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Jüdisches Familienblatt · 1888-01-01 · 6 (1888) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1888
Issue
6 (1888)
Date
1888-01-01
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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„Unb warum meinst Du, daß er sich so beeilen wird?" „Die Pan« pflegen ihre Gelüste nicht aufzuschieben. O, ich kenne fie!" »Horch! Welch ein Sturm draußen! Sollte ti der Pan in der That so eilig haben, daß er bei diesem Hundewetter und zur nachtschlafenden Zeit friedliche Bürger beunruhigen wird?" „Büraer! Wa« sind wie für Bürger? Sklaven sind wir, rechtlose, unpersönliche Würmer! Ein Hundewetter, sagst Du. . . Und Radziwill und Ordzinski, haben sie da« Wetter gescheut, als ...?“ „Schweig, Benjamin, erinnere mich nicht! Reiße meine Wunden nicht wieder auf!" „Run ja — erinnere mich nicht, heißt eS immer. Wenn aber. .." „Genug, genug davon. Kleide Dich an Benjamin. Ich wcrve inzwischen Estherchen wecken. Führe sie fort, ttage sie fort, nur weit, weit weg von hier. Run, kleide Dich doch an!' „Wir hätten es schon längst thun sollen, es könnte jetzt schon zu spät sein. Wenn Zodek in das Schloß gelaufen > ist und uns verrathen hat — und ich befürchte es sehr — dann werden uns die Haiduken überfallen.. j Auf dem Marktplatze ließen sich Hufschläge und da« : Rasseln eines Wagens vernehmen . . . „Horch!... Man fährt . . .'man kommt hierher, zu unö . . . Man hält vor; unserer Thüre... Gott!"! „Allmächtiger! Dich rufe ich in dieser Stunde der ' Noch an!" schrie Rahel wild auf und sank weinend in! die Kniee. i „Steh auf, Thörin!' donnerte der Rabbi mit unnatür» i sicher Stimme. „Lauf in die Kammer... dort ist ein Beil; ... bring es der . . . geschwind! Kein Haiduke soll lebend | über diese Schwelle kommen! Bist Du taub geworden? Lauf doch, geschwind! Ein Beil her!..." ES pochte heftig an die Thüre des Rabbiner«. „Oeffne nicht, um de« Himmels willen, öffne nicht!" schrie Rahel, die Hände des Galten krampfhaft umklammernd. Es wurde zum zweiten Male an dir Thüre geklopft. „Pst... antworte nicht. Mögen sie glauben, daß wir schon schlafen. Ich werde das hintere Fenster öffnen und mtt Estherchen hinausspringen, während sie hier bk Thüre eindrücken." .. „Rabbi, Rabbi! Macht auf! Ich bin e«," ließ fich eine weibliche Stimm« vernehmen. „Herr Gott, ich danke Dir! Da« find keine Haiduken, es ist ein« Jüdin. Laß mich, Rahel! Wer ruft? Was ist gefällig?" „Fürchtet nicht«; ich bin e«, die Fra« de« Scheuker« Zodek." „Die Frau Zodek«? Wa« mag fie um diese Zett hier wollen?" „Mach auf, mach ihr auf, Benjamin. E« könnte bet ihnen ein Unglück vorgefallen sein!" Der Rabbi schob schleunigst den Riegel zurück. „Gott sei Dank, Ihr schlaft uicht!" rief die Frau athemlvS. „Wa« ist vorgefalleu?" frug der Rabbi erregt. „Rabbi! Ich weiß Alle« . . . mein Mauu sagte e« mir. Ueber Euch hat fich ein Unglück entladen, und Ihr wollt Eure Enkelin fortschaffeu, verberge». Und ich bin gekommeu mit unserer neuen Bude. Verzeiht dem Zodek, er war dumm. Ich Hab' ihm Alle« ausrtuandergesetzt. Wo ist Eure Enkelin? Kleidet Euch au «nd macht Euch mtt Gott auf den Weg — ganz gleich wohin Ihr wollt. Schonet unsere Pferde uicht; mögen fie fallen; wir werde» ua« schon andere kaufen . . . Rettet Eure En'eliu, beeilt Euch! . . . Ihr schweigt, Rabbi? Ihr zürnt vieinem Mau«? Ja, er hat sich gegen Euch abschärlich benommen, wie ein betnöüeuer Bauer. Glaubt aber uicht, daß er «kure und Eurer thrare» Enkelin Wohlthat vergessen. War