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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1875-01-01 · 6. Jahrgang Nᵒ 43. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
6 (1875)
Issue
6. Jahrgang Nᵒ 43.
Date
1875-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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zur Judensrage berichtet vr. Karl Braun-WieSbaden in in Br.Zlg.: »Ich sagte einem meiner rumänische^ Freunde, ei scheine mir, wir stünden am Vorabend einer Katastrophe, und ich wäre, wenn diewirklich der Fall, geneigt, noch etwas Zeit zrzusetzrn, um zu sehen, wie so etwas verlaufe. »Ah, Sie meine» wohl gar eine Revolution?" lachte er, »da können Sie lange warten. Daran ist gar nicht zu denken. Solches Geschrei ist schon alle Welt gewohnt hier zu Lande. Mau ist der politischen Saalbaderei gegenüber etwas; stumpf und harthörig geworden, uird deshalb muß die Oppo- . fition schon sehr laut werden, wen» sie das Ohr der Menge gewinnen will. Die Menge inleressirl sich aber in Wirklichkeit nur für die Judenfrage, und diese steckt mit in dem österreichisch-ungarischen Handelsverträge — ober auch nicht." Er lächelte bei den letzten Worten ganz eigenthümlich. Und in der That ist der Sachverimlt sonderbar. Der Handelsvertrag zwischen Oesterreich-Ungarn wird von jedem Europäer, der seinen Text liest, nicht antiers verstände» werden, als wenn danach gewisie wirihschastliche Restriktionen, welche den Fremden, und namentlich auch den Juden, z.B. in Erwerbung von Grundeigenthum, bisher auferlegt waren, in Zukunft aufgehoben sein sollten. Auch in Lesterreich hat nun den Handelsvertrag nicht anders verstanden, namentlich die österreichische Prcsie hat ihn fo ausgelegt. Deffen hat sich nun die rumänisch« Opposition bemächtigt. Sie behauptet, der Handelsvertrag »liefere da» Land" den Fremdlingen aus, und eS werde keine zehn ahre dauern, dann feien die Juden die alleinigen Grundeigenthümer, wie man das ja in dem benachbarten Ungarn sehe, wo ein leichtsinniger und verschuldeter Magnat nach dem andern von den Juden abgeschlachlct iverde." Die Regierung erklärt das Alles für ein« höchst dreiste Entstellung. In einem Eirculär. welches der Minister des Innern, Herr LaScur Catargi, an die Präsecten des Landes erlaffen, und worin er sie unter Aufwand der ganzen französischen Phraseologie auffordert, »die Gutgesinnten uni sich zu samnieln, das Volt von ObrigkeitSwegen auszuklären, damit dasselbe einsehe, wie die Adressen der letzten Kammersession ganz geeignet seien, ihren Urhebern die legitimsten Titel auf das Vertrauen und die Dankbarkeit des Landes zu verleihen, und nicht zu dulden, daß die braven Bürger zu Opfern einiger ehrgeiziger Jntriguanten werden, welche versuchen, die Gemüther in Verwirrung und Aufregung zu stürzen", — in diesem Circular also heißt es wörtllch: »Di« Opposition und die handwerksmäßigen Agitatoren versuchen eS, den Vertrag mit Oesterreich für die israelitische Frage auszubeuten, indem sie die Lüge verbreiteten, daß durch denselben daS Land, wir wiffen nicht, welchen Freinden als Beute hingeworsen sei und den Juden Rechte gegeben würden. Diese Insinuation ist eben so dreist, als alle vorhergehenden, denn sie ist dem Wortlaute des abgejchloffenen Vertrages geradezu entgegengesetzt. Dieser Vertrag löst weder di» israelitische Frage, noch giebt er den JSraclitcn, irgend ein Recht. Bla» Haß und'Leidenschaft konnten solche Visionen gebären. Im Ägentheil, durch diesen Vertrag werden alle, durch unsere Gesetze wider die Juden gegebenen Restrictionen aufrecht erhalten; es werden somit durch eine Großmacht die Ausnahmen vom bürgerlichen Rechte anerkanM, die wir vom Standpunkte unserer socialen, und localen?>«dürfniffe au«, bezüglich der Israeliten machen mußten. Durch diesen Vertrag wird auch noch Weitere» erklärt, daß die Polizei- und Sicherheitsgesetz« auch noch fernerhin auf alle Ausländer werden angewendet werden ph«e Unterschied, ob dieselben Juden i sind oder nicht, und daß eben so auch dar Strafgesetz bezüglich aller Vagabunden in Anwendung gebracht werden wird. —„Sie sehen also, Herr Präfect, daß die Regierung und di« Kammer« in dieser socialen Frage alle legitimen Interessen des. Lande» vor jeder eventuellen Gefahr zu oertheidigen wußten." . Pan glaubt in Deutschland die.Mgyrung sei„s.