Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 21.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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165 — FelkillitorL- Die Inden in (Fortsetzung.) Auf jt'bcn Fall zieht sich die Einwanderung der Inden in Aelhiopien in da» graue Alterthum hinauf. Ihre völlige Unkenntniß de- Talmud- (einschließlich der Mischnah), ihre OpserkulluS und die Beibehaltung der mosaischen ReinigungSgefetze gibt einen vollen Beleg hierfür, wie auch der Umstand, daß ihnen die Kennlniß der hebräischen Sprache vollständig abhanden gekomnien i't. Luch herrscht in Abessinien ganz allgemein die Tradition, daß vor der Einführung de- Christentbuin« da- Volk -um Theil heidnische Pflanzenanbeieit, znM' Theit aber jüdischer Religion gewesen, und daß auf jeden End da» Judeinhum bi« älteste der jetzigen Religionen des indes sei. Zur Zeit der Einführung de- Christenthum» sollen nach einer alten Chronik die Juden nur den Orit, da» heißt, die Thora, Josua, Richter, Samuel und Ruth, also die ältesten Lheile de» alten Testaments, beseflen haben. Die gbessinische» Herrscher haben übrigen» gleichfalls itttt-i« Stamstlbäumstet»' auf Menelek zurückgeführt und" sich aus ihre duvibische Abstamniung nicht wenig zu Gute gethan Selbst Theodorut, der letzte abessiniiche König, rühmte sich, wenigsten» mütterlicherseits v.>u Menelek abzustammen, und hat e» den evangelischen Missionaren an seinem Hofe sehr übel vermteky daß sie über diese Prätention gespöttell hauen. Die Einsührun,', de» Chriskenlhums in Abessinien fand wahrscheinlich im dritten Jahrhundert statt. Wie sich dasselbe dauial» in diesem Lande zum Judenthum stellte, ist schwerlich jetzt mehr zu ernlitteln. Auf jeden Fall bestanden beide Religionen neben einander, di« Landesherrschcr waren jedoch Christen.' Der EWü'> de^ Inden, die, wie «S scheint, in einigen Provinzen die Mehrzahl bildeten und unter eigenen SiainmeSsürsten ober auch Fürstinnen standen, nivß jedoch immer noch bedeutend geblieben sei». In dieser Sachlage ist vielleicht der Schlüffel zu dem ersten historisch beglaubigten Eingreifen der äthiopischen Herrscher in auowäriige Angelegenheiten zu finden. ES war nämlich ei» Kaiser von Aeldiopien, welcher dem jüdisch himjaritischen Reiche de» Dhu Roiva» in der ersten Hälfte de» sechsten Jahrhundert» ein gewaltsame» Ende bereitete. Die griechischen Schriftsteller stellen die» so dar, al» ob der Hof von Byzanz/ aufgcreizl durch die Grausamkeiten, mit welchen Dhu NowaS dir arabischen Christen verfolgt hätte und in Besorgnis, daß dieser jüdische Herrscher von Jenien den Handel mit Z»men stören möchte, den äthiopische» Kaiser überredet hätte, mit einem Heere Dia» rolhe Meer zu überschreiten und den jüdischen König zu bekriegen. Vielleicht hatte aber der Aethwpirr, der sich um die byzantinischen Kaiser nicht zu kümmern brauchte, einen näher liegenden Grund zu diesem Kriege- Mochte er nicht fürchten, daß, wenn da« benachbarte jüdische Reich von Jemen zu sehr erstarkte, dasselbe sich mit den äthiopischen Juden verbinden und diesen zur Herrschaft ii» Lande verhelfe» könnte. Diese Gefahr wurde jetzt beseitigt, da» himjarilische Reich von den Aelhiopiern erobert und unterworfen und da» Judenlhunl in Südarabien, wo e» schwerlich iw Volke liefe Wuseln gefaßt haben konnte? bi» auf wenige Reste auSgerottel. Allein die Vergeltung blieb nicht au». Dir äthiopische Herrschaft :n Jemen haue nicht lange Bestand, sie verschwand vor dem Andrange des jugendlichen Islam. In Abessinien selbst geriethen die Kaiser mit der streitbaren jüdischen Bevölkerung in ernste Fehde. Endlich, zur Zeit Eldads, des Danitrn, oder etwa» später, gelang eS sogar der jüdischen Königin Judith (Djudith), in Verbindung mit den Heiden au» Schoa, sich der Landeshauptstadt Axum zu bemächtigen und den dortigen Tempel zu zerfrören, während eine spätere jüdische Königin Eagne oder Pteu Mu aus Lasta