Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 42.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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eiugrsperrt. Der Later de« Rädchen« begab sich nun zum Richter der Gemeind« und flehte um seine» Schutz; der aber sagte, er sei kein Narr, daß er stch der Gefahr anssetzrn »erde, sein Hau« angezünde« zu sehen, und schließlich entfithrle der Mädchenräuder seine Beute abermal« vom Gemeindehause au«, in Gegenwart de« Richter« und der gauzen Gemeinde, so wie de« oben erwähnten Rumänischen Popen, der ihn zu dieser Schandthat noch ermuthigt«. Am 20. mochte der verzweifelte Later die Anzeige beim Stuhlrichter, der jedoch gleichfalls jede Affistenz verweigerte; erst beimLippaer Bezirksgerichte fand der unglückliche Vater Gehör, und daffeld« forderte den Stuhlrichter auf, den V. M. und da« Mädchen zu eruiren und nach Lippa zu bringen, wa» dieser jedoch glttchfall« verweigerte. An, Freitag kam die Affaire endlich zur stenntniß de« TemeSvarer königlichen Gerichte«, «eiche« die ungesäumte Vorführung de« B. M. verordnet«. Bi« jetzt ist aber noch nicht eine Antwort erfolgt, und der Rädchenräuber befindet sich mit seiner Beute noch immer in ungestörter Ruhe, während die Familie de« geraubten Mädchen« der düstersten Verzweiflung anheimgefallen ist. Rußland. Petersburg Die vielen Beschränkungen, denen die Juden in Rußland leider noch immer unterworfen waren, schrumpfen in erfreulicher Messe immer mehr zusammen. So wird gegenwärtig im Ministerium de» Innern da« Project in Erwägung gezogen, da« Gesetz, welche« den Juden nur gewisse Gouvernement« zum Wohnorte anweist, nicht mehr auf diejenigen Bekenner mosaischer Eonsei non auSzudehnen, welche im Besitze eine« Zeugnisse« von irgend einer Lehranstalt sind Letztere sollen vielinehr da« Recht haben, stch überall im Reiche »iederzulaffen und Handel und Gewerbe zu betreiben. Man muß anerkennen, daß die gegenwärtige ruistschc Regierung bestrebt ist, natürlich mit Berücksichtigung der Verhältnisse, da« Unrecht gut zu machen, welche« die frühere» Regierungen in so inhumaner Weise den Juden angelha» haben. Die rnjfischen Juden hegen die berechtigte Hoffnung, daß di« Befreiung von ihrer Sonderstellung mit alle» ihren Bedrückungen nur die Frage eitler kurzen Zeit sei. Odessa. Wie ein Lorrespondenl der „Hazphtra" berichtet, hat staiser Alexander bei seiner Anwesenheit dahier am 7. Sept., al« er die Truppen inspicine, einen Juden Namen« H. Freimann (Freiwilliger) zum Offizier ernannt. Er ist der erste Jude, dem die« in Rußland zu Theil wird Dagegen hat, wie „Jew. Ehron." meldet, der St. Petersburger Senat einen kaiserlichen, an 'ha gerichteten Uka« veröffentlicht, welcher verordnet, daß zukünftig Juden nicht mehr da« Amt eine« Frieden«rtchrrr« bekleiden können. In Folg« davon sind viel« der bestehende» Beamten, welche Juden sind, abgefetzt worden. Warschau, im Sept. Eine höhere Handelsschule, welche Herr Leop. stronenberg (J-raelit) auf seine «osten errichtet hat, ist hier eröffnet worden. (Hazeph.) «frtka. Au» Alexaudrie», 12. Sept., schreibt man der Wiener „Presse": „E« ist mir heute vergönnt, Ihnen eine Neuigkeit mitzuthrilen, di« unter den J«raeliten de« Abendland«« nicht «eisig Aufmerksamkeit erregen dürft«, da sie dadurch erfahren werden, welchen romantischen Anschauungen sich die Juden Arabien« noch immer hingeben. 8» mögen jetzt schon ein Jahre her sein, da kam nämlich nach Sana, der Hauplde« «önigretch« Jeinen, in der eine zahlreich« und auch »ohlhabende Mische Gemeind« existirt, der durch seine Gefangenschaft in Abysfinten so berühmt gewordene englisch« Missionär, vr. Stern, um, wie er selbst sagte, „den dortigen Inden ein« frohe Botschaft zu bringen." Letztere, di« in ihm «tuen Glaubensgenossen wähnten, einpfingen ihn mit Ehren und in Freuden und lauschten so eifrig sein.» Worten und Belehrungen, ab» kämen sie au« de» Runde ihre« Rabbiner«. Bald darauf begann der Herr Doctor auch öffentlich« Borträge zu halten, in denen er den Juden