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Jüdisches Familienblatt · 1888-01-01 · 2 (1888) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1888
Issue
2 (1888)
Date
1888-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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— 7 — o »Papa, Du sprichst vom Stehlen. Die Mieze arbeitet ja, um sich ihren Unterhalt zu Verdi eneul- .Ich spreche nur im Sinn« der Spinnen, die e» nun einmal der Fließe nicht zugestehen wollen, daß auch sie sich ernähren muß. E>e behaupten, daß der durch Arbeit erworbene Besitz der Fliege Diebstahl sei.' »Und entschuldigst somtt die Gewaltthätigkeit gegen di« machtlose Fliege?!- ries Daniello, di« Hände zusammeaschlagend. .Ereifere Dich nicht Daniello. Du hast mich nicht ganz verstanden. Ich habe doch nicht behauptet, daß die Spinne ehrenhaft handelt, wenn sie dir Fliege tüdtet und auSsaugt. Ich erzähle nur den natürlichen Gang der Dinge... Ngn, male Dir folgend« Szene aus. Die Spinne und die Fliege rufen Dein richterliche» Unheil an: »Dir Spinne würgt mich,- beschwert sich die Fliege. .Jawohl, ich würge sie-, gesteht Jene ein. .Allein ich komme ja nicht zu dir, sondern du kommst zu mir, in der Hoffnung, mir etwa» zu stehlen. Ich fange dann den Dieb und bestrafe ihn.- .Wo soll ich hin?- entschuldigt sich die Fliege. .Ich habe kein eigene» Rest und wovon soll ich leben, wenn ich an den Speisen Anderer zu partieipiren aufhöre?" .Leb' wovon du willst; meinetwegen krcpire — da» geht mich nicht» an!' — Nun, Daniello, Du bist Richter, entscheid« den Streit. - .Papa, die Spinne könnte ja der armen Fliege ein Krümelchen abtreten l- Ehmielnicki lachte hell auf ob dieser Raivetät. „Bist kein weiser Richter, mein Sohn,- lachte auch Don Pedro. .Die Spinne könnte nach Deiner Ansicht der Fliege r.n Krümelchen abtreten, sie will aber nicht. Wa» willst Du mit ihr machen?- „Nach meiner Ansicht hat die Spinne Recht-, sagte Ehmielnicki finster. .Warum?- .Weil auch die Fliege kein Krümelchm von ihren Speisen an die kranke Ameise abiritt.- ,Mag sein. Ich will auch die Juden nicht rein sprechm. Ich behaupte nur. daß ihre Mängel keine angeborenen, keine nationalen sind; sie sind an ihnen nur haften geblieben durch den Gang der historischen Eceigniffe, und diesen Fleck kann dieselbe fremde Hand, die rhu aufgetragen, mit Leichtigkeit wieder abwaschen. Sehen Sie mich nicht so höhnisch an, Pan Ehmielnicki; ich bin voll« -kommen unparteiisch, und verschließe mich vor den Mängeln der Juden nicht, muß aber andererseits auch diesen Gerechtigkeit wiederfahren lassen und sagen, daß sie, so wie sie sind, nur durch uaglückselige Verhältnisse geworden sind, ja so «erden mußten. Doch für heute, Daniello. ist'» genug für Dich — ich muß zu meinen Kranken', schloß Don Pedro, Ehmielnicki die Hand reichend. .Wte, Papa, sollte die Gefchichte der Fliegm schon zu Ende sein?- .Diese Geschichte, mein Hgbn. dürfte schwerlich jemal» ihr Ende erreichen, so lange duFliege — eine Fliege bleibt.' .Und bevor die Fliege nicht aufhört, kranke Ameisen zu würgen,' sagte Ehmielnicki trocken, sich vor Don Pedro verneigend. .Wer ist denn Ihre kranke Ameise» Pan Ehmielnicki?- »Die arbeüsawe« Leibeigenen, die gedrückten, unterjochten Kosaken, Don Pedro. Und ich... ich selbst bin eine von den kranken Ameisen .. .' »Dauiello-, sagte der Doktor nochmal« zu seinem Sohne, .für diese« Mal ist e« genug. Gehe au Deine gewöhnliche . Beschäftigung. Und in freie« Mommtrn denke über All» da«, was Du heut gesehen ut& gehört, reiflich nach. Zu Du mehr bMtt*. G» ist die höchste Zett, mmt «ich ßqjrbe. Sie. Pan Ehmielnicki, die llnhöflichkeit, doch die Pflicht gcht über Alle».