Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 28 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 2)
- Language
- German
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Herkele?" rief Rabbi Maimong erbost. »In ei»em Roman steht es, und dieser Romaq neust sich Sil Blas «ud ist sehr schlüpfrig. Red Herkele." »Wirklich? Im Sil Blas von besage?" wiederholte Red Herkele mit seinem trockensten Lächeln. »Und das ist ein schlüpfriger Roman? Rabbi Maimon, wie gut Sie das wissen! Sie müssen also diesen schlüpfrigen Roman selbst gelesen, mit großer Aufmerksamkeit gelesen und wiederholt gelesen haben, weuu Sie so gut wissen, daß es im Sil Blas steht." »Bleiben wir bei der Sache, Reb Herkele." »Ja, bleiben wir, Rabbi Maimon." »Da die Sache erwiesen ist." »Ja. sie ist erwiesen." »So wollen wir zu dem Urtheil schreiten." Der Schammes führte die Angeklagten aus dem Saal. Al» sie wieder vorgernfeu wurden, verkündete ihnen Rabbi Maimon den Spruch des Besdin. Er lautete: »Fra« Karmelin wird vor Allem aufgetragen sofort ihr Haar abzuschneiden." »Ich werde es aber doch nicht abschueiden!" sagte Josabeth. »Dann wird gegen Sie und Ihren Manu der Bannfluch ausgesprochen!" sprach Rabbi Maimon strenge und drohend. »Also gut, ich werde mein Haar abschueideu." »Ferner wird über die beiden Eheleute als Strafe verfügt, daß sie hundert Dukaten an die Synagoge und ebensoviel an die Armen zu geben haben. Endlich wird ihnen als Buße auferlegt, drei Tage und drei Rächte in ihrem Hause zu fasten und zu beten, und der Schammes hat darauf zu achten, daß sie in dieser Zeit nichts genießen, als ein Laib Brod und einen Krag mit Wasser." Jona» und seine Frau verließen den Saal, er gebeugt und traurig, fie mit erhobenem Haupt, ein stolzes Lächeln um die blühenden Lippen. »Glaubst Du denn, daß wir drei Tage fasten werden?" sagte sie spöttisch auf der Straße zu ihre« Mann. »Der Schammes wird schon dafür sorgen." Vorläufig behielt Jonas Karmelin recht, denn vor Sonnenuntergang erschien Meier Nasrnschön in semem Haus«, unterzog alle Räume desselben einer strengen Prüfung, brachte eigenhändig alle« Eßbare in die Speisekammer, legte au diese und an den Keller d rs große Siegel, legte für die Büßenden einen Laib Brod auf den Tisch ihres Schlafzimmers, stellte einen Krug mit Wasser dazu und pflanzte sich vor der Thür der Wohnung als Wach« auf. Und merkwürdig in demselben Augenblick fiel der erste Schnee und die Frösche verstummten für immer. Am ersten Abend halfen fich die Büßenden, iudem fie, ohne zu Nacht zu essen, sofort zur Ruhe gingen. Den ersten Tug brachten fie nach Vorschrift des Besdin wirklich bei Wasser und Brod zu aber Josabeth schlüpfte tu ihre mit Pelz gefütterten Pantoffel und ihre rothsammtene mit Marderpelz gefütterte und besetzte Kazadaita und schmiegte fich weich und schön in die Arme ihre» Mannes, durch ihre Küsse Brod uud Wasser in Zackerwerk und süßen Meth verwandelnd. und statt zu beten, lasen sie einen spannenden Roma». Am Morgen de« zweiten Tages ließ Jonas die Rase hängen. »Das Brtd haben wir anfgegessen, das Wasser auSgetruvken , begann er. »Was werden wir jetzt esse» uud trinken?" Josabeth saß in ihrer Kazabaika da uud lächelte ihn au. Diese Kazabaika hatte schon manches Wunder gethao uud sollte heute ein neues wirken. »Kuchen werden wir essen uud geräucherte Zunge und Liqueur dazu trinken", sprach fie uud zog ein kleines Fläschchen ans der liefen Lasche ihrer Kazabaika, und ein zweites, uud aus der anderen Lasche, in Papier gewickelt, eine Zunge uud Luchen. Aber di« Luchen waren so gut, und die Zunge schm.'ckte «ich nicht übel, und der Liqueur wärmte so angenehm den Magen, daß bis zn« Abend der ganze vorrath auWstßst war. Auch der Roman war ausgelrseu. Es fand stch iadeß am Morgen des dritten Tages ein neuer, aber zu «ft» und z» trinken fand sich nichts. Die Büßenden waren der Verzweiflung nahe, als Mittags Sraf Agenor Salwauoski, gleich eine« lbtgel des Himmels, hereiutrat. Ihn. der den Jaden de« Städtchen« manch« Vnnst erwiese« hatte, wagte der Schammes weder ab,«weisen, noch zu vifitireu. »Um Sattes Willen!" war Josabeth'» erste Frage. »Haben Sie nichts zu essen, Hei-r Sraf?" Salwauoski, den die 8ogc der beiden Eheleute »r gemein ergötzte, begann lachend die Taschen seines großen Pelzes zu untersuchen, uud es fanden fich in der Thal et«!,alb geleerte Flasch« Alasch, ei« Zbarascher Wurst uud drei S emmel». Josabeth roch vergnügt au der Wurst. ..Sott soll Dich behüten!' rief ihr Man«. »Die Wurst ist doch nicht koscher?" »Koscher oder nicht!" erwiderte das schöm Lteib lächelnd. »Wenn man in Lebensgefahr ist. ist es erlaubt trefe zu essen, und wir find doch in Gefahr zu verhungern — »»«?' Und wie Eva im Paradiese den Apfel, biß fie zuerst die Durst an und reichte sie dann ihrem Manne. Der Sraf bracht« hierauf sein Anliegen vor; er braucht« Seld. und es versteht fich. daß Jonas stch gegen seinen Lebensretter gefällig zeigte. Endlich waren die drei Bußtag« überstandeo. Am Morgen de« vierten sagte Jonas seufzend zu seiner Frau: »Schneide Dir jetzt Dein Haar ab, muß es doch sein, aber ich kann e« nicht sehen." Traurig zog er fich an, «ud traurig schlich er zum Hause hinaus. Als er Mittags heimkehrtg, trug Josabeth bereit« einen seidenen Scheitel. Jonas seufzte uud sagte nichts, aber trotz der Fasttage wollte ihm das Essen nicht schmecken. Nachmittags führte er seine Frau auf die Promenade. »Sie hat ihr Haar geschnitten", zischelte es rechts nid zischelt« es liutt, uud es war großer Jubel in Israel. Abends, als Josabeth wieder in ihren goldgestickte» Pantoffeln uud ihrer rothlammteueu Kazabaika, fich behaglich in das weiche Pelzwerk derselben schmiegend, mit ihm bet» warmen Ofen saß, blickte er auf ihre Scheitel, »nt es wurde ihm so «eh um'« Herz, daß ihm die Augen naß wurden. »Was hast Du?" fragte sei« Frau. »Ach! Josabeth, wo ist Dein herrliches Haar?" Sie sprang auf, riß lachend Stirubiade und Scheitel herab, und die dunkle Fluth ihrer Haare ergoß stch üppig und glänzend über ihren Rücken, bis zu den Lai een hinab. ' _ Sachrr-Masach. Z«r Geschichte de» U. O. Ä B Au« dem soeben erschienenen Doppelheft« der »o» Lehrer Herrn S. Fre.uthal in Kattowitz veranstalteten und »it Genehmigung de« General-Eomitä's veröffentlichten Urbersetzung der Seschichte des Ordens B'oe B'riih (von Br. Julius Bien) thrilen wir hier aus den interrffanten Kapitel» 5 und 6 das Nachfolgende mit: Au» dem V. Kapitel. Sehetmnis» — Gründe für »nd gegen — wmm» eingeführt. »Bei de" Seschichte de« Orden« dürfen wir dl« S ünd«, die gegen und für feine Eig-n«hü«lichteü geltend «.«macht wurden, nicht übersehen, soudern müssen virlmehr jene Gründe, welche di« ersten Stifter veranlaßt«, der Vereinigung de» Ehmakter eines Ordens zu verleihen, hi r aufue,men. In erster Reih« muß der Enlturznstaud deijenigea t» Bettacht gezogen werden, welche« die erste» Mit jtieder an» gehörten. Ans Ursache», bei den«« zu verweil«» «mittzig erscheint, weil fie allgemein bekannt find» waren >i« meiste» jüdische» Einwanderer a»f einer sehr geringen Bildnngsstnfe. Sie waren die arbeitende» Klaffe» — dt« »Holzhauer und Saffenräger" — die Handwerker und Histchler, die letzteres