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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1875-01-01 · 6. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
6 (1875)
Issue
6. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1875-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— so erwidern wir ja dasselbe — abermal« mit selbftverftänbttcher Lendernng — unfern Eiferern. Und hier wie dort können wir dann wieder die Ligen nicht gegen die Wahrnehmung verschließe», (und wollend«« anch nicht!) daß sich in denkivilisirten Böllern überhaupt, t» Großen und Gauzen, und nm Große« und Ganze«, ein Lnleiuandergehetr von Gegensätzen de« religiösen Glauben« und de« totalen Unglauben«, de« Monotheiemu« und de« Heidenthuw«, vorbereitet. Darin haben die Lutherischen und unsre Orthodoxen schon ein richtige» Borgefühl, aber sie haben e» nicht allein, noch haben sie e» recht. Denn dabot handelt c« sich nicht um athanafianische« Symbolum und lotbhafltgeu Teufel jenerseit», nicht um Tragen von Regenschirm und falschen Scheitel dieserseit«, sondern um Sein und Nichtsein de« uu» und Jenen in der Religion Gemeinsamen. Doch da« führt viel weiter, al« gelegentliche Bemerkung verstauet. 2. Eine wohlwollende veurtheilun g de« Judenthum«. Wir haben jüngsthin so ost und vielfach von judenfressenden Preßerzeugniffen zu berichten und zu besprechen gehabt, daß e» wohlthnt, auch einmal von einer wohlwollenden und richtigen, well nicht einseitig lobenden, veurtheilung der Juden und de» Judenthum« erzählen zu können. E« ist ein Feuilleton der R. Fr. Pr. »da« Judenthum im modernen Staate" von C. v. W. Wir geben nur Auszüge, theil« wörtlich, theil« inhaltlich, da weitere Loncentirung entbehrlich ist. »Wie sie da vor un« steht — so beginnt der Artikel — »die Pflanz de« Morgenlande« in abendländischem Boden", ein Stück tu« Ganzen und doch eigenartig, nach Innen zusaMmengehalten durch historische» Recht und vieltausendjährige Tradition, «ach Außen von langem Drucke und nachwirkender Verkümmerung sich erhebend im jungen Lichte der neuen Freiheit, de« vernünftigen Rechte«. Wa« ist e», da« dem Judenthum die Widerstandskraft verlieh, vierthalb Jahrtausende zu überdauern, zugleich die Fähigkeit, allen staatlichen und Culwrzuständen der Länder und Völker, urit^t denen e« zer streut ist, sich mindesten« so weit anzuschmiegen, daß — Verfolgungen und Unterdrückungen durch passive« Dulden überlebend — dem Staate der Reuzeft e» einen Grundstock von merkantilen, künstlerischen und wissenschaftlichen Talenten beizubringen vermochte, der die Stellung rechtfertigt, welche seine Bekenner nunmehr, al« Freie unter Freien, in allen Sulturstaaten einnehmen?" So zeigt die Fragestellung schon dic Gesinnung, au« der heran« wir die Antwort zu erwarten haben. Diese Antwort geht nun alsbald davon au», daß da» Wort »Bekenner" hier nicht zutreffend sei. Da« Judenthuni W fein 6lAittfliW BlaubenSdekenntniß, der MonolheiSmu» ist wohl unentbehrliche Grundlage, aber über da« Wesen Gotte« ist schon da« Denken fteigegeben. Da« Ritual hat gebunden, Forschung und Geist waren alle Zeft frei. Da« ist eine der Ursachen, die da» Judenthum, im Leben gedrückt, im Geiste so frei gemacht, weshalb es sich uu Lichte der Reuzeit mit so wunderbarer Spannkraft entfaltete. Dazu komckt die Eigenthümlichkeit de« Stamme«, der sich vor allen anderen ünvermischt erhalten und immer stärker entwickelt hat. Ein weitere« Moment ist die Fernhaftung jeder priesterftcheu und seetsmkgerischen Autorität, die voEstäudige Gleichheit