Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 10 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/6492351-8722844-5956503--0824-5372852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Selm 1× ep/1045700
OCR text
bcftmaft selbst, wieviel ci sei» muß. bringt »um Dir'-, da»n sagst Du stet«: zu wmig". „$trt sind zehn baflc Golde« Jaulet.* sagte der Bräutigam, ein Leinwandtüchlein hervorholend und auöetnauderwiekelnd. „Ah ■ . . volle zehn Gulden!" sagte Jankel verächtlich und stieß daß Tuch brüsk zurück. .Gianb« mir. Pa» Jankel, ei» ganze« Jahr habe ich Heller bei Pfennig aesammelt, um diese« viele Geld zusammen zu schlagen. Und wo sollen wir jetzt mehr heruehmeu?" „Du hast ja von viele« Andern zwei und auch uur einen Gulden genommen. und von un« find zehn zu wenig!" brummte wiederum der Bater de« Bräutigams. „Ja, da« waren arme Leute, ihr aber seid wohlhabend; ihr habt ein Paar Ochsen, «in Pferd, ein ganze« Dutzend Schaf« und auch eine eigene vagekneue Hütte. Bon euch kann man unter fünf und zwanzig Gulden nicht anuehme». Gebt das Geld her oder scben euch von hier!" Jankel steckte die Schlüsseln in die Tasche und schickte sich an, forlzugehen. Da konnte der Diokonu« nicht mehr länger an sich halten. „Laßt ihn nicht durch!" brüllt« er. „Haltet ihn! Er soll den Trmp-l öffnend „»d« gafft ihr da Leute?" schrie ein Anderer. „Uusere Kirche — unsere Schlüsseln!" „Burschen! Nehmt ihm die Schüfst ln ab!" ries der Bräutigam. Wo war seine Ruh« geblieben! Mit schaumbedecktem Mund«, blutunterlaufenen Augen und hocherhobenen, S«ballten Fäusten stürzte er sich auf Jankel. Mehrer« Burheu sagten seinem Beispul. Unter der ganzen Menge ließ sich «in dumpfe« Gebrüll vernchmen, sie setzte sich m Be- MK§itn§ und ließ den Bräutigam und seine Suüe durch. Die hwterstm Reihen fügten sich fest aneinander und bildeten «tue lebende Mauer um Jankel und die Burschen. Und während dieser mit den Fäustcn einen Weg sich bahnte; fiel chn der Bräutigam von hinten an. Ihn bet seinen Peie« faffend, zerrte er ihn «uthentbrannt zurück, während zur selbe» Zest mehrere kräftige Fäuste mrr der 8Bu$t eine« Hammer« auf de» stopf, da« Gesicht und die Brust de» Unglücklichen niedersausten. Lautlo« stürzt« er zu Loden. Durch dir Lust drang der ätzende Geruch frischen Blute« und rief im Ru dir bestialischen Jnstiukl; de» Pöbel« wach. Au der Sick, wo Jankel gefallen war, brauste e« unter der Masse wie ei» Strudel, wirbelte und brüllte e« . . . Was dort vorging konnte mau nicht sehen; aber hoch in die Luft flog die Plüschmütze de« unglücklichen Jude», flogen die Fetzen seiner Kleider und zerstoben nach allen Seiten . . . Und während man darr Jankel abthast »artete die Maffe auf die Kirchenschlüfsrl« nicht mehr, sondern'drückte mit ihren kräftigen Schulter» di« Lirchenthür« ein. Der Tempel war weit Cöffnet, afltta Niemand dachte daran, $n zu betreten. Die stialtsthm Instinkte waren entfacht, und die stirche»beamten, beisndel« Bater Diakon»«, stellten sich an dir Spitze de» rasende» P«brl« und spornten die Bauern zur Uebung einer Lynchjustiz, zur Selbsthilfe an. »Endlich ist auch unsere Zeit zelommen!* brüllte der Diakonu» mit seinem ohrzerrrißmdm Baß. »Jetzt scheint auch vor unserer Thür die Sonnet Genug de» Leiden« Don den Uuchristen l Schonet Nicht« und Niemand, «eine prächtigen Burschen! Räum: nach Losakenart auf mit der verdammten Judeubrut! Gebt euch keine Blöße, Rechtgläubige!" Zodeck verkroch sich unter die Menge. Dieser Schuft, der so eifrig da« Feuer unter de» Füße» seine» Feinde« geschürt, wurde angesichts der an dem. gleichfalls von chm ansgestacheltm. Jankel geübten Ly»chj«stiz ängstlich. Er sah, daß der Damm sich zu lockern degan», daß ei» Strom von Haß, der in den Hrzen der Bauer» sich angesamwckt, sich anschickte, eine freie Passage zu erzwinge» und Alle«, wa« chm lull seiner