Nachweisen, wollte, daß der von ihnen so sehnlichst herbeigewünschte Messia» eigentlich schon gekommen sei, und zwar in der Person de» Stifter« der christlichen Religion. Die Juden Sana« ersuchten nach dieser Verkündigung ihren abendländischen Gast, stch so schnell al« möglich au« ihrer Mitte zu entfernen. Dieser ging aber schnurstracks zum Sultan — in Sana residirte noch bi« vor einigen Jahren ein „Sultan von Jemen" — und zeigte chm an, daß die Juden Sana? sehr „verstockter Natur" wären und von keinem Fortschritte und keiner Belchrung etwa» wissen wollen. Daraufhin ließ der Sultan die „Schichach El Kenißin" (die Vorsteher der Gemeind«) vor sich kommen und sagte zu ihnen: „Hört Ihr, Ihr Jehud« (Juden)! Ihr seid wirklich ein abscheuliches Volk. Zuerst betet Ihr in Euren Synagogen, daß Allah Euch bald den Messia» senden möge, und nun, da man Euch die frohe Botschaft von der schon längst vor sich gegangenen Ankunft desselben bringt, da spottet und lacht Ihr darüber, so wie Ihr einst unseren „Nebbi" (Propheten) verspottet und verhöhnt habt. Al« Strafe für Euer Benehmen müßt Ihr mir diese« Jahr die stopfsteuer zweimal entrichten." Di« Juden Sana« seufzten und zahlten. Dies« Worte de« Sultan« wurden balb darauf in ganz Süd-Arabien bekannt, und überall begann man die „verstockten Jehud»" zu verhöhnen, die nicht nur gegen „Muss" (Mo.eS) und „Harun" (Aaron) widerspänstig waren, sondern auch den „Nebbi" verhöhnten und zuletzt sich gar über ihren eigenen Messia» lustig machten. Dieses Ereigitiß benutzte nun ein ehrgeiziger jüdischer Lehrer in der südarabischen Provinz Hadramaut, der sich seit seinem dreizehnten Lebensjahre ungemein stark in da« Studium der „stabbalah" (Geheimlehr«) vertieft haben soll, indem er nun öffentlich erklärt«, daß er von ber Vorsehung dazu an-^wählt worden sei, die Juden auS allen Weltgegenden zu sammeln und st« nach Jerusalem zurückzuführen. Dabei berief er sich hauptsächlich auf die Worte, welche der Patriarch Jacob vor seinem Tod« an seine um sein Sterbebett versammelten zwölf Söhne richtete und die bekanntlich lauteten: „Und ich werde Euch verkündigen, wa» euch am Ende der Tagt geschehen wird" (Genest», Eap XLH Vers 1.). Run, au« diesen Worten de« sterbenden Patriarchen wollen die Labbalisten herau«gefunden haben, daß, sobald der J«lam da» dreizehnte Jahrhundert seine« Dasein« erreicht haben wird, dann seine Herrschaft zu schwinden beginnen und Israel wird wieder in da» Land feiner Väter zurücktehren. (Die Gründung de« Islam« datirt bekanntlich au« dem Jahre 622 nach Ehristu», nach manchen arabischen Chronisten sogar au« dem Jahre 618 oder 617, und er wird daher bald sein dreizehnte« Jahrhundert erreicht haben.) Dieser neue Messia« — gewöhnlich nastut« man ihn „Jbn David" (Sohn David'«) in der Wirtlichkeit soll er aber Su lei man heißen — fand nun zahlreich« Anhänger nicht nur bei den Juden in Hadramaut, sondern anch bei denen in der Provinz Jemen, und überallhin ward die Lund« getragen, daß nun der wirfliche Messia» der Juden gekommen sei, der bald in „El-LudS" (Jerusalem) seine Residenz aufschlagen werde. Von allen Gegenden Arabien« begannen nun die Juden zu diesem Messia«, der seine Wohnstätte auf einem Berge im Süden der Stadt Mariba hatte — er wollte nämlich nicht mehr unter den Mahomedanern wohnen, um nicht durch deren Nähe verunreinigt zu werden — brachten ihm reiche Geschenke dar und erklärten stch auch bereft, unter seiner Fahne gegen „die J»maeltten" (Araber) zu kämpfen. In einiaen Gemeinden Arabien» ging man sogar so wett, daß ma.7 zu Ehren de» Messia« den Text der Gebete ändert«. Während dieser Zeit aber, al« sich dieser neue Messia« mit der Bildung seine« Ministerium«, der Abrüstung seiner Armeen und der Ernennung seiner jüdischen Generale und Feldmarschalle beschäftigt«, hatten die Heere de« Padtschah in Lonstanttnopel da» ganze Lönigretch Annen erobert, «nd Abdel-Aztz war fonsit der unmittelbare Rachbar de« zukünftigen „AAnig» von Jerusalem." der aber einstweilen in der Pwvinz Hadramaut prtvattfirte.