st,: e« doch, di« di« Gnade de« Herrn erwirkt, und haben wir ihr doch Alle« zu »er« danken! Wie sollte Zodek da« uicht fühlen! Rein, Rabbi. Sr konnte e« nur im Augenblick nicht fassen, aber al« ich t$ ihm zu Hau« auseinandergesetzt, verstand er wich sofort. I« Nu hatte er seine Fuhre zurechtgemacht, ich habe ihm inzwischen seine Sachen zurechtgelegt für den weiten Weg. Und nun sind wir hier, und schon diesen Augenblick könnt 'Jftr fahren." „Gott, welch' ein Glück!" rief Rahel, der Schensiriu um den Hal« fallend. „Ich diu buchstäblich erstarrt von dttsem unverhoffte« Glücke," sagte der Rabbi toolo«. während er fich mtt der Hand über die Stirn fuhr. „Do ist Euer Maua, gute Frau?" „Er ist draußen bei de» Pferden. Wir haken seust Niemand beim Wagen, und außerdem wird e« ihm schwer. Euch unter die Augen zu treten." „Laßt ihn hereinkommen, ich bitte Euch." „Ihr verzecht ihm also, Ihr zürnt Ihm uicht. Rabbi?" „Ach nein. Warum sollte ich ihm zürnen? Im Gegrntheil, ich bin ihm für'« ganze Leben verpflichtet — er rettet ja mein einzige» Kind! Ich bi» sogar io seiner Schuld, denn ich alter Narr habe ihn belechigt. Mag er herein» kommen. auf den Lnieen will ich seine Verzeihung erflehen . . ." „Ach,- wie sehr freut mich da«!" rief die Schenke, in unter Thränen. Ich werde jetzt zu den Pferden hiaausgeheu und Zodek hereinschickeu." Mit einer grauen, groben Bauernjacke. langen Stiefeln und eiaer verschossenen Plüschmütz« bekleidet, erschien Zodek, die Peitsche in der Haud, verdutzt, schüchtern in dem Thtrr» rahmen. „Hierher, zu mir — in meine Arme — mein Bruder!" „Rabbi!" begann der Schenker stotternd. „Ich bin ein Thier, ein undankbare» Schwein . . . Meine Fra« sagt e« auch . . . Jetzt aber bin ich hier. Wollen wir fahren, aker um Gotteswilleu, ohne zu zögern, denn e« fängt bald an zu tagen, und dann ist Alle« verloren." Rahel stürzte fich auf ihre Bündel und begann ohne Auswahl zusammenzupacken und einzubiuden, wa« ihr gerade iu die Hände kam. „Setzt Euch, mein Bruder," sagte der Rabbi, „wir wollen uns berathen, wohin zu fahren, wohin zu fliehen. Ich weiß ja selbst uicht, wohin ich meine Frau mtt mettter Enkelin schicken soll." „Wie? Wollt Ihr denn uicht mit uns fahren?" „Nein, Reb Zodek. Ich muß vorläufig »loch in Zwaatz bleiben." „Wozu da»? Eure Famllie wird doch wohl nie mehr hierher zurückkehren." ,O, nie. niemals! Und ich fleh« Gott an. daß er avch meine alte» Knochen fortbriuge» möge au» dieser Mörder» höhle der Pan», au« Polen. Aber vorläufig darf ich mich «och vom Fleck nicht rühren. Wenn ich mtt meiner Familie flsthe, dann wird der Pa« sofort errathen. daß ich meine Enkelin retten will, und morgen schon entsendet er seine Hatdnke« »ach allen Himmelsrichtungen, und mau holt tm» schnell ein, nimmt uu» gefangen, schleppt uns zurück «ad Alle« ist unwiderruflich verlöre«. Wenn ich aber hier bleibe «ud da« Gerücht verbreite, daß «eine Familie besuchsweise zu meinen Verwandten gereist sä und bald zurücktehre« wert«, dann wird der Pan geduldig warten, mir aber dürfte e« später schon gelingen, zu entkommen. Doch um mich »mche ich mir keiue großen Sorgen, wenn e« mir nur gelingt,' meine Enkelin in Sicherheit zu bringen." „lIrhr gescheidt, Rabbi. Und auch für mich wird >:« weniger gefährlich sein." „Allerdings. Außerdem muß ich hier einige kleine Außenstände einziehen; ich di» ja kein reicher Mann. Ferner darf ich nicht eine Gemeinde ohne Rabbiner («{fr«* Ich tvttbc an einen mir Mannten jungen Gelchrteu sä

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