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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1875-01-01 · 6. Jahrgang Nᵒ 51. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
6 (1875)
Issue
6. Jahrgang Nᵒ 51.
Date
1875-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Der Srh«tzj«-e. 'Um« historisch« »rpthlung au» der »«schicht« der Juden in «agdetur^ (Fortsetzung.) „Ruh«, Dieter!" raunte er dem Widerstrebenden zu. ^Habt Ihr nicht Unhell genug heute Nacht angerichtet? Er ist ja verwundet und kraftlo»!" „Und dennoch beschimpft mich dieser Wurm, den ich mit .de« Fuhr zertreten könnte!" „Laßt gut sein! Der Mann gefällt mir, er scheint Herz iim Leibe zu haben und die Zunge auf dem rechten Keck. Solch« Burschen find nach meinem Geschmack, fie stehen unter meinem besonderen Schutze. Allem Anscheine nach ist er kein And«, sondern rin ehrlicher Ehrist, der fich da mit seiner Braut oder Schwester — wa» weiß ich? — der Karavane «mgeschloss« hat. Laßt sie laufen!" „Wa»?" ztirnte Dieter und sah bald Gideon, bald die bebend« Jungfrau, dt« ihr Antlitz dicht verhüllt hatte, mit zornig gerunzelter Stirn« an. „Braut? Schwester? Laufen .lassen? Am End« laßt Ihr noch au» reiner TutMülhigkeit die Schelme sommt dem ganzen Waarenkram entwischen, und »tr hätten dann unseren Ritt umsonst gemacht! Nickt» da! Komm her, mein zarte» Püppchen, entpuppe Dich und laß un» Dein Lärvchen sehen!" Und noch ehe Jemand e» verhindern konnte, hatte er da» grob« Stinlöltuch, welche» Bianca'» Haupt verbarg, fortgezogen. Äeberrascht traten die Ritter einen Sckrttt zurück. „Hahahal Rennt Ihr fie nun? E» ist die schöne Jüdin! Ein köstlicher Fang,zäm Henker! Nicht wahr?" Auf, nach Wernigerode! Nehmt die kleine Hexe und all' den RrimSkram» mit!" befahl der Raubgraf. Der schwach« Widerstand, den der noch allzu sehr entkräftete Gideon und sein greiser Bater leisteten, war im Ru überwältigt. Mißhandelt und besinnung-loließ mau die Beider: aus dem Rasen liegen, während sich die ganz« Wagenreih« unter Peitschenknall und Rädergeraffel, Fluchen, Lachen und Toben in Bewegung setzte. Al» Samuel wieder zur Besinnung kam, war da» Funkeln der Sterne schon verblaßt und am fernen Horizont« dämmerten die ersten Strahlen de» Frührothe» empor. Sein erster Blick fiel aus den schwerathnrenden Sohn, der durch rohe Kolbe ttschläge und Fußtritte Übel zugerichtet war. ' „Gideon, ermanne Dich, mein Sohn, e» giebt einen Rächer über un»!" murmelte der tiefgebeugte Patriarch. Mt zärtticher Fürsorge untersuchte er die alte Wunde und stellte den verschobenen Verband wieder her, indeß er ei- Sge frisch« Verletzungen an Händen und Füßen mit wohluender Salbe bestrich. Die Gegend schien öd« und verlassen. Doch nein! da bewegt e« sich im Busch, veittl und Jona» schlichen herbei. Man beschloß, den Verwundeten vorläufig nach Merseburg zu schaffen. Im dortige» Judenviertel sollte er einen oder zwei Tage rasten, um von dort au» dt« Reise nach Magdeburg fortzusrtzen. Auf Geleite und Schutz verzichtete Samuel. Wa» hatten ihm sei»« wohlvi rsiegelten Echutzbriefe, wa» ihm der Name eine» Schutzjnden de» Trzstifte» geholfen? Erzbischof Alberi VI. hatte ihm da» vielversprechende Dokument in feierlicher Form auügestellt. Er hatte e» schon mehreren der erzsttfttschen Vasallen, die ihn in der Nacht so schändlich beraubt, bet verschiedenen Gelegenheiten vorgewiesen. Sie kannten e« Alle. Aber wa« hatte e« gefruchtet? Wo nur die Macht, dt« roh« Gewalt herrscht, da schwinden Treu und Glauben, Wort und Recht gleich Scheinen in ein Nicht» zusammen, da sbmt der Beleidigte nicht nur auf