den äthiopischen Kaiser (NeguS) Delmad und dtffen' Dyiiaftie »ach Schoa vertrieb und sich selbst der Oberherrschaft des Luches bemächtigte. Während mehr al« 8 Jahrhunderten beherrschte eine jüdisch« Dynastie das abrfsintsch« Reich. Erst einem später» Nachkommen Delmad'», dem Te«fa Jesui oder Jkuni Amlak gelang e» im 13. Jahrhundert die Herrschaft des Landes den Juden wieder zu entreißen. Dieser oder besten Nachfolger soll die Juden in die Provinzen Goara und Tschelga zurückgedrängt und au» den übrigen Theilen des Lande» vertrieben haben. Dies E-il scheint jedoch nicht allzulange gedauert zu haben; wenigstens fanden, wie ich bereits angegeben habe, die Portugiesen im 16. Jahrhundert wieder zahlreich« Juden im ganzen Land« verbreitet.*) Nachkommen dieser alten jüdischen Herrscher, unter denen auch einer den Namen Gideon geführt haben soll, werden noch jetzt unter den Falascha gefunden. Wenigsten» wird ein in SeMien wdhnelcker jüdischer Grei» Aba Gideon als einer dieser KönigSsprößlinze bezeichnet. RaS Ubie, der christliche Fürst von Tigreh, Schwiegervater des Königs Theodoru», rühmte sich gleichfalls von diesem Judenfürsten abzuslammen. Dieser, von den Schicksalen der Juden in andern Ländern so sehr abweichenden, Gestaltung der jüdischen Verhältniste Abessiniens, ist wohl zunächst die Einwirkung zuzuschreiben, die das jüdische Cerenwnialgesetz hinsichtlich der Beibehaltung der Beschneidung, de» EabbathS u. s. «. auf da» Christenthum der Abessinier ausgeübt hat, sodann aber auch der glückliche Umstand, daß die Juden in diesem Land« keine ReligionSversolgunq erlitten haben, daß sie stets geachtete, gleichbercchttgte Bürger de« Staates waren und erst in neuerer Zeit und in Folge der Jntriguen evangelischer Missionare einen, glücklicherweise nur vorübergehenden, Angriff auf ihre religiöse Unabhängigkeit zu erdulden hatten. Der Rami „Falascha", Verbannte, soll nicht aus eine etwaige Vertreibung Hinweisen, sondern nur andeuten, daß sie einst von auswärts eingewandert seien, vielleicht liegt auch darin der Ausdruck der Sehnsucht nach dem heiligen Lande, indem sie an die dereinstige Erlösung und an den Messias, den sie „den großen Theodoru»" oder auch „des Löwen Sohn" (Anspielung auf Juda) nennen, sowie an die Rückkehr nach Palästina glauben. **) ErNäruiljl. Zu unserem Leitartikel in lltr. 12 d. I. „Frankel und seine Nachfolger" ist un» eine große Zahl zustimmender Erklärungen von College» und Freunden des Seminar» zugegangen; nur ein gegen denselben gerichteter ArUkel wurde der Redaction von eiuem jüngeren Seminaristen zugesendet. Diesen Artikel würde die Redaction, um aukh. den-LHein der Parteilichkeit zu vermeiden, in blesemAlatke abgedrüat, un» dagegen za einigen Nachbemerkungen Raum gegeben haben, um unsere Ansicht nochmals unserem jungen Freund« zu erklären. Da dieser aber den"Abdruck seines Artikels ohne jede Gegenbemerkung unsererseits forderte, so ist, wie wir wiffen, auf diese, gelinde gesagt, ungewöhnliche Forderung, der betr. Artikel «»gedruckt zurückgesandt worden. Jetzt ist nun dieser Arttkel umgearbeitet, aber mit Beibehaltung der hervorragendsten Schlagwörter, in einem andern jüdischen Blatte abzedrum und der Redaction der i»r. Wochenschrift ln ziemlich unverblümter Weise da» Nichtabdrucken de» erste» Ariikel» oorgeworfea worden! Wir ehren die in jener Forderung ausgesprochene Ueberzrugung, daß die von Mißverständniffen und Mißdeutungen unserer Ansichten strotzende Entgegnung eine Widerlegung nicht» «rlragtn^ünne. Wir glauben sogar, daß er einer Widerlegung nicht bckarf und verzichten darum auf jede »Polemik gegen diesen Gegner. R •) Ritzer«« über diese historischem gröhtentheil« nur sagenhafte» Moment« werde ich im Anhänge nachbringen. •») <&* ist indessen doch auch mSglich. daß diese Bezeichnung „Fa. lascha" erst nach der Beitreibung der Juden nach Soara und Lfchelga un» in Folge derselben anfgetommen ist. 3raS Wt