Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 19 (1888)
- Issue
- 19. Jahrgang Nᵒ 46.
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
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freiwillig oerlaffen werde. Geht er bann nicht freiwillig, nnd wartet, bi« er zwangsweise exmittftt wird, sa verwirkt er in diese» Falle da« Recht, jemals nach Rußlono znrückzukommeu. Da« merkwürdigste bei der Sache ist, daß di« jetzt kein Uka», kein Erlaß der Regierung, die Ausweis«» betreffend, veröffentlich wurde. To haben wir jetzt da« Schauspiel mit seine» Jammer, aber auch mit seinen be. Wanderung»werihen Beispielen von Helvenmnth nnd Standen«- treue — die mit unserem materialistrten ZeitaUer so schroff kontrastiren — wieder vor Augen. Biele, wohl die Hälfte der Belreffrnden, welche hier schon seit Generationen wohnen, geben nicht — wo« ihnen ja Ruhe nan allen Plackereien verschaffen würde — ihre Religion, sondern ihre Geschäfte und Stellungen auf, reißen fich von ihrem Wohnsitze lo«. um mit Weib und Lind einer unbekannten Zukunft, vielleicht dem Bend und dem Hunger entgegen zu gehen. Läßt sich denn dieser Jammer, der die Menschen erfüllte, mit unserer armseligen Sprache schildern? Andere, dir nicht diese ftraft, diese moralische stärke besitzen, sprechen mir stammelnder Zunge und mft blutendem Herzen da« bekennt, niß de« Abfälle« vom Bäterglauben offen au«. E« genügt, den Gott Israel« zu verläugnen, um ein Anrecht auf ftdische Existenz zu haben. So haben wir die Marrano« (Anussim), leibhaftig wieder vor uns. Diese Letzreren, von denen Manche den furchtbarsten der ftänpfe mit dem eigenen G< wissen, auszufechren haben, suchen in ganz selrsamer Weise fich sclber zu beruhigen. In vielen Häusern, wo man e« bisher mit dem Ceremonialgesetze nicht gar zu strenge nahm, wurde seit der Taufe, der sich nur der Mann unterziehen wußte, eine koschere Lüche eingeführt; ebenso ließ man in solchen Häusern die neugeborenen Lnabrn beschneiden. Man tr-strt sich, daß die Maßregel der Ausweisung früher oder später wieder aufgehoben wird, und man dann wieder förmlich zum alten Bund wieder zu ückkeyren werde. Bi'lleicht wird Ihnen bei der Sache eine« noch auf» ssllen. Während in Deutschland die Ausgewiesenen in der generösisten Weise von ihren Glaubensgenossen unterstützt wurden, geschieht hier jetzt in dieser Hinsicht wenig, soviel wie garuicht«. Die Sache läßt fich zum Theil erklären — durch unsere politischen Verhältnisse. In einigen Städten de« Gouvernement« Piotskow beispielsweise wendeten fich die Gemeinden an drn Gouverneur mit dem Ersuchen, ihnen zu erlauben, Geldsammlungen behufs Unterstützung der armen Ansgewiesenen zu veranstalten. Werden Sie e« glauben, daß der Herr Gouverneur diese« humane Gesuch schroff zurückgewiesen und jede derartige Sammlung streng verboten hat! Anstatt also da« Elend einer ohnedies schon so harten Maßregel zu mildem, wird e« noch durch unuöthige Sirengc vermehrt. Da haben Sie nun die Früchte der Eivilisatio«, unsere« gerühmten Jahrhundert«. Können wir nicht stolz daraus sein? _ Die neucftf vo» K«r( (twil Ar««-»». «Schl»« Ein Aufsatz findet fich in dieser Sammlung, der seine Legitimation für diesen Platz nicht leicht nach weisen kann, nämlich eine Biographie Abraham Geiger«, der unter de» Ittel .ein Befreier de« Judenthums" eingrführt wird. Franz»« spricht in diese» «ffsatze seine persönlichen Ausichten über die Zukunft de« Jndeuthum« an«, und w* «t»<Ä Manu wie Franzos, der seit ^fahrzehnten die Jndenftage -£j stndtn hat. darüber äußert, ist jedenfalls der höchste " He» -* achtung wertb; jene Frage, anl welche an» die Theorie der Eisenmenger di» aut Stöcker, von Meudelssobu di« auf i Zuuz ein betrübende« Tohuwabehn von Antworten in dt« . Ohren schreft. wird