ür und W^HvoßMa-gen die Juden. Letztere» ist wahr, Et* Die Opposition behauptet und qerdapnnt, haß der Handelsvertrag esiten Theil der Rechtlpsigkeit, welche die Laudesgesetze Über die Inden verhängen, beseitigen werde. Di« Regierung dagegen leugnet aus das Allereutfchiedenste, daß der Handelsvertrag, anch nur die allerentfernteste Möglichkeit einer solchen Auslegung biete; und in dem französisch geschriebenen Regierungsorgan wird ausdrücklich versichert, an eine Emancipation der Juden sei gar nicht zu denken, so lange dieselben nicht mit Haut uub Haar Rumänier geworden seien und sich eutschloffen hätten, die Rumänier »zu lieben." Man erinnert sich dabei unwillkürlich an eine bekaimte Anekdote von Friedrich Wilyelm I., der, durch die Stzaßen von BeizliG, Windelnd, in seiner Art stxenge Ordnung hielt und namentlich keine Müßiggänger duldete. Ein Trupp Bummler, der an der Straßenecke herumlungerte, ergriff die Flucht, als er den gestrengen König, den Rohrstock in der Hand, heranschreiten sah. Der König ließ sie einsangen und fragte: Warum seid Ihr vor mir sortgelaufen? Antwort: »Majestät, wir fürchteten uns". Da wurde der König zornig: Was fürchten? Lieben sollt Ihr rüch, Ihr" rc., und er lleß seinen Stock auf ihnen tanzen. Zur Entschuloigung der gegenwärtigen rumänischen Regierung läßt sich sagen, daß in der That in der rumänischen Bevölkerung der Fremdenhaß ein allgemeiner , ist. Er erinnert an jene überwuirdene Epoche einer mangelhaften Cultur, wo jeder Verband nur seine eigenen Mitglieder schützte und sich gegen die ganze übrige Welt feindselig verhielt, wo die Verbannung dem physischen oder wenigstendem moralischen Tod gleich stand, wo ein Ausländer rechtlos war, und wo man den sogen. »Wildfang", der nicht dem Verband angehürte, todtschlagen durfte. Dieser Fremdenhaß findet unverholen Ausdruck in der ganzen rumänischen Gesetzgebung, welche die Erwerbung des Jndizena» außerorden lich erschwert und jedem Ausländer verbietet, ein Amt zu übernehmen oder irgend eine öffentliche Funktion zu üben. Rur zu Gunsten der Franzosen wird thatiächlich ene Ausnahme gemacht. Man besinnt sich ihnen gegenüber noch aus jenem nalv bewundernden und jlavisch nachahmendei Standpunkt, aus welchem sich im 17, und 18. Jahrha idert die Mehrzahl der kleinfürstlichen Höfe in DemschlaiU befand, und der von diesen hervorragenden Stellen auch nach und nach in einen Theil der Bevölkerung, namentlich in die sogenannten »Gebildeten",, hinübergesickert war. Leider gesellt sich zu diesem generellen Zremdcnhaß speziell auch noch eonsessionelle Bornirlheit. 4iach rumänischem. Recht sind die Juden und die Muhamedaner nur geduldet. Ihrer Glaubens wegen sind sie von allen öffentlichen Rechten ausgeschlossen, desgleichen vom Erwerbe von GrugdeigeMhum. In der Thal ein seltsamer Widerspruch mit der Präteusio». de» rumänischen Land«S. mit Frankreich an »Freiheit und Gleichheit" wetteifern »nid die freisinnigste Verfassung von ganz Europa haben zu wollen. Die viel verschrieenen Türken sind hierin weil liberaler, als die orientali,chen Slawen, und in Folge deffen haben bei Gelegenheit des Herzegowiner Aufstandes die römisch-katholischen Christen und Juden unioooo wider die Aufstänoischen und für die Türken Partei ergriffen. Sie glauben sicher zu sein, unter allen Umständen, von den Türken weniger schlecht behandelt, zu werden, al» von den Slawen und »Orthodoxen", namentlich von solchen, die aufgehetzt werden von ihren Popen, von welchen man nicht behaupten kann, daß sie an Moral, Verstand, Kenntniffen und Reinlichkeit auf dem DurchschuitlS-Riveau der orientalischen Gesammtbevülkerutg stehen. Auf dem Rothhause zu Leiden in Holland sieht man heute noch über einigen Thürmchen, die da» Dach zieren, klein« Halbmonde glänzen, w:lche aus der Zelt des UnabhätlgigkeitSkriege» gegen die Spanier herrühren. Sie sind, dort aufgepflgnzt zur Erinnerung an den damaligen Wrhlspruch der Niederländer: »Lieber turkach dan pa&poch* (lieber tstrysch aj» papisüsch). Ebenso Hab«, ich in der Türkei, u-d sogar gerade in,THÄaU«n, Macedonten unh,. Bosnien, wähMd.deS AzzMpde-, der dta,Hq,ßerizng.gichSrt.- ,»Lieberdk"» Ho4

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