Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 48 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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<£f-M, leb««ftohe Sprößli»»« de« att« Stammet. Sine 3jährige kravglöpfig« Snbftn schmiegt fich an bk Großmutter mit ihren allerliebst« Plapp r» der Mairoim ein Sichel» «tlockk»d, ivdeß die ältere General»» fich miteinander unterhält. Hier im Zimmer, am kaisternden Lamm sitzt e» sich s« angenehm, denn atze werde» von einem herzliche» Fam'limbavde nmschluaaen. Draußen treibt dm Wind de» Schnee an die Fmste,scheiben und hk und da huscht eine Gestalt vorüber, ihr Heim aufsnchead. Wigdor saß wie ein Patriarch im Schoße der Seine», nach den Stürmen einer arb:sttvollen Bergougentzrit, gemächlich audruhead. Armen Litern ent» stammend, gelang es seiner Findigkeit und Laergie. sich »st der Zeit auf dm Spross.» ler socialen Llt-c cmporzuschwingen und ein sehr bedeutende» B rmtzka anzusammrln. Sein wahrhaft fromme», relig'öse» Gnuüth war für dm .Segen Gotte»" dankbar und hielt es für seine heilige Pflicht, so west e» in snnm Kräften stand, dir Roch seiner Mitmensch« zu linder». Di« erruagenm Erfolge betrachtete er nicht als sein persönliche» Verdienst. so idem alt eine un» verdiente Gnade, wußte er doch, daß andere, bk doch vielleicht begabter al» er wäre», trotz ihre» redlich« Arbett» zu nicht» dringen komrten. — Kräftig und gesund wuchs« die Kinder heran, daß dk Sproffen sich wk junge» Laub um da» alk Paar emporraukt«. Dr:t Töchter war« bereit« io Hymeu» Hafen glücklich ei» gelaufen und in Gesellschaft ihrer Shegrspouste verbracht« ste den Sabbat im Elteruhause, oou einer hurtig«« Kiuderschaar umgeben. Rur der Sohn Raftali, bereit» in d« Zwanziger», konnte trotz de» Drängen» sei«? Eltern fich zur Ehe nicht «tschließ« uad die» war vielleicht der einzige Kummer seine» Vaters. Der Alk möchte fich ia seinem siu^g« Namrn»trägrr verjüngt sehm, die Mutter de» Sproß ihre» lieb« Naftali io ihrem Schooße schaukelte. wäh'eud dieser all den glänzenden Anträge» gegenüber sich ablehueud verhielt. Im Städtch« w»rd« die» und j«e» gemuukelt, mußte e» doch Jedem auffalleu, daß der Sohu de» reich« Wigtor bereit» im 3. Dezennium stehend, e» vorzog al» stetiger .Bocher" * **)) sein« Kalpak zu trag«, al» da» eckmrriche .Skamel" •*) aufznsetzen. Er war iu der Gemeinde «in Unikum und deshalb der Gegmstand der Neugierde. Dk Mütter heirath«fähiger Töchter schaut« aus ihu scheel« Blicke», befürchtend, sein Beispiel könnte auch die Ander« aosteck«. Sei», jedem tradstiouellen Brauch, Hohn sprechende» Benehmen entlockte so manch« Seufzer den alt« Familieuhäuptera und im Gehrimru wurde Raftali al» eia .Aufgeklärter", ja beinahe al» Ketzer vei schrieen. Rur dk allgemeine Achtung deren fich der alte Wtgdor ersrmte, schützte» sei»« Sohn vor Insulten seit«» der Gemeinde-Aelkst«, welche e» al» Schmach für da» Städtch« ansahm daß Rastatt unter ihn« herumgehe, ohne in de» heilig« Stand der Ehe eiuzutr< t«. Wenn er i» da» .Stübel" kam, rückte Alle» bei Seite, um nicht gezwuug« zu sein, mit ihm in Berührung zu komm«. Die anderen jung« 8«te dürft« nicht, wollku fie nicht d« Zo« ihrer Elten» auf fich heraufbeschwör«, mit ihm verkehr«, and nur im Geheimen wagten Einige, welche ebenfalls al» .Reformirte" verschrie« warm, mit ihm ein« Verkehr zu unterhalten. Naftali schi« fich aber um seine Umgebung »mig zu kümmern, lebte für fich zurück« gezogm, auf die Klatscherei« nicht achtend. Dm größt« Theil de» Tage» »erbracht« er auf sei»«» Zimmer mst sei»« Büche« beschäftigt und eignete fich i» seiner Adgrschiedeuheit ein« groß» Schatz profan« Wifi«» m. Er entschädigte fich für dk in seiner