fich in der Praxi» zweifellv» dahd» lösen, das, der tu Frankreich Deutschland oder Rußland ■' lebende Jude ganz und völlig ein Franzose, ^Kutscher oder Russe jüdischer «ovfesfiou wird, alle die «irren der Renpit v .können die Erreichung diese« Zieles, die an sich absolut sicher ist, nur in häßÜchüer, tläglichster und überflüssigster Weise \ erschweren und verzögern'. .Bet ruhiger lliee fährt da« Schiff leicht und rasch, bei ftinni cher Tee schwer und langsam in den Hasen: den rittenden Port »der kann e» nur Rann verfehlen, wenn c« nicht stark gmag ist, bet Stürmen tn widerstehen, oder wenn die Hand am Timer die Richtung nicht fefthalten tun. Die Jaden aber ffud stark genug; an der Kraft und sfähigkeit der jü>»tschen Volksseele, sen Proceß der Entsagung und Entnaüonalifirung. der Wandlung und Asiimilirnug zu bestehen können nur diejenigen zweifeln, die fie nicht tarnen, und selbst in ihnen muß der Zweifel verstummen, wenn fie vernünftig genug find, Thatsachen zu soffen, wenn fie die nngehenre Wegstrecke übersehen, welche die europäische Jud uschaft in dm letzten Jahrzeheudm bereit« zuröckgelegt hat, n» sich jene« Ziele zu nähern. Da« Steuer aber ist in guter Hand, wird von einer erbarmungslosen aber gerechten Macht gelenkt, der ehemrn Rothwmdigkeit rvelche jede« Bolle den Weg weift, dm e« gehen muß. Ludwig Maren» hat gesagt: Der Judenhaß werde erst mft der Thortzeft strrbrn und die Thor» heit sei unsterblich. Wir wissen eine andere Antwort, di« freilich Bielen nicht viel tröstlicher klingen mag.' Der Indemhaß und alle Judrnftagm werben sterben, wenn e» (eine . jüdische Ration »ehr giebt.' Für dft Leser dieser ,w»chmschrift' ist e« ein angenehme« lBewußtsein, an» diesrn Wortrn zu erfahren, daß ein so freiblickender und durch kein geistliche« und kein staatliche« AM einaeengter Mann wie Franz»» fich auf denselben Standpunkt stellt, den diese Zeitschrift längst einnimmt. Wo» ist uns dft jüdische Rationalität? Sie war Jahrtausende hindurch die Hülle de« jüdischrn Gedanken«, der Gedanke hat diese Hülle gesprengt und hofft die Sku zu gewinnen; wir geben die .heiligen «r nnerangea* an die Urstättrn de« stdischeri Geiste« nicht auf; aber so gut wie nn« der Sinai heilig ist, ohne daß wir Reigung haben, in der arabischen Wüste unser Zelt anfzuschtagen, ebenso ist uns Jerusalem heftig, und trotzdem gefällt e» nnft hier in unserer nordischen H eimach so gut, daß wir keine Sehnsucht hobrn nach jene» Lande, in welche« überdie» schon seft langer Zeft Milch und Homg nicht mehr fließt. Wir haben e« alle gelesen, welche heilige Schauer dm »erstorbenen Kaiser Friedrich durchrieselt hadere, al» er den Bodm Paläftir»« betrat; war er dam» nicht deutsch vom Scheitel bi« zur Sohle? So vergessen wir nicht Jerusalem» und geben dennoch dam» nicht« von unfern deutsch-nationnleu Empfindungen preis. Es thut wohl, au» de» Mnnde eine» . freigeifügen Manne« wie Franz»« dm Ausdruck felsenfester Hoffnung auf eine Zukunft te» Jndeuthum» gu vernetzmen, Dem, dft vielen «uzeichrn »er Zerrüttung find leider nicht gering. In drn Großstädte, sind dft Tauftn der Inden, dft irgend eine höhere Stellung im öffentücheu Lebrn erreicht haben, jetzt an der Tagesordnung, und wer selbst fich genin. schickt seine Kinder zur Kftche nicht jeder Pastor ist s» spröde, wft jener einer Mittelstadt »er prrnßischrn Provinz Sachsen, der dft Kinder nach Hause s'hickte, weil der Boter nicht mitkam. Jüngst hörten wft dft Aeußeenng eine» tu Protest«, tischen Kreisen vielgenannten und auch wegen seine» Antisemitismu« bekannten Dichters und ZeittmgsGftdaeteur», dft getauften Jndrn seien wie vitrftl für dft evangelische Kftche; «d da» ist oweffello» richch, de« für dieft ist dft Taufe - vielfach ein Schreiten durch da» kaudintsche Jach und war