Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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- 346 - n? — Run, ti liegt nahe genug. Die hochgebildeten Rationen Haien den Fremdeuhaß und die Geriilgschätzung anderer Raren abgelegt und das den Wilden, Halb- und Dreiviertel- Livilificteu überlassen; in erster Linie haben die Deutschen darin längere Zeit deS Guten säst zu viel grthan und Franzosen, Engländer u. s. w. höher als die Eigenen und das Eigene geachtet. Aber auch die Anbetung und 'Nachäffung der Franzoien folgte 1815, die Franzosensrefferei, die Deutsch thümelei, also Racendünkel uiib Racenhaß und — es ist ja ganz nctürlich -- ein Hepp gegen die Juden. Wir brauchen nichts ireiier zu sagen. Krieg erzeugt keim Liebe. Und gerade in Deutschland und Frankreich zeigt sich neben dem gegenseitigen Haffe der Judenhaß. Wr können dagegen nichts thu». Wohl aber haben wir an unsernr Theile an der Lehre des JudenthumS von der Verbrüderung aller Völker und der höheren Einheit aller Menscher als Kinder eines Gottes festzuhallen. Der Dünkel, der alle -andern Völker den eigenen StammeSgenoffen gegenüber für Barbaren, Wesen niederen Ranges und niederen Rechtes erklärt, gehört dem Heidenthum an, sowohl dem kanmbalschen wie dem klassische», hellenisch-römischen. Der GotteSlehre wird aber der Sieg verbleiben. Der jetzt obwaltend« Rrtionalitätsdünkel, ein Rückfall in's Hetdenthuni, ein Symptom neben vielen anderen — wir leiden darunter, aber eS wird schnell vorübergehen. Die Periode der Deulschthümelei und des daraus heroorgegangenen JudeichaffcS in der RestaurationSp>!riode war auch von kurzer Dauer. Ein zweiter Umstatll», der dem Haffe Anlaß und 'Rührung gibt, ist die vielfach hervorragende Stelluitg, welche Juden jetzt einnehmen. Wird dabei auch niancheS übertrieben, so bleibt doch mai,chcs wahr. Wahr ist es, daß die jüdische Jugend in verhä tnißmäßigcr Ueberzahl sich höhere Schulbildung aneignet urd dadurch für das Leben in verschiedener Weise eine gewiffe höhere Stellung vorbereitet und sichert. Wahr ist es, daß die Inden in verhA:uißmäßiger Ueberzahl die kleinen Städte, ine Dörfer, die „verfaulenden Flecken" (wie der Engländer fugt) verlaffen und sich den großeil Städten zuwenden, daß ne dort durch wachsende Zahl sich bemerklich und manchem eine seht unbequeme Concurrenz machen. Daß lange nicht jeder in die Großstadt Ziehende seine Rechnung findet, daß mancher wieder verschwindet oder recht gern wieder „verduften" möchte, sowie daß die Großstädte wahrlich durch den Juden- Zuzug nicht an Blüthe verloren haben, das wird von der Scheelsucht, dem geschädigten Eigennutz« und dem Haffe nicht beacht«; man sieht nur die Emporkommenden und Reichgewordenen. Gerade so, wie man früher bei den nach Amerika Ausgewanderten nur von den Glückskindern hörte und sprach, ohne der Mehrzahl zu gedenken, die vrüben ein trauriges Loos fanden. Wahr ist es ferner, daß verhältnißmäßig viele Juden, von der Schulbank au. sich unter ihres Gleichen Hervorthun, well sie viffe», daß sie, um etwas zu gelten, mehr chuu und leisten müffen, als Andere. — Auch dies find Umstände, dir dem Haffe Nahrung und Vorwand geben, und die wir weder ändern können noch wollen. Im Gegentheil, ein Rückschreitea väre sicheres Verderben, es muß also fortschreüend gekämpft und durchgekämpst werden. Sowenig wie wir, dem Judeuhaffe zu Gefallen, unsre