aller Inden von dem Religion«- gesetze und in der Erforschung und Aneignung derselben. »Al« vierte« Motiv wirkt ans die geistige Spannkraft de» Inden da« voruttbeil, da« ihm im Lebe» entgcgenfteht. Der Jüngling bei seinem Eintritt in einen bürgerlichen Beruf, der Mann in seiner gesellschast i hen Stellung ist sich bewußt, daß er zurückstehen werde gegen seine christlichen Mitschüler, Beruf«- genoffen und Mitbürger, wenn er nur da« Gleiche, wenn er nicht mehr al« sie leistet. Da« Factum de« mehr over minder verdeckte!, Vorurtheil« steht ihm von Jugend auf vor Augen, und der angeborne Scharfsinn seiner Rare, verstärkt durch ihre tausendjährige Unterdrückung, lehrt den Juden in der Kindheit schon instinktiv, in der Praxi« de« Leben« bet vorgeschrittenem Alter, daß er nur durch größeren Fleiß, größere Thättgkeit überlegene« Wiflen und Können emporzukommen hoffen dürfe. Da« spannt alle Nerve», regt alle Geisteskräfte an — natürlich nur bei den von Hause au« Begabten. In dem ehrenfesten patriarchalischen Leben der altjüdischei» Familie ausgewachsen, sind chm meist die — bei den semitischen Racen ohnehiy selteneren — Laster de« Trünke« und de« Spiele« fremd; dagegen hat ein noch wenig geklärter, häufig sogar fehlgreifender Ehrgeiz, von dem seine Vorfahren nicht die leiseste Ahnung hatten, iha ergriffen. Weil er füblt, daß er Schranken übersetzen muß, die der Erreichung de» Nächstliegenden Ziele« im Wege stehen, treibt e» ihn, einmal im Zuge, allzuhäufig, weit über dies; hinau« zu streben. Man wird ihn» den Juden verzeihen, »venn er »mit Vorzug" die Tlassen durchmachl, die Rigorosen mit Auszeichnung besteht, wenn er in dem gewählten Berufe ganz Besondere« leistet; aber auch wie viele deuten, wenn da« durch exotische Titel und vielfarbige Ordenubändchen belegt erscheint; von denen gar nicht zu sprechen, welche die schwindelnde Höhe de« MtU lionär« zu erreichen streben, der. geadelt und baronifiit, wenigsten« in Berwaltung«räthen, in Wolthätigkeit«-Aufrufen und in Theaterlogen neben allfürstlichen und allgräfliche» Ehristen figurtrt. In der That ist in unserer Zeit da« Streben vieler Inden nach großem Reichthum häufig mehr eine Folge ihre» irregeleiteten Ehrgeize«, al« einer unmäßigen Habsucht. Da« liegt in der Tenoenz einer wesentlich materiellen Zeit, welche meist den Menschen nach dem schätzt, wa« er befitzt, »wa« er werth ist," wie der Engländer sich au«- drückt, wenn er den Reichthum eine« Manne« taxirt." Die«, fährt der Artikel dann fort, bestimmt auch die politische Richtung der meisten Juden, sie sind liberal, weil sie un« von den Errnngenschaften de« liberalen Juden leben, und konservative Anhänger der Regierung, weil sie wüffen, daß sie de« Schutzegeregelterer Staatroerhältniffe nicht entratheN können. Die« ist dann, wa« auch ursprünglich Erzeugüiß wohlberechneter Einsicht, sehr balv Gefühlssache geworden In Deutschland, in England, in Frankreich, in ven Niederlanden, überall, wo da« öffentliche Lebe» und die StaatSverfaffung von dem Bernunftrechte dnrchtränkt sind, zählen die Juden zu den eiftigsten Patrioten, und die Stammesverschiedenheit ist für sie entfernt kein Hinderniß, sich au« voller Seele mit der Ration zu identifieiren, freudig die größten Opfer für da« Land zu bringen, da« ihr rechte« und echte« Vaterland geworden." Der Verfasser spricht dann näher über die Ssterreühi, scheu Verhältnisse. Die Juden in den slavischeu Ländern, fühlten, baß sie aus brutsche Euftur hingewiesen find, um der

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