Wiedererlangung seine» guten-Rechte», sondern auf Rache, blutige, unversöhnlich« Stach«. Der erschöpfte Gideon ward bequem in die Riff«» der Sänstch^chE^üzkVel'uck IM» trüget fih Mt Wrmü- 'Gideon schlug von Jett zu Zeit di« ermatteten Angen auf und fzwach zum tiefgebeugten Väter, der schweige«, «eben der Bahre einherjchrüt, Worte dep Hoffnung un» de» Troß«». Am meisten beruhigte ihn über Bianca'« Schicksal der, Umstand, daß die Geraubt« zum Glück« mit Beppo, den er über alle Mäßen hochschätzte, unter einem Dache sein werde. Der edle Jüngling, hoffte er, werde über sie wachen und soviel in seinen Kräften stand, sie gegen alle bösen Anschläge vertheidigen. „Er ist HÜlflo», wie Du. mein Sohn. Wa» kann er für Bianca thun?" entgegnete Samuel mit hohler Stimme. „D, Vater, Wunden heilen schnell in seinem Alter." „Stlll, Gideon! Sei ruhig. Sprich keine Sllb« mehr. Die Aufregung möchte Dir schaden!" So gelangte man an di« Thor« von Merseburg. Man ging nicht in die noch in stiller Ruhe daltegende Stadt, sondern schlug den Weg in eine» der vorstsidtischen Seitengäßchen ein, in welchem di« Juden ihre« Wohnsitz hatten. Vater Samuel war überall bekannt. Mt offenen Girmen und wahrer Gastfreundschaft wnrdeu di« vier Unglücklich«» ausgenommen. In Gemeinschaft mit den erfahrensten Häuptern der Gemeinde berathschlagten sie, wa» in diesem Fall« -Ot thun sei. Zum Erzbischof! Da« war der Schluß aller Hin- und Herreden. Der Erzbischof und der Rach der Stadt Magdeburg waren die einzigen Mächte, die den Beraubtest Eigenlhum und Genugthuung verschaffen konnten. Drum war die Rückreise nach der volkreichen Elbstadt da» Nächste, wa» den armen J«raellten übrig blieb. Rach anderchalbtägigem Ansenchall«, während dessen fich Gideon merklich erholt und viele Versprengt« wieder eingefunden hatten, machte« fie sich auf de« Weg nach Magdeburg. Sechste« Sapite!. Die Pest. In der guten alten Stadt Magdeburg herrschte seit ^einiger Zett eine düstere Stimmung. Wohl »Halen die ehrsamen Bürger ihr Tagewerk, aber e« war kein« Freudigkeit dqbet. Aus der sonst von Menschen wimmelnden Hauptstraße, dem Brette» Wege, sah e» öd« au». Nur wen dtt Nothwendigkeit zwang, machte sich draußen zu schaffen. Spaziergänger blieben zu Hause. Bon Kindern und Ammen war weit und breit nicht» zu sehen. Hin und wieder eilte ein Mönch mit Brevier und, Krucifix an den mtt stummer Geschäftigkett handtierenden Aufladern vorüber. Er war auf dem Wege, einem Sterbenden di« letzte Oelung zu gewähren. Auch in Schwarz vermummte Gestalten huschten vorbei. Viele Häuser und manch« Läven waren geschloffen. E» stockte der Verkehr. In der Stadt wüthete jener unerbfttltche Würgeengel, der Tausende von Opfern forderte, ohne fich zu ersättigen.. der da» Glück unzähliger Familien zerstört«, ohne auch nur scheinbar in seiner Wuth nachzuicffen. In der Stadt herrschte die Pest. Einen Mann, hochgewachsen, dunkelgekleidet, sah man in der Richtung nach dem Sudenburg« Thor« die Hauptstraße htnaufgehen. Ehrerbietig grüßten ihn dir vorübergehenden. Sir kannten All« die» männlich stolz« Gesicht mtt de« scharfgeschnittenen Zügen, da« aber heut einen Sftrfiug von herzg«- winnender Milde an fich trug, lieber den buschigen Augenbrauen zogen sich tiefe Runzeln q«tt üb« die narbenreich« Stirn; man konnte da« deutlich sehen, wenn « zum Gruße da» Sammetbarett lüftet«. Di« unteren Gefichtötheile aber wurde« von dichtem Bollbarte verborgen, d« hin und wird« bereit» mtt lichtem Grau unlermischt war. G» war d« tapfere Stadthauptmann, Ritt« Han» von Schierstedt.

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