Kinder in die Armenschulea smtt in Gymnasien schicken werden, sowenig werden di« Erwachsenen Lust haben, sich, um de« Neide auszuweichen, freiwillig in die drüte Linie zu stellen ob» gutmüthig dahin drängen zu lassen. Da gilt es Stellung behaupten, der Mißgunst die Stirn bieten. Aber ohne provoziren den Trotz, ohne Prahlen, Bordrängen, und auf redliche Weise. TaS ist'», wa« wir meinten, wen, wir auf da» Beispiel unsrer Vorfahren -hinwiesen, welch« in ihrem Leid sich schuldig bekannten. ES ist leider nicht alle» Verläumdung, Bosheit, Verkennung u. f. w., wa» gegen Jude« vorgebracht wird. Unsre Leser wissen doS so gut, daß e» eben so unnütz wie thöricht wäre, hier an Aufzählung oder Begründung zu gehen. Wir möchten unsre Leser nur bitten, die im vor. Blatte im Leitartikel gegebene Aeußerung Voysey'S über den Charakter der Juden nachzulesen. Wer hat zu diese« Portrait gesessen? Der erslebeste Jude? ES. ist keiner von uns jo albern, diese Schilderung auf alle Juden oder — auf sich selbst zu beziehen. Wen hat aber Voysey im Auge gehabt? Wir wissen es nicht direkt, aber unser Herz sagt uns so bestimmt, daß wir — wie man zu sagen pflegt — darauf schwören möchten: So gewiß wie Leffing'« Nathan kein ' anderer ist als MoieS Mendelssohn, sogewiß ist Voysey'S Hochherziger und Edler kein anderer als Moses Montesiore. Ja» lieber Leser, wenn der dritte oder der zehnte oder auch nur der je hundertste Jude ein Montesiore wäre! Großer Reichjhum wäre dabei gar nicht unerläßliche Zuthat. Wenn in «der Stadt nach Verhültniß ein Jude wäre ober einige, vor denen Jeder in Hochachtung sich neigen müßte, von denen man, wie das englische Wrltblatt von Montesiore, sagen könnt«: „sie streben dahin und erreichen e», arme Juden weniger elend und reiche Juden geachtet zu machen.".... Umgekehrt aber sagt Koheleth: „Ein Sünder richtet viel Gutes zu Grund«;" und auch das ist eine traurige, für un» Juden ganz abjonderlich abscheuliche Wahrheit, aber eine Wahrheit, und leider gibt e» solcher „Einen" gar Viele. Ganz besonders weisen wir nur noch auf die Verachtung der eigenen Religion und die Geringschätzung des Religiösen ' überhaupt hin, welche sich so viele Juden zu Schulden konimen lassen. Sie wollen dadurch der Gehäisigkeit die Spitze abbrechen oder sie wenigilens von sich ablenken. Sie täuschen sich gewaltig. Vor Jahrzehenten pflegten solch« Juden zu „christeln." Sie haben sich dadurch furchtbar lächerlich gemacht, ohne der Gehässigkeit ein Härchen auszurupse». Man carrikirte die Earrikatur und persiflirte die Persiflage — Jud' aber blieb Jud'. Und dennoch war das noch höchst unschuldig gegen das Gebühren so vieler unsrer zeitgenössischen Jude», Literaten und Privaten, welche an der Spitze der Gegner der Religion als die — Bajazzo'» einhermarschiren. Die christlich Gesinnten fassen gegen sie einen tödtlichen Haß, und wie könnten sie anders? — Die Andern lachen wohl mit, aber Achtung xiwirbt sich doch der Possenreißer nicht, und der Jude braucht Achtung! Das Judenthum aber wird von ihnen in de« Koch - gezogen und damit glauben sie eS — reinzuwaschen! Unselige Logik! ES ist keine große Kunst, noch minder ein großes Verdienst, immer nur über unverdiente» RischuS zu schreien. Wir.' sagen auch heut noch, nachdem di« Jomim uoraim längst vor» . über find: IJKBn WTC* *?3K „eS ist doch viele« eigene Schuld!" ' - .;;i3 . .'.int