erst« Jugmd, welche ausschließlich de« Talmudstudiu» gewidmet war, ihm gewordene vemachlässiguug und gierig verschlang er die Ergengntff« der «oder»» Eultur. Ring» »« Ua her war alles fttr ' dk Gegenwart hermetisch abgeschlvff«, daß kein erfrischender Lofthauch des Zest,eiste« hindurch drang. ' Man gchrt, -» d» Brock» der abgefchkde»'» verw»geni«it, der» Tendenz mst »er Jetztzeit fich sticht vereinbar« ließ. Naftali aber ließ dk Pei gangmhest Bergaugmhest sztu, hegk tu fttue» June« für dieselbe «iue pietätvolle Ehrfurcht, »mßte fich aber sag«, daß fie doch nicht i« Starchr sei, frisch, Knosp« zu treib«. Wollt« er als» nicht selbst veralten, so wußte er fich «st d« Errungmschaftm de» Fortschritteg vertraut mach«, und um dieses sein Streben bester würdig« zu könn«, »oll« wir seine nähere Bekanntschaft mach«. IL Wigdor's Sohn war bereits LS Jahre alt uad »ach den, im Städtchen allgemein herrschenden Begriff«, schon et» alter Juuggeselle. Seine ffkamtlichen Altersgen off« war« längst Famstieuväter, ja mancher von ihn« hatte in seinem 1v. Jahre geheirathet. Rgr Raftali yerharrte noch im Eölibste und dk Leute begapu« berestt dir Hoffuuag zu verlier«, ob dieser — wk st» ihn uauni« — «tartete Zweig, je überhaupt Kaospen treibe» »erde. — Wenn auch schweigsam und in fich gekehrt war er kein«»' »eg» phlegmatisch; im Gegentheile iu sei»«,» Jauern tobt« es wk iu einem Bullau», uad er bat all' seine Kräfte auf. d« Sturm der Leidenschaften zurückzudräugen. Ihn konnte das «hig« Einerlei nicht befriedig«, er fühfte in fich eine Sehnsucht »ach etwas Uabesttmmk« und machmal, wen» er über die blührud« Fluren einsam dahiaschlenderte, während die untergehende Sonne dk Landschaft mst ihr« Purpur» streif« vergoldete, wähatr er fich von der Borsehuag zu etwa« Großem auserkoren, ohne sich aber klar zu «erd«, was für Ideal ihm vorschwede. Dm« er daun iu solch' einer gehob«« Stimmung »ach Haus« zurückkehrte, versuchte er e«, wk um setue Gedauk« festzuhalt«, sein« Empfind nag« za Papieit zu bringen und dies« seine poetisch« Ergüsse. füllten bereits mehrere ' Hefte, »elche er mst jungftänlichrr Schamhafligkest in dem geheimst« Fache seine» Schrank» aufb«wahrt!. Wen» da»» die Schalt« der Rächt fich über die Erde frafkn, am Firmament« die Sterne zu stimme« begann« »ad dk Maad« fichel ihre mild« Strahl« ins Zimmer wari. da»» lehnt« er ftuudeolaug am offen« Fenfter mit verklärtem Erficht und sein« Aug« eutstrahlte ein ungewöhnliches, Jener, als wollku fie dk Geheimniff« der ihn umgebende» Dunklhest durchdring«. Dk frische Ab«dkühle und das Säuseln de» Laubes »irftru allmählich »ohlthümb auf sei»« aufgeregt« Phantast» und wk erleichtert athmek er. tief auf. Dan» nahm« setue Züge ei»« reichen A»sd«ck an, eine feierliche Ruh« zog i» sein Semüth ein und «in .ach" der Erletchkrag «»quoll seiner Wust. Dranß» t» Frei« begabeu fich dk befiedert« Lustbewohuer zur Ruhe, dk Blätter der Bäume vom Rächt« - wi»d« bewegt ranschku so geheimuißvov, die Flnth« des nah« Muffes, in den« bk Strahl« der Sterne und des Mond« '< $ lichtes fich wiederspkgelnd, plätsche« so ruhig, und Raftali setzt fich au seine Sludtrlampe und nimmt dk unterbrochene Arbett a»fs R«e auf. — D« Bormlltag widmete er ge« wöhulich eine« ernste» Studium, »k Geschtchk, Phystk k. manche Stund« fremd» Sprach«, den Nachmittag »idmrk -i er seiner Liebltngsdrschästignng, der Lertüre der Klassikr, der schäum Litteratur n»d der lansendm Belletristik. — Abendg aber holte er seine Schreibhefte aus seinem Berstecke und vertraute ihu« sei»« Gedanke» theils in Prosa, .' theils in Verse», (Fortsetzung folgt.) h *) unoetfc. juaaer Rann. **) Die Pelzmätze am Feiertage, nur von Ehrenmännern getragen.