- .Jch bitte den verehrten Don Pedro, sein Begleiter sein zu decken', sagte Ehmielnicki sich tief verbeugend. .Sehr angenehm. Wollen wir aufbrechen.' . In der Begleitung Ehmielnicki'» trat Don Pedro au« dem Pavillon und ging durch die weite Allee, die den ödesten Theil de» Parke» schräg durchschnitt und in eine weite Ebene führte, hinter welcher in der Entfernung von eiaem halben Werst die ärmlichen Hütten eine» kleinen Bauernvorwerk» zu sehen waren. .Ich gehe dahin,- sagte Don Pedro auf da» Borwerl zeigend. .Ich habe dort eine schwerkranke Greisin. Wo wollen Sie hin. Pan Ehmielnicki?* .Doktor! Ich kam zu Ihnen in einer sehr, sehr kitzlichen und für mich sogar etwa« g-kähilichm Angelegenheit. - »Jn einer gefährlichen Angelegenheit?' fr uz der Doktor erstaunt. .Verstehen Sie mich recht, Doktor — in einer Angelegenheit. die eher mir al« irgend Jemand auder» gefährlich. Nur Ihnen will ich mich nnvertrauen; einem Andern gegenüber würde ich e» nicht rittkirt haben.- .Danke. Allein ist denn die Sache so dringend?' .Jeder Tag. jede Stunde ist kostbar.- .Aber warum sagten Sie mir e» daun nicht gleich?- »Ich hoffte. Sie allen» anzutreffeu und kam »bsiqtlich zu Ihnen in einerso frühen Stuude. Sie unterrichtete« gerade Ihren Sohn, ich wollte nicht stören und bin nun sehr zufrieden mit dieser Verzögerung, denn Ihr Uiterricht hat mir manche» Neue eröffnet. Und ich gestehe, ich habe mich in Ihren Unterricht so sehr vertieft, daß ich an den Zweck meines Besuches v.nzaß.- .Welcher Art ist du- Sache, von der Sie mit mir' sprechen wollten?' „Ich werde mich soglnch erklären. Gestatten Sie mir aber, vorher einige Bemerlungen zu machen, die Sie vou der rückhaltlosen Offenheit, mit der ich mich Jhnm wie einem llkter oder Geistlichen eröffne, hoffentlich, überzeug» n werden.- .Jch höre, sprechm Sie." »Ich hege für den jüdischen Stamm keine besondere Sympathie.. .* .Kann mir'» denken.' »Verdammen Sie mich nicht, Don Pedro. Ich gehöre mit Leib und Seele der Kosakenschaft und der o.thodoxen Kirche, dieser leiblichm Mutter der unglücklichen Leibeigmen au. E» ist Jhnm, unpartriislher Don Pedro, nicht unbckannt, welch« Rolle die Juden in dem rieben der Kosaken- und Bauernschaft spielen.- »Sie sagten e» j<l schon: — die Rolle einer Fliege, die die kranke Ameise würgt. - .Und zwar die Rolle einer grausamm Fliege.- »Vergeffm Sie aber nicht, daß diese Fliege nicht für sich arbeitet. Sie wird von einer Spinne dazu veranlaßt, gezwungen*) und dann ihrerseit» auSgesogea von jmer unersättlichen Spinne, die sich nennet.. .' .Adel. Sehr richtig. Aber dadurch wird der Ameise nicht leichter. Wozu aber diese Weftläufigkeitm? Sie, al» Geschichtsforscher und scharfer Beobachter, sehm und wisse» sehr gut, wa» in Polm und der Ukraine vorgeht.. ." *) Der polnische Adel hake Im 17. Jahrhundert de» grsammteu Grundbesitz in Hüadeu tut mir diesem auch di« Bauer»- uad Kojakeaschaft, dt« zu jener geil fast au»schliehlich leibeigen war. I» der Eigenschaft al» Pächter, Verwalter rc. hatte» Jude, die Aufgabe, nicht allei» über die Bauern |« herrschen, sondern auch die Kirche» tu beausfichtigeu. Der Adel war katholisch, die Bauernschaft orthodoz vulgo .rechtgNtubigl' Um so» diese »nr Annahme de» Ka«holicl»mu« zu »wtuge», «merbe» die orthod. Kirche» a» Jude» »erpachtet, und dich« Mare» »uge»t,se«, bi« vrtholwgr» i» berAndilbmig ihr« cd. Zerp» ■wdr» zu bchchüftde», damit ft» fieiwitU, i» d«m ««iwt d«, kathilffch« Kirche «ch»tz und Znfiucht suche». Ä*. d. Uebuch."

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