Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 19 (1888)
- Issue
- 19. Jahrgang Nᵒ 38-39.
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 10)
- Language
- German
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clcrtiugf kein triftiger Grnnd obwaltm, st« von der Offizierlanfbahn auszuschlttßm". Damal» also glaubte die Attitärverwaltung die Ausschließung der Jude» vom Offizierkoep» nur rechtfertige» zu küöven mit deia damals bestehenden Ausschluß vo« der Twil- Verwaltung. Seitdem aber ist dieser Ausschluß von der Eivilvenoaltung grundsätzlich onfgehobm worden durch die preußische BerfasiungSurkund« vom 31. Januar 1850. in der es heißt: .Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich. Standesvorrechte finden nicht statt. Die öffentlich«» Armier sind, unter Einhaltung der von dem Gesetz festgrstelltea Bedingungm, für alle dazu Befähigten gleich zugänglich." Ebenso ist iw Artikel 12 bestiount: .Der Genuß der bürgerlichen und staatSbürgnlichen Rechte ist unabhängig vo« dem religiöse« Bekenntuiß." Daß die Juden, weil sie Juden sind, nicht di« Befähigung zum Offizierdienst besitzen, wird Niemand behaupten. Im Kriege 1870/71 ist mancher Jude Offizier geworden uud hat Freundschaft geschloffen mit seinen chrfftlicheu Kameraden, die heute noch hält, die sogar die Zeit des Antisemitismus übndauert hat; gemeinsame Gefahr kittet fest. Je mehr gegenwärttg wieder von bestimmten Parteirichtungen eine Juderhetze zu veranstalten gesucht wird, um so mehr erscheiot es geboten, alles in den StaatSeinrichtuagen zu beseitigen, worauf sich der Aattsemittsmu» bei sein« Bestrebung« irgendwie berufen könnte. E» erscheint un» doher geboten, bei erster Gelegenhett auch parlameutarisch die Frage d«S Ausschlusses des Juden vom Offizierkorps zu erörtern. Je sicherer vorher der Thatbestaud festgestellt wird, desto fruchtbringender kann eine solche Erörterung sich gestalten. _ Stei» und Stöcker. Der in La s sel tagend« Kongreß für innere Mission verhandelte am 12. d. M. über den Wucher auf dem Land«. Der Referent, Pfarrer Wottich aus Frankeuhain in Weimar, entrollt« eia traurige» Bild von dea sozialen Zuständen auf de« Eisenacher Oberlande. Die Ursache fand er hauptsächlich in der Ausbeutung seiner Bewohner durch dm Wucher. Redner normte mehrere Jude« aus Geisa und ander« Orten, roelch« dies unsaubere Geschäft dort betrieb« hätten. Da» Hauptmittel zu der «irtsaurm Bekämpfung des Wucher» fand Redner in der Begründung von Raiffeff«sch«schm Darlehnskassen. Da» Wesen dieser Kaff« und ihr« Unterschied von d« Schulzescheu Borschußkaffm macht« Redner vollkommm klar und fordert alle christlich gesinv!« Männer auf, hllfreich« Hand zu bietm uud an der Bekämpfung des Wucherthum» mttzuarbeit«. In der Diskussion, roelch« sich au dies« Bortrag schloß, schilderte zunächst RmierungSpräsideut Rothe da« Verfahren der Wucherer m Hessen. Er versicherte, daß dieselbm aus dmjmigrn Gegendm, in welchen Raiffmrffensche Kassen deständm, sich bereits zurückgezogm hätten. Hierauf führte Herr Dr. Stein, Direcwr de» israelitischen Seminar», Folgende» aus: Er als Jsraeltt stimme urit dem Herrn Refereutm überein in dem, was die Schädlichkett de» Wucher», sowie die Berworfmheit der Wucherer bettrffe. Mau solle nicht glaub«, daß die besser« Juden nicht ebenso wie die befferm Ehristm die Wucherer verabschmtm. Aber einige Ausführnug« des Herrn Refereutm hätten ihn tief gekränkt. Derselbe habe behauptet, daß die Judm nicht in deutsches Denk« «ad Empfind« eiugehm wollte». Er, Rchner, uud seine Freund«; sowie di« Anstalt, welche er leite, reim allezett bestrebt gewesen, sich ganz in dm dmtschm Gast zu versenk«, uud zu seiner Freude Wune er koustatireu. daß gerade die israAitischmLehrer bei dm christüchm Geistlichen, welche zumefft ihre Lokalschuliuspettorm smd. in großer Achtung strhm. Aber auch gegen die jüdäche Bevölkerung aus da« Land« solle «an nicht «»gerecht sein. Wtt lange sei es den« her; daß sie sich überhaupt der dentschm Bildung zuwmdm konnte uud durste? Am «eiste« habe es ihn endlich geschmerzt, daß der Herr Referent Ach« und Wucher — wenigstens auf be» platt« Lande — tdenttfizirt habe. Gäbe es auch nicht tu Stadt »nb Land christliche Wucherer? Redner verwte« ans Länder wie Spcmtm und Portugal, in »elchm gar keine Judm leb»; »der bas Königreich Sachsen.