenbrauen waren in kühn geschwungener Bogenform gehalten und verliehen ihrem Geficht»au»drucke etwa» Jmponirrnde». Ihre Gesichtsfarbe, vo» brünettem Grundtone, war von einem rofigeo, flaumhasten Jncarnate übergeffen. Kurz, der Grsammlausdruck war eia bezaubernder und wir können un» daher nicht wundern, wenn Naftali stch von ihren Reizen bestricken ließ. Da brach eine Katastrophe herein, welche auf da» Schicksal der jungen Leute von großer Tragweite sein mußte. Pan LaduerowSki wurde kränklich und ohne eigentlich krank gewesen zu sei», schied er in« Jenseit«, Frau und Tochter hilflo« zurücklaffend. Die kümmerliche Wstlwenpenstou reichte kaum au», ein zurückgezogene« Leben führen zu können; die früheren Bekannten zogen fich allmählich zurück, die geräumige Wohnung mußte aufgegeden werden und Frau Therese übrrfirdclt« mit ihrer Tochter nach einem entlegenen Gäßcheu. Nur die Familie de« alten Wigdor verließ sie nicht in ihrer Vergessenheit im Gegentheil, seine Töchter wetteiferten mit einander, Wittwe und Waise zu trösten und durch ein noch herzlichere« Entgegenkommen die einsame Lage der Berlaffeaen zu lindern. So warru nach dem Tode Laduerowski'« einige Monate verflossen, die Hinterbliebenen raffte» stch allmählich au« ihrer Niedergeschlagenheit empor und Fräulein Helene, welche in der erste» Zeit beinahe verzweifelte, begann ihren Humor wieder zu gewinnen, und die Jugend uuo die Gefallsucht wachten wieder ihre Rechte geltend. Do« Trauercostüm hob noch die Schönheit ihre« jetzt etwa« blaffen Gesicht«, die Augen hatten einen schmachtenden Ausdruck und der schwermüthige Ernst, welcher fich zeitweise um ihre Stirn lagerte, verlieh ihr einen anziehenden Nimbus. Zu Naftali'« Empfindung gesellte stch uoch da» innigste Mitleid, daß sei» Gefühl für die bestrickende Erscheinung noch an Macht gewann. Und so stad wir jetzt wieder bei der Zeit aagelaazt, in welcher wir an einem ftostigrn Abend die Bekanntschaft »e« alte» Wigdor «achten. IV. E« war wieder an einem kalte» Januartage. Die Sonne begann ebenfalls bereit« nnterzngchen und der Schnee knisterte unter de» Füßen. Naftall schritt über den großen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.