stürmis chen Bah, rvtgmentrttt. z» zertrümmern, -n zerstöre», in seine finstere Schlicht z» reche». Ob dieser imiMn AenerGvrnnil sich na Inner» freuend, fmchtew er aber auch für siäne eigene Haut. «Sein erster Gchank» war, sich zu drück!», so schnell al« jwögkich anzospauae»: seine Paffagier« zu nehmen nud durch schleunige Flucht sich zu retten vor de« zügellosen Pöbel. Allein «i» dämonischm Rachedurst hirst ihn auf seinem Platz« fest. 9)m Untergang Jankel« sehend und eine Art Gewissensbisse — wie st« «wem so verworfcnm Charakter überhaupt zugänglich ist — empfinde«, war er «och mrhr wuthentbraunt gegen seine» Feind» den rothen Lrreudator. Er ahnte, daß dt« Wrth de« Pöbel« auch diesen nicht verschonen werde und wollte seine» F««d - fallen, ihn martern sehen. Und er hatte sich in seiner Boraussttzung nicht getäuscht. .Brav, meine Kinderchen!" rief wiederum der Diakon»«. „Ihr habt mit dem Diener prächtig abgerechnet. Aber was will da» sagen? Gerschko wird einen aiderea Diener finden, »nd wir hätten nicht da«'Pferd sondem die Deichsel getroffen. Darum, ihr Brüder, ir^eift dm Natheu, der da mit seine» Kommando wie ein Oberst einhmnarschirt. Greift ihn! Züchtigt ihn!" Ein Thril der Menge stürzt« sich de« Ruthm entgegen, der mit seinem Kommando au« der Masse z« xelangm suchte, um eine» gleichen Schicksal, wie e« sew« Dimer ereilt, zu entgehe». Er war bkau-blaß, wie eine Leüiw. Die Angft hemmte seine Schritte, und nur mit Mühe wuchte er . seine» schwerm Körper vorwärt«; seine Haare sträuitm sich, Bart und Pei» waren zerzaust, da« Läppchen rntsckite chm in dm Rackm, sein Unterkiefer zitterte» seine Zähn« klapperte». Nur seine fettübergofimm Aeuglein flogm nur ahig nach all« Setten und richtrtm sich flehmd auf feine Beschützer, die ihn in ihre Mttte genommen hatten Außerdem ljatw der Roth« seinem stommando reiche Geschmkr verheißt», so e« ihm getiugt, dem wathschuaubmdm Pöbel za «utrinnm. Und da« stommando billigte sichtlich die Grwaltthatm Pöbel« nicht und schien fest mischloffm, dm Arrmdaror nicht fades z» lasse«. Mit hocherhobmen Peitsche» durchbrach e« die lebende Mauer, ohne auf die Schimpfwort« und Rippenstöße der Maffe zu achtm. Und die gänzlich nubmaffiiete. Meng« . wich vor dm Pritschm zurück, uud der reche Gerscho, hinter de» Rückm seiner Trabantm sich bergend. gl,«bte schon fast an seine Rettung «nd gewmm frisch« Mtttb. Noch war« zwei, drei Rechen zu durchbrechen, n» eie Frechett z» Sewttmm, da... da sprang ein Unbekannter ans eiNennttt keifig hochbeladeum Wagen uud brüllte mtt Donne^ttmme: „Seht doch. Brüder, wie unsre rechtglä»bigm Mttchriftm ihre Brust hiahaltm für einen schmutzig« Judm l Nehmt Berunnst an, zwetbetuige Ochs«! Wm beschützt ihr da? Euren Peiniger! Und um riaci solchen Mörderü will« befchimp't ihr eure leibliche» Brüder! Hakt ihr Gatt i« Herzen oder nicht? Was seid ihr für Christ«? Ihr seid »och schlimmer al« di« heidnisch« Tatarei. Spuckt »e« Juden tu« Gesicht und übergebt dm Blutegel dem Botte — mag ti ihn richten. Mir nach, Rechtglänbipei Für Frethett und Glaub«!" Mtt dies« Dort« sprang der Unbekannte wie ei» Tiger vom Wag« frtt die stöpfe de« stommauda's tu die Mitte de« starr«'« und faßte d« Roth« au ten Bart. ,AH, mein Lieber!" flüsterte er dem Rath« in« Ohr. ^vi« geht'«, Pa» Arreudator? Brüder! Hierher *x mtt! Greift dm Hund! Da« ist et» berüchtigter Lieb «nd Mörder. An dm Galgm mtt ihm, an dm Galgen! Wieviel de« rechtgläubig« Botte« hak er in seinem verfluch« Dasein fcho« gefreflm! Hierher, Brüder! Hierher! vir eine Lawine stürzte die Menge Herl« und zerstreute die Trabant« Gerschko'«, di«, dm Jadm irr Stiche iaffmd, «attr da« Ball sich mischt«. Mehrere Seinnd». Hand der völlig erstarne Arreudator Ang .i« Auge mit demUnb»- kauuttn. In seine« stopf« ging alle« daphetomwei; . sei« ga»M Empfindnag mar abgestumpft; er cht« selM de» A 5»