« welche« nur (?) die jüdisch« Gemetudm Dresden und Leipzig besteh«; »der das Königreich Belgien» in welchem unr eine eiozige jüdische Gemeinde, Brüssel, sich befindet. Uud die sozial« Schädm sei« do t doch nicht geringer als bei ua». «« gebe auch unter dm Judm auf dem Land« viele vortreffliche Mmschm. Redner könne sich noch aus seiner Jugmd de» schvuei', wahrhaft «enschlichm Verhältniffes erinnern, welches in seine« heimathlichm Dorf« zwischen Ehristm und Israeliten bestand. Der Haß sei nur künstlich augesacht worden. Er bitte die versammelten, als MSnner von Einfluß, als wahrhaft christliche Männer ei« solche Gesinnung wieder in nuferem Baterlaude verbretteu zu wollen. Danach ergriff Hofprediger Stöcker-Berlin das Wort uud sagte: .Ich kau« dem Borredner meine volle Achtung nicht versagm, aber ich wünschte auch, daß überall die anständigen Judm sich von dm schlechttu Elemmtm persönlich und definitiv lossagteu. Mau hat mich als Agitator beschuldigt, tu Neustettiu nannte mau mich sogar Alligator. Doch meine Abficht ist nur, unser deutsches Volk vonlsieneu Krebsschäden zu heil«." Redner stimmte sodcmu der Errichtung von Darlehuskaffm zu und macht« noch einige andere Vorschläge in dieser Sache. Wmn Herr Stöcker immer so gefprochea hätte, würde das Land unter dem traurig« Couflikt, welch« die Antisemitm in Scene gesetzt habm, wahrscheinlich nicht s, z» leid« haben, wtt dies bisher der Fall gewesen. — So hat Stöcker sein« Stein gefuudeu. Vermischte itttfc «e«efte K«chrichte». Werkln. Wie die hies. .Staatsbürger-Zeitnng" Juden- Hetze treibt, ersteht man u. A. aus folgmder Sttlvlüthe, der die Judm mit dm Sptnnm vergleicht: »Hat der Jude erst Fuß gefaßt, dann spinnt er gleich der Spinne sei» Retz und wartet. Dank seiner Fähigkeit, Sutbehrnugm ertrag» z« köuueu, bis die dummm Flieg«, d. h. die vertrauerwseligm oder auch blind« Gojtm, komm« uud sich fang«. Geschieht dies aber, daun fällt er auch über sie her — dem er ift ausgehungert von langer Lutbehruug — und saugt sie ans bis aufs Mark. Uud größer wird das Retz, und die Opfer mehr« sich, und bei jedem Opfer wird die Spinn« dickleibiger. Nu» aber kommt die sorgmde Hausfrau »tt de« reinigend« Bes« und zerreißt das alte Spinnmgewebe. Der Spinne freilich wirb dadurch ihre Macht zerstört, aber dafür wird es auch wieder sauber tu dm Ecken uud Winkeln." — Hat jemals -tu sozialistisches Blatt «ussührmcgm ft» «acht, welche wehr grttguet find, ,d« öffentlich» Frieden, insbesondere die Eintracht der BrvöUrruugsklasfm g» gefährd«?" Uud doch werdm die Sozialist« ansgewtesm «der, wenn «in Ausgewtesener nach Berlin «tt Erlaabuiß znrückkehrt, auf Schritt nnv Tritt von Gehetmpoltztstm »erfolgt. Blätter wtt btt .Staatsbürger-Zeitnng" dagegen dürft» sich als Organe der Kartellparttttu in Berlin anffpttttu. Ulerkl» Eine autisemtttsche Richtung in der Pädagogik, welch« man bisher nicht kannte, sucht »tt neue »Deutsche Lehrrrzeitung" einzufühwu, der« Probmummer Pastor a. D. Z llesm soebm hat erschein« lassen. Da» ans dnuklm Quell« gmährtt Blatt ist bekanntlich zur Berdrängung freisinniger Lehrer-Zatunam bestimmt. Dtt Probmummer hetzt gegm dtt Wahl «ne» israelitisch« Pwttffovs zum Rektor der Univaftt« Wtt« und gm« d» .Rckormjud»^ Minister Lakroh (?) in Paris. Dtt .Pädagogisch